MUSIK: Dem Zeitgeist stets auf der Spur

Das Montreux Jazz Festival feiert seinen 50. Geburtstag und strahlt in die Welt. Unser Autor hat die Entwicklung zu einem der wichtigsten Festivals hautnah miterlebt. Eine persönliche Betrachtung.

Stefan Künzli
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David Bowie war 2002 in Montreux... (Bild: Keystone)

David Bowie war 2002 in Montreux... (Bild: Keystone)

Stefan Künzli

Ich war 16 und schon damals musikbesessen. Doch Pop wurde immer öder. Mitte der 70er-Jahre passten sich selbst die grossen Rockbands immer stärker den Bedürfnissen der mächtigen Musikindustrie an, Disco war mir zu geschliffen und Punk zu plump. Umso mehr faszinierte mich, was sich dort unten am Genfersee abspielte. Eine neue Welt lockte. Die grosse Welt des Jazz.

Aber nicht Dixieland oder Swing, wie ich ihn von meinen Eltern kannte. Es war die Zeit des Jazz-Rock. Es waren die Schüler von Miles Davis: Herbie Hancock, Chick Corea und Weather Report. Oder erinnern Sie sich an den Finnen Jukka Tolonen? Der bleiche, dünne Gitarrist mit den langen Haaren spielte am Festival 1978. Der war hip. Und Irakere war da. Eine Sensation! Die Vorzeigeband aus dem kommunistischen Kuba sorgte mit furiosem afro-kubanischem Jazz für Furore. Nein, der Jazz in Montreux erfüllte schon damals das Reinheitsgebot nicht.

Das Fenster zur Welt

Ich verfolgte alles am Radio. DRS übertrug damals noch live oder zeitversetzt aus dem Casino. Im Jahr darauf fand meine persönliche Premiere am Jazzfestival statt. Meine damaligen Helden, Chick Corea und Herbie Hancock, waren angesagt und spielten ein denkwürdiges Duokonzert im Casino. Am Tag darauf führten mich die Mingus Dynasty, eine Band zu Ehren des ein Jahr zuvor verstorbenen Bassisten, in die reiche Musik von Charles Mingus ein. Jazz hatte mich gepackt und liess mich nicht mehr los.

Montreux war mein Fenster zum Jazz, aber auch in die Welt. Hier lernte ich die afrokubanischen Rhythmen kennen und entdeckte die reiche Musikkultur Brasiliens: Gilberto Gil, Caetano Veloso, Joao Gilberto und Airto. Alle waren hier und haben seit 1978 ihren festen Platz im Programm. Dazu kam Reggae mit Peter Tosh, Sly & Robbie und Jimmy Cliff. Und Afrika. Afrikanische Popmusik mit Miriam Makeba, Mory Kante, Manu Dibango und Youssou N’Dour.

Das Jazzfestival am Genfersee hat mich musikalisch sozialisiert. Montreux ist für mich aber noch viel mehr. Als Kantischüler hatten wir kein Geld für Hotels, weshalb wir im Garten hinter dem Casino ein Zweierzelt aufstellten. Dort, gleich an der Promenade zum Genfersee, bildete sich eine kleine Zeltstadt von Freaks, die mit ihren Gitarren und Perkussionsinstrumenten bis tief in die Nacht jammten. Mittags um 12 Uhr weckten uns die ersten Bands, die dort auf der Terrasse zur Badi des «Eden au Lac» spielten. Der Jüngling atmete den Duft der Freiheit und der Welt. Das Jazzfestival lieferte den Soundtrack dazu.

Kommerz und Musikmesse

Das wurde damals alles geduldet. Das Happening im Garten des Casinos wurde für einige Jahre zu einem festen Bestandteil meiner Sommerferien. Doch Mitte der 80er-Jahre war plötzlich Schluss mit der Hippie-Herrlichkeit. Polizisten patrouillierten und wiesen uns Freaks freundlich, aber bestimmt vom Gelände. Das Festival wurde anders, professioneller, kommerzieller. Logisch, dass ich diesen Wandel damals bedauerte und mit grosser Skepsis verfolgte. In der Entwicklung zu einem der wichtigsten Musikfestivals der Welt war der Schritt aber unvermeidlich.

