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MUSIK: Arcade Fire – die Wucht der Stunde

Arcade Fire haben sich mit ihrem pathosbeladenen Rock tief in die Herzen ihrer Fans gespielt. Soeben gastierten die Kanadier in Nyon. Das Konzert war überwältigend. Die neue Platte ist es etwas weniger.
Michael Graber
Arcade-Fire-Frontmann Win Butler bei seinem Konzert am Paléo Festival. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone)

Arcade-Fire-Frontmann Win Butler bei seinem Konzert am Paléo Festival. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone)

Michael Graber

Überwältigungsmusik hat mal jemand genannt, was Arcade Fire machen. Diese Woche konnte man sich am Paléo Festival in Nyon davon überzeugen, dass der Begriff komplett richtig ist. Die Kanadier spielten ein Set voller Gänsehautmomente, und nach Songs wie «No Cars Go» oder «Here Comes The Nighttime» war man schlicht und einfach ergriffen – überwältigt eben. Von all den Gefühlen, die da hochkommen. Von all der Energie, die plötzlich da ist. Von der puren Schönheit des Moments. Ja, Arcade Fire überwältigen wie der erste Kuss mit einer neuen Liebe, dann, wenn einfach alles so richtig gut und einfach ist.

Mit ihrem pathosgeladenen und verspielten Rock hat sich die Band um Win Butler und Régine Chassagne in den letzten Jahren zur wichtigsten zeitgenössischen Rockband gemausert. Mit einer ergebenen Fangemeinde: Das Konzert in Nyon verfolgten die knapp 40000 Zuschauer mit einer Mischung aus Andacht und Begeisterung. Die Fans stehen auch mit einer gewissen Vehemenz hinter der Band. Auf Youtube kann man in Beleidigungen ausufernde Diskussionen nachlesen, wenn sich jemand getraut hat, einen negativen Kommentar über einen Song zu verfassen. Und die häuften sich in letzter Zeit. Am kommenden Freitag erscheint das fünfte Album «Everything Now» der Band und nicht alle der vier vorab veröffentlichten Songs wurden nur mit Gegenliebe empfangen (was aber im Internet eher die Regel als die Ausnahme ist).

Der Druck verpufft

Dabei ist der Grundgedanke gleich geblieben: Es ist immer noch Überwältigungsmusik, aber sie überwältigt jetzt teilweise ein bisschen anders. Arcade Fire überwältigen jetzt nicht mehr wie ein erster Kuss, sondern wie ein Polizist einen Dieb. Ihre Musik drückt einen vor lauter Wucht beinahe zu Boden. Und wo sonst der Druck in den Songs immer hochgehalten wurde, verpufft die Wucht jetzt stellenweise. Ein gutes Beispiel ist die Live-Variante von «Creature Comfort». Auf der neuen Platte ein ziemlich guter Song über das Streben nach Ruhm und der allgemeinen Perfektion im Leben. Der schön-dunkle Disco-Groove ertrinkt am Paléo komplett in einem wuchtigen Techno-Gestampfe. All die kleinen Nuancen gehen gnadenlos unter. Die Wucht macht den Song nicht grösser, sondern lässt ihn austauschbar wirken. Es ist aber der einzige kleine Taucher in den hundert Konzertminuten.

Auch auf dem Album hat es ein paar Taucher. Es ist vielleicht das erste Mal, dass einen nach dem Durchhören eines Albums von Arcade Fire das Gefühl beschleicht, dass da irgendwie zu viel drinsteckt. Man hört Disco, man hört Rock, man hört Bowie, man hört Abba, man hört etwas Punk und etwas Wave. Die Aufzählung ist nicht abschliessend. Man hört wahnsinnig viel. Arcade Fire sind nie stehen geblieben und haben ihren Sound mit neuen Einflüssen verwoben und sich stilistisch weiterentwickelt.

Bislang fühlte sich diese Entwicklung aber immer logisch an. Das tut es leider bei «Peter Pan» und «Signs Of Life» nicht mehr. «Peter Pan» ist ein sehr eigener Reggae-Song und bei «Signs Of Life» will trotz vieler munterer Handclaps keine richtige Stimmung aufkommen. Vielleicht ist das passiert, was Arcade Fire im Titelstück «Everything Now» besingen: Den Wunsch, immer alles jetzt zu haben. Dieses Streben lässt die Menschen an ständiger Überforderung leiden, bei der Musik besteht die Gefahr, zu viel reinpacken zu wollen.

Starkes letztes Drittel

Aber natürlich: Das ist ein Klagen auf sehr hohem Niveau. «Everything Now» ist eine gute Platte. Vor allem das letzte Drittel der 13 Songs ist richtig stark. So ist beispielsweise «Electric Blue» ein schleppend-groovender Synthpop-Zauberwürfel mit einer wunderbar singenden Régine Chassagne. In «Put Your Money On Me» schlummert dann sogar noch der heimliche Hit dieses Albums. Aber auch das ändert nichts daran, dass die von Thomas Bangalter (Daft Punk) und Steve Mackey (Pulp) mitproduzierte Platte zwar gut, aber eben nicht grossartig ist. Für eine Generation, die eben immer «Everything Now» haben will, ist das bereits eine kleine Enttäuschung.

Arcade Fire werden an ihren eigenen Massstäben gemessen, und die sind auch wegen ihrer Liveshows sehr hoch. Da ist auch das Konzert am Paléo keine Ausnahme: Viel besser geht es eigentlich gar nicht. Und als kurz nach ein Uhr in der Mittwochnacht die letzten Takte von «Wake Up» verklungen sind, steht man einfach noch ein wenig da und lässt die Überwältigung noch ein bisschen wirken.

Vielleicht ist die Entwicklung von Arcade Fire mit ihrem neuen Album nur logisch. Vielleicht muss das Gefühl gar nicht immer sein wie beim ersten Kuss, sondern es reicht auch schon, wenn man über zehn Jahre eine glückliche Beziehung («Funeral» erschien 2004) führen kann.

Arcade Fire: «Everything Now», Columbia, ab 28. Juli.

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