MUSIK: «Die Schweizer haben Angst»

Sophie Hunger (32) feiert internationale Erfolge. Im Interview spricht sie über ihre Kindheit als Diplomatentochter, ihre Jugend als Punk, ihre Haltung zur Schweiz und über Fussballer Eric Cantona.

Interview Marzin Zips
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Im Februar kommt sie nach Luzern: Sophie Hunger während eines Konzertes im Mai 2015 in ihrer Wahlheimat Berlin. (Bild: Getty)

Im Februar kommt sie nach Luzern: Sophie Hunger während eines Konzertes im Mai 2015 in ihrer Wahlheimat Berlin. (Bild: Getty)

Interview Marzin Zips

Berlin, Prenzlauer Berg. Die Bäckerei heisst hier «Placebo», der Supermarkt «Hüftgold». Auf dem Fussabtreter des Cafés Kapitalist steht: «Woanders ists auch scheisse.» Herein tritt Sophie Hunger, 32, rote Gummijacke, hochgekrempelte Hose, tolle Ausstrahlung. 250 000 verkaufte Alben, seit acht Jahren Dauergast auf Musikfestivals wie Montreux oder Glastonbury. Grosse Hallen kriegt sie voll, auch ohne dass ihre Lieder von grossen Radiosendern rauf- und runtergespielt werden. Noch bis März ist Hunger auf Europa-Tournee, am 19. Februar auch im Südpol Luzern (siehe Kasten).

Sophie Hunger, es gibt eine fürs Schweizer Fernsehen dokumentierte Szene aus Ihrer Kindheit, da sitzen Sie als kleines Mädchen mit Ihrem Bruder und den Eltern an einem engen Küchentisch und essen Smacks. Essen Sie die immer noch?

Sophie Hunger: Nein. Aber als wir in England wohnten, gehörten die zum Frühstück. An die Aufnahmen des Fernsehteams habe ich keine besonders guten Erinnerungen. Aber die fanden offenbar meine Eltern interessant, weil die beide 100 Prozent arbeiteten – und trotzdem eine Familie hatten. Gab es damals noch nicht oft.

Wie war Ihr Leben als Diplomatenkind?

Hunger: Ich erinnere mich an eine Mischung aus Abenteuer und einer diffusen Angst. Nannys oder Kitas gab es nicht. Mein ständiger Begleiter war ein Kassettenrekorder. Auf den habe ich Radiosendungen gesprochen. Ich musste in meinen Sendungen alle Rollen selber sprechen, also Moderatorin, Modell, Professorin, Sportler . . .

In Ihrer Familie, so haben Sie einmal gesagt, gibt es den Spruch «Wenn du die Wahl hast zwischen Banker und Clown, dann werde lieber Clown».

Hunger: Deshalb sind auch alle erleichtert über den Weg, den ich eingeschlagen habe. Es gab Maler, Schauspieler, Musiker in meiner Familie. In meiner Generation spiele wohl ich diese Rolle. Meine Urgrosseltern waren mehrheitlich Walser Bergbauern. Ein alemannischer Stamm, robuste, unabhängige Leute, die sich nur in Höhen von mehr als 1000 Metern wohl fühlten.

Ihr Grossvater Ernst Arthur Welti (1901–1961) war der erste Radiomoderator der Schweiz, der vor allem mit seinen Reportagen über die «Landi» 1939 in Zürich grosse Popularität erlangte.

Hunger: Ja, er war Vollwaise, musste sein Leben ganz allein meistern und ging in den 20er-Jahren nach Berlin. Dort machte er eine Schauspielausbildung. Doch wegen der Nazis kehrte er später wieder in die Schweiz zurück und landete beim Radio. Das war damals ein neues Medium, und die Moderatoren mussten alles selber machen: die Nachrichten, die Musik, die Aufnahmetechnik. Also ein bisschen so wie ich als Kind . . .

. . . an wechselnden Orten.

Hunger: Ja, wir sind oft umgezogen. Die Beziehungen zu Freunden und Orten waren auch eher oberflächlich. Mein Leben fand ich in der Musik. Das war mein Geheimraum. Dort herrschten andere physikalische Kräfte. Kennen Sie die Dark Rooms im Berliner Berghain? So ungefähr. Eine Art Zwischenwelt. Da war ich sicher, unverwundbar und mächtig. Egal, ob wir gerade in London, Bonn oder Zürich wohnten.

Stimmt es, dass Sie unter Mitschülern als notorische Lügnerin bekannt waren?

Hunger: Meinen Klassenkameraden habe ich gerne erzählt, dass ich im Londoner Kanalnetz aufgewachsen bin oder dass man mich als Kind über alle neu gebauten Brücken laufen liess, um zu schauen, ob sie halten. Ich nannte meinen Beruf «Brückenläufer» und behauptete, dies sei der wichtigste Beruf in der Schweiz. Das konnte ich faktisch zwar nicht beweisen, traf aber mein Lebensgefühl sehr genau.