Der Einzug ins grosse Auditorium Stravinski war der nächste grosse Schritt in der Entwicklung des Festivals. Saal und Akustik erfüllten zwar höchste Ansprüche, doch die 4000 Plätze mussten auch besetzt werden. Popstars mussten her. Jazz wurde am Jazzfestival zu einer Minderheitenmusik und Montreux zu einer Art Musikmesse. Zu einem musikalischen Gemischtwarenladen, in dem alles akribisch durchgeplant und programmiert werden musste. Das Festival verlor an Charme, Intimität und Spontaneität.

Doch auch meine Beziehung zu Montreux hatte sich verändert, wurde quasi professionalisiert. Ab 1988 war ich als Journalist akkreditiert, erlebte unzählige Highlights und manche Flops. Ich lernte den legendären Festivalgründer ­Claude Nobs kennen und war einige Male zu Gast in seinem Chalet hoch über dem Genfersee. Er hat das Festival zu dem gemacht, was es heute ist. Kein Zweifel: Er war geschäftstüchtig. Die Rechnung musste stimmen. Aber sein Enthusiasmus und seine Begeisterungsfähigkeit für die Musik waren viel grösser. Nobs ist bis zu seinem Tod ein Fan geblieben. Er liebte die Musik über alle Stile hinweg. Und er liebte vor allem die Stars. Für sie machte er alles und beschenkte sie reich. Unvergessen, wie er mir ein mehrere tausend Franken teures Kleid der italienischen Star-Designerin Angela Missoni samt Begleitbrief in die Hand drückte. Mit der Bitte, es der Sängerin Lauryn Hill am Zermatt Unplugged zu überreichen.

Und es gab diesen speziellen Mon treux-Geist. Die Freude an stilübergreifenden Mixturen, die Lust, Grenzen auszuloten und zu überschreiten, den Puls der Zeit zu spüren. Claude Nobs verkörperte ihn, aber auch Miles Davis und Quincy Jones. Miles kehrte 1984 auf die Bühne zurück und spielte danach fast jedes Jahr in Montreux bis zu seinem Tod im September 1991. Es war seine bei Jazz-Puristen umstrittene Pop-Phase, in der der exzentrische Trompeter aus Rock, Pop und Funk schöpfte. Dem Zeitgeist auf der Spur. Zu Montreux passte das perfekt.

Quincy Jones’ Mission

Mit dabei waren Jazzstars wie John Scofield und Kenny Garrett. Und ich als Zuhörer. «Miles formte die Identität des Festivals. Montreux ist Miles», schreibt Marcus Miller, der letzte musikalische Direktor des Meisters, im Buch zum Jubiläum «50 Summers of Music».

«Keine Kategorien mehr. Du bist derjenige, der die Kategorien in der Musik auflösen kann», hatte Duke Ellington seinem Freund und Jazz-Kollegen Quincy Jones auf den Weg gegeben. Das Vermächtnis des Duke wurde für ihn zur Mission. Zuerst machte er Michael Jackson zum Superstar, als Co-Produzent von Montreux wollte er sich danach von allen Musikgattungen befreien. Er mischte alles Mögliche und Unmögliche. Das war zwar ambitioniert, das musikalische Ergebnis blieb meist dürftig. Aber es festigte die Philosophie von Montreux: Es gibt keine guten oder schlechten Stile, es gibt nur gute oder schlechte Musik. «I am a Montreusien», sagt Quincy Jones.

Den Geist bewahrt

Diesen Enthusiasmus und diese Begeisterung für die Musik spüre ich auch bei Mathieu Jaton, der 2013 Nachfolger des verstorbenen Festivalgründers wurde. Bei aller Kommerzialisierung und Professionalisierung hat Montreux über die Jahre seinen Geist bewahrt. Das Casino ist Vergangenheit, die Badi ist geblieben. «I am a Montreusien, too.»

Montreux Jazz Festival: 1. bis 16. Juli.

