MUSIK: Die besonderen Stimmen von Ettiswil

Elf Produktionen bringt das Stimmen-Festival Ettiswil dieses Jahr auf die Bühne. Was ist den Veranstaltern dabei besonders wichtig? Wir haben nachgefragt.

Pirmin Bossart
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Der Kameruner Blick Bassy singt souligen Afropop mit einer Stimme, die an Joe Cocker erinnert. (Bild: PD)

Der Kameruner Blick Bassy singt souligen Afropop mit einer Stimme, die an Joe Cocker erinnert. (Bild: PD)

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

«Die Stimme ist als Instrument jedem Menschen am nächsten. Sie ist wohl der direkteste Zugang zur Musik», sagt Sabrina Rohner-Troxler zum Kern des Stimmen-Festivals Ettiswil. Sie programmiert dieses im dritten Jahr mit ihrem Partner Adi Rohner-Troxler. «Durch die vielen Facetten, wie eine Stimme– auch in Kombination mit Bands – eingesetzt werden kann, haben wir viel Freiheit beim Programmieren.»

Neben der musikalischen Qualität achten sie bei der Zusammenstellung des Programms vor allem auf die Vielseitigkeit der Stimmen. So ist ihnen «extrem wichtig», auch eher ungewohnte Ausdrucksweisen nach Ettiswil zu bringen. Stimmen und Musiker aus Afrika etwa, die auch zeigen, wie die Welt ausserhalb der vertrauten Alltagsberieselung sonst noch klingt.

Reibeisenstimme und singender Schlagzeuger

Dieses Jahr setzt Blick Bassy aus Kamerun mit seinem souligen Afropop einen solchen Hörpunkt. Eine Reibeisenstimme à la Tom Waits und Joe Cocker hat der Sänger und Kontrabassist Daniel Restrepo von FatsO. Das Septett aus Kolumbien hat sich auf Blues und Jazz spezialisiert. Mit Josh Dion von Paris Monster ist ein singender Schlagzeuger zu hören. Das von Funk und Soul geprägte Duo aus New York schlägt Brücken zum modernen Roots-Pop.

Einen geradezu lyrischen Kontrapunkt setzen die beiden Frauenstimmen des schwedischen Duos Good Harvest. Mit ihren Harmonien und zarten Melodien erinnern sie an den Folk-Rock von Simon & Garfunkel.

Eine Mischung aus Lesung und Musik ist der Auftritt von Landsteiner im Schloss Wyher mit dem in Emmenbrücke lebenden Schriftsteller Beat Portmann. Dieser ist – mit Violine – selber Teil der Band. Das Trio inter­pretiert Songs, die auf seinem noch unveröffentlichten Roman «Landsteiner» basieren. Am gleichen Ort ist später die bosnische Sängerin Amira Medunjanin im Duo zu hören. In ihrer Stimme spiegelt sich die ganze Sehnsucht, Melancholie und Fröhlichkeit der bosnischen Volksmusik.

Das Spektrum von Ettiswil wäre nicht vollständig ohne ein klassisches Vokalensemble, das jeweils in der Pfarrkirche singt. Dieses Jahr sind es sechs junge Sängerinnen und Sänger aus Ljubljana (Slowenien), die neben klassischen Liedern auch Pop-Songs und slowenische Volkslieder intonieren. Im «Stimmfenster» sind das Duo Feather & Stone sowie Gina Eté vertreten. Sabrina Rohner-Troxler: «Hier platzieren wir Stimmen, die noch eher wenig Bühnenerfahrung haben und hier in einer intimen Atmosphäre auftreten können.»

Immer auf der Suche nach dem Besonderen

Die Rohners vergleichen die Ausrichtung ihrer Programmierung in Ettiswil mit zwei anderen Festivals, die in unmittelbarer Nähe stattfinden: mit dem Jazz Festival Willisau und dem Bluegrass-Festival in Burgrain. «Wir denken, dass alle drei Festivals das Besondere suchen.» Eine gute Beobachtung. Ist das die Bescheidenheit des Hinterlandes? Es ist wohl stärker die Lust, Offenheit zu wecken. Es gibt immer wieder Veranstalter auf der Landschaft, die das Spezielle suchen. Für Mainstream muss man eher in die Stadt.

Zweifellos könnte man in Ettiswil einheimische Namen programmieren, die sofort die Säle füllen würden. «Warum bringt ihr nicht Kunz? Dann habt ihr sicher voll», wurden die beiden etwa gefragt. «Nichts gegen Kunz», sagt Adi Rohner-Troxler, «aber die Idee unseres Festivals ist gerade, dass wir Sachen bringen, die man nicht schon oft anderswo hören kann. Wenn wir uns am Mainstream orientieren wollten, müssten wir ganz anders funktionieren und bräuchten ein anderes Konzept.»

Natürlich machen sich die beiden und der Vorstand gelegentlich Gedanken über die Grösse des Festivals und seine Weiterentwicklung. Sabrina und Adi Rohner-Troxler sind überzeugt, dass das aktuelle Konzept weiterhin viel Spielraum bietet. «Wir haben die Möglichkeit, uns weiter zu verbessern und sanft zu wachsen. Wir sind noch nicht dort, wo wir uns Einschränkungen überlegen oder eine neue Grösse anstreben müssen.» Ohnehin ist es gerade die Nähe der Künstler zum Publikum, die das Festival attraktiv macht. «Die Musiker müssen durch die Publikumsreihen auf die Bühne. Und sie essen auch im gleichen Restaurant wie viele Besucher. Das ermöglicht gute Begegnungen.»

Sowohl Sabrina wie auch Adi Troxler-Rohner sind Musiker und haben die Jazzausbildung an der Hochschule Luzern – Musik abgeschlossen. Sabrina kennt die klassische Gesangswelt der Chöre und Vokalensembles, während Adi seine Ohren stärker bei Blues, Rootsmusik und Americana hat. Zu Hause in Wauwil haben sie ein Studio eingerichtet, in dem sie Aufnahmen für ihre eigene Band Franky Silence & Ghost Orchestra machen und auch externen Bands und Musikern diese Möglichkeit geben. Sie sind glücklich: «Wir machen selber Musik, interessieren uns für Musik und können das Stimmen-Festival programmieren. Das passt alles wunderbar zusammen.»

Hinweis: Stimmen-Festival Ettiswil: vom 25. bis 28. Mai. 

Genaues Programm, VV und Hörproben:www.stimmen-festival.ch