Sie singen in Deutsch, Englisch, Französisch und Schwiizerdütsch. Denken Sie nicht auch manchmal: Wenn die Welt in nur einer Sprache reden würde, gäbe es viele Missverständnisse nicht?

Hunger: Deshalb entstanden ja einst die Nationalstaaten, schön nach Sprachen errichtet. Aber das brachte die Menschen auch nicht weiter. Die Europäer haben durchaus eine gemeinsame Sprache, aber über die spricht nie jemand: unsere Kultur. Wenn Sie mit einem Chinesen, Amerikaner, Saudi und einem Portugiesen im Lift stecken bleiben, werden Sie ziemlich schnell merken, mit wem Sie sich verstehen – auch wenn Sie kein Portugiesisch können.

Warum sind Sie vor einem Jahr von Zürich nach Berlin gezogen?

Hunger: Ich hatte in Zürich ein marodes Haus hinter dem Bahnhof, wo ich teilweise mit meinen Geschwistern lebte, auch mit anderen Musikern. Die Kinder der Siedlung gingen ein und aus, es wurde viel gefeiert, ein ständiger Ausnahmezustand. Dann wurde das Haus verkauft, wir rausgeworfen. Da war es Zeit zu gehen, ich war ziemlich beleidigt deswegen. Also bin ich erst mal in die USA und habe eineinhalb Jahre keine Konzerte gespielt. Danach habe ich mich für Berlin entschieden. Die Stadt ist bezahlbar und unfertig. Eigentlich fühle ich mich aber wie eine dieser Pflanzen, die in der Wüste durch den Staub rollen. Die haben drinnen alles, was man zum Überleben braucht, stecken aber nirgendwo fest.

Wäre ein ruhigeres Leben in der Schweiz keine Alternative für Sie?

Hunger: Es gibt kein ruhiges Leben in der Schweiz. Das sieht nur so aus. Die meisten leben doch in der Angst, ihren Reichtum zu verlieren und dass die Ausländer kommen. Aber Angst ist das Gegenteil von Freiheit.

Wählen die Schweizer deshalb SVP und Roger Köppel?

Hunger: Das ist schon ein gefährlicher Mann. Seine Zeitung «Weltwoche» ist das Sprachrohr der SVP. Gleichzeitig sitzt er jetzt im Parlament. Trotzdem will er weiter «Weltwoche»-Chef bleiben. Er hat den Sinn der Unabhängigkeit der Medien von der Politik, ein Urprinzip der Demokratie, noch nicht begriffen. Aber: Solche Leute gibt es immer wieder. In jedem Land. Das ist nicht schlimm, solange man sich mit ihnen streiten kann.

Sie fetzen sich?

Hunger: Klar. Heimat erfordert Einsatz. Einmal habe ich in einer deutschen Wochenzeitung eine kritische Geschichte geschrieben, in der Köppel Selbstgespräche führt. Ein paar Monate später hatte ich eine schallende Kritik in der «Weltwoche». Da war ich sehr zufrieden mit mir. Ich bin viel zu stolz, um denen das Revier zu überlassen.

Auch Ihre Mutter war mal in der SVP, ist dann aber ausgetreten. Als Vorsitzende der Bergier-Kommission war sie viele Jahre lang mit der Aufarbeitung der Enteignungen in der Schweiz der Nazi-Zeit beschäftigt.

Hunger: Davor habe ich Respekt! Meine Mutter hat krasse Anfeindungen erlebt. Ich war da so 15, 16 Jahre alt und sehr stolz, dass sie etwas gemacht hat, für das sonst keiner genügend Mumm hatte. Sie stand zwischen emotionslosen Historikern einerseits und der beleidigten Schweizer Bevölkerung andererseits. Da musste klug zwischen den einzelnen Personen und Positionen vermittelt werden und ein unerschütterliches Vertrauen her. Sonst hätte es am Ende keinen Abschlussbericht gegeben. Das ist übrigens etwas, was ich an Deutschland sehr bewundere. Diese Kultur der Aufarbeitung, die ist weltweit einzigartig.

In Ihrer Jugend haben Sie mit der linken Punk-Szene sympathisiert. Warum?

Hunger: Alle meine Verträge signiere ich auch heute noch zu dem schönen Lied «Nazi Punks Fuck Off» von den Dead Kennedys, das hat eine langjährige Tradition im Hause Hunger. Ich habe mir aber nie die Haare gefärbt oder eine Ratte auf meinen Schultern getragen, wie einige meiner Freunde. In meiner Familie, in der die Ideale der Aufklärung hochgehalten wurden, wurde immer viel diskutiert. Es gab Einladungen, Reden wurden gehalten. Wohl so ein bisschen wie die bürgerliche Konversation des 19. Jahrhunderts. Heute bin ich an 200 Tagen im Jahr unterwegs und betreibe die bürgerliche Konversation des 21. Jahrhunderts.