 

Zwei Katastrophen begründeten den Weltruf

GESCHICHTE sk. «Das Konzert war ein Desaster», sagte der völlig aufgelöste Pianist und Sänger Les McCann zu seinem Produzenten. «Die Band hat es völlig vermasselt, die Musiker spielten nicht mal die richtigen Noten.» Aus der Sicht von Les McCann lief an diesem 21. Juni 1969 in Montreux alles schief. Trompeter Benny Bailey musste als Ersatz kurzfristig einspringen, und die Musiker erschienen gar nicht erst zur Probe. «Ehrlich, nichts war geplant. Das Konzert war eine einzige Jam-Session», sagt McCann rückblickend. Harris schaute Les McCann beim Spielen dauernd über die Schulter, um die Akkorde zu sehen, über die er spielen sollte. Dabei wurde dieses exklusive Konzert am Montreux Jazz Festival sogar aufgenommen und als Platte geplant.

 

Freiraum zur Entfaltung

Als Les McCann aber die Aufnahmen hörte, war er platt. «Es war umwerfend. Die Kraft und die Energie der Musiker waren viel grösser als die Fehler», schreibt er rückblickend. Für Les McCann war es eine Lektion: Es ist wichtiger, den Musikern den Freiraum zur Entfaltung zu geben, als die Arrangements strikt einzuhalten. Nur so konnten sie «die Magie des Moments» nutzen. Die vermeintliche musikalische Katastrophe wurde zum Glücksfall für Les McCann, Eddie Harris und das Montreux Jazz Festival. Das Album erschien unter dem Namen «Swiss Movement. Live At The Montreux Jazz Festival». Der Song «Compared To What», eine Anklage gegen den Vietnam-Krieg, wurde zu einem Hit, «Swiss Movement» das erste Jazz-Album, das sich weltweit über eine Million Mal verkaufte und das den Weltruf des Montreux Jazz Festival begründete. Claude Nobs nannte Les McCann «The man, that put Montreux on the map».

 

Ein klingendes Denkmal

Die zweite Katastrophe von Montreux hatte nicht direkt mit dem Jazzfestival zu tun. Im Dezember 1971 wollte die Hardrock-Band Deep Purple im Casino von Montreux ihr neues Album aufnehmen. Doch während des Konzertes von Frank Zappa brach ein Feuer aus, und das Casino wurde ein Opfer der Flammen.
Sänger Ian Gillan schrieb dazu einen Songtext mit dem Namen «Smoke On The Water», Ritchie Blackmore steuerte das markante und unverkennbare Gitarrenriff bei. Im von Claude Nobs vermittelten, kurzfristig eingerichteten Ersatzstudio im Pavillon unterhalb des Hotels Palace hatten die schlotternden Briten eine erste Version aufgenommen, als um 1 Uhr nachts die Polizei wegen Nachtruhestörung an die Türen klopfte.


Die Band musste sich ins leere «Palace»-Hotel verschieben, und die Rolling Stones liehen den Musikern ihr mobiles Studio. Die Zeit drängte. In zwei Wochen sollte alles im Kasten sein. Dabei ging «Smoke On The Water» völlig vergessen. Nur weil die Band noch zu wenig Material hatte, griffen die Musiker auf die unfertigen Aufnahmen aus dem Pavillon zurück.

«Wir konnten uns nicht vorstellen, dass ein solch lokaler Event eine solch universelle Resonanz erhalten könnte.» Das Album «Machine Head» wurde zu einem Markstein des Rock und «Smoke On The Water» ein Welthit, der Montreux und «Funky Claude» Nobs ein klingendes Denkmal setzte.

...B. B. King (hier 1998) war Stammgast. (Bild: Keystone)

...B. B. King (hier 1998) war Stammgast. (Bild: Keystone)

Miles Davis (1988)... (Bild: Keystone)

Miles Davis (1988)... (Bild: Keystone)

...und Prince (2007) lieferten unvergessliche Konzerte. (Bild: Keystone)

...und Prince (2007) lieferten unvergessliche Konzerte. (Bild: Keystone)