Und das heisst?

Hunger: In unserer Gruppe sind Franzosen, Belgier und welsche Schweizer, die Amtssprache ist also Französisch. In meinem Team gibt es Leute aus der autonomen Szene, aber das sind mehr so philosophische Anarchisten, politisierte Hausbesetzer. Als Musikerin sehe ich mich als Arbeiter, als Mitglied der Working Class.

In einem Ihrer Lieder heisst es «Your T-Shirt says Punk, you’re so Rock ’n’ Roll». Wie viel Punk ist heute noch im Popgeschäft?

Hunger: Als ich anfing in Bands zu spielen, Ende der 90er-Jahre, da gab es so etwas wie einen Integritätscode. Man hat keine Interviews gegeben damals, die Medien waren der Gegner. Und das Allerschlimmste, was einem passieren konnte, war es, von einem Unternehmen gesponsert zu werden. Das ist heute ganz anders. Viele heutige Bands sind so im kapitalistischen System verankert, dass sie das System gar nicht mehr als System erkennen.

Ihre Einstellung, Ihre Musik scheinen besonders in Frankreich gut anzukommen. Dort lässt man Sie sogar im Olympia auftreten und Jacques Brel singen.

Hunger: Frankreich war das erste Land nach der Schweiz, in dem ich aufgetreten bin. Die sind immer unglaublich nett zu mir.

Sie haben auch mal mit diesem französischen Fussballspieler gesungen.

Hunger: «Diesem Fussballspieler»? Das können Sie so nicht sagen. Éric Cantona! Wenn der in Manchester ins Stadion kommt, stehen alle auf und singen die Marseillaise. Wir haben ein Lied gecovert, das ursprünglich Romy Schneider und Michel Piccoli gesungen haben: «La Chanson d’Hélène.» Ich kenne Cantona seit ein paar Jahren schon.

Wenn Sie heute auf die Welt blicken, überwiegt da eher Zuversicht oder immer noch Ihr kindliches Angstgefühl?

Hunger: Das Problem ist, dass die Banken und die Wirtschaft zwar bestens organisiert sind, aber alles, was mit der Rettung des Planeten zu tun hat, nicht. Die bleibt sozusagen dem privaten Engagement des Einzelnen überlassen – muss also scheitern. Eine Demokratie, die den Namen verdient, darf keine Angst haben, die Wirtschaft zu regulieren, was aber heute der Fall ist. Da ist eine unsichtbare Tyrannei gewachsen, die es zu zerstören gilt.

In vielen Sparten heimisch

Sophie Hunger (eigentlich Emilie Jeanne-Sophie Welti) wurde am 31. März 1983 in Bern geboren. Ihr Vater, Philippe Welti, war Botschafter, die Mutter, Myrtha Welti, war SVP-Politikerin und später Generalsekretärin der Bergier-Kommission. Hunger wuchs mit zwei älteren Geschwistern unter anderem in London und Bonn auf. Sie hat Anglistik und Germanistik studiert.

Hungers Vater hörte viel Jazz und Punk, über ihre Mutter lernte sie zudem diverse Volkslieder kennen. Als Musikerin ist Hunger denn auch in verschiedenen Sparten heimisch.

In ihren Anfängen hat sie in kleinen Zürcher Klubs gespielt, mittlerweile füllt sie grosse Hallen. Ihr Stil, in der Tradition des Folk, mit Elementen von Jazz oder Elektronik, ist nicht leicht zu fassen. Ihre Texte sind poetisch und eindringlich, ihre Konzertauftritte atmosphärisch dicht. Zurzeit sind Hunger und ihre Band mit dem Album «Supermoon» auf Tournee. Es ist das fünfte Album der Musikerin und umfasst 18 neue Songs in vier Sprachen, darunter ein Duett mit dem französischen Ex-Fussballer Eric Cantona.

Sophie Hunger ist letztes Jahr mit dem mit 50 000 Franken dotierten Zürcher Festspielpreis ausgezeichnet worden.

Seit gut einem Jahr lebt Sophie Hunger in Berlin. «Aber i chume sicher hei cho stärbe», singt sie im Lied «Heicho» auf der neuen CD.

Quelle Wikipedia/NZZ

3 x 2 Tickets zu gewinnen

Für das Konzert von Sophie Hunger am Freitag, 19. Februar 2016, im Südpol Luzern verlosen wir 3 x 2 Tickets. So sind Sie dabei: Rufen Sie bis morgen Montag, 24 Uhr, die Nummer 0901 83 30 25 an (Fr. 1.50 pro Anruf) oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.cg/wettbewerbe an der Verlosung teil.