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MUSIK: «Dieses Jekami, das bin ich»

Seine Stimme schallt seit Jahren aus den Kinder­zimmern dieses Landes. ­Liedermacher Andrew Bond kennt nicht nur das Rezept ­ für Zimtsterne, sondern auch eines gegen Ohrwürmer.
Interview Annette Wirthlin
Die musikalischen und kreativen Ideen gehen ihm nie aus: Andrew Bond in seinem Kinder-Kultur-Riich Kikuri inmitten von Theaterrequisiten. (Bilder Eveline Beerkircher)

Die musikalischen und kreativen Ideen gehen ihm nie aus: Andrew Bond in seinem Kinder-Kultur-Riich Kikuri inmitten von Theaterrequisiten. (Bilder Eveline Beerkircher)

Interview Annette Wirthlin

Andrew Bond, ich weiss, die Hinweise auf Ihren Namensvetter aus der Agentenwelt nerven. Erklären Sie uns trotzdem, wieso der Hahn, den Sie zu Hause haben, auf den Namen «James Bond» hört?

Andrew Bond: So sehr nervt es auch wieder nicht. Wenn ich am Postschalter gefragt werde, ob ich mit James Bond verwandt sei, sagte ich früher oft: «Ja, das ist meine Grossmutter.» Heute sage ich: «Das ist mein Güggel» – und sage damit erst noch die Wahrheit. Eigentlich heisst er ja nur James, genauer James the Fifth, denn er ist schon unser fünfte Hahn.

Welche Tiere haben Sie sonst noch?

Bond: Schafe, Katzen und natürlich Hühner – die Bond-Girls. Wir haben einen kleinen Bauernhof mit viel Umschwung. Ich liebe es, in der Natur zu sein!

Und den grossen Rasen zu mähen?

Bond: Wir haben keinen Rasen, sondern eine Art «Kurzhaarwiese». Das Mähen ist jedoch der Job meiner Frau.

Wofür schlägt Ihr Herz mehr, für Tiere oder für Kinder?

Bond: Für Kinder. Ich bin zwar seit einigen Jahren Vegetarier, dies aber nicht nur aus Tierliebe, sondern wegen der Klima- und Welthunger-Problematik.

Kann man den guten Umgang mit Kindern eigentlich lernen?

Bond: Wer es gar nicht kann mit Kindern, wird es wohl nie lernen. Bei der Frage, was «kindgerecht» in der jeweiligen Situation genau bedeutet, kann auch einer, der einen guten Draht hat – auch ich! – immer noch täglich dazulernen.

Was macht Kinder zu einem guten Publikum?

Bond: Viele sagen, sie seien das schwierigste Publikum überhaupt. Denn wenn man es nicht schafft, sie «abzuholen», hat man sein Publikum verloren. 3- bis 5-Jährige sitzen nicht eine Stunde lang da und klatschen am Schluss brav, auch wenn es ein Mist war. Das können nur Erwachsene. Aber wenn du die Kunst verstehst, die Kinder zu packen, dann sind sie extrem begeisterungsfähig. Bei einem Kinderpublikum muss man mehr «Dompteur» sein als Musiker. (lacht)

Was ist es für ein Gefühl, wenn die Kinder vom ersten Ton an alles auswendig mitsingen?

Bond: Der stärkste Moment in einem Konzert ist der, da ich nicht mehr singe und die Kinder allein singen. Das ist das Letzte, was ich quasi auf dem Grabstein eingemeisselt haben möchte. Nicht wie viele CDs ich verkauft habe, oder dass ich im Hallenstadion gespielt habe, ­sondern das Gefühl, etwas geschaffen zu haben, was ein Teil – ja in manchen Fällen sogar ein wichtiger Teil – des Lebens von anderen Menschen geworden ist.

Manche Eltern sind «gottefroh», wenn sie Ihre CD nach einer längeren Autofahrt mit den Kids wieder ausschalten dürfen. Kein schlechtes Gewissen?

Bond: Eigentlich sollte man sich ja freuen, wenn sich Kinder so intensiv mit Musik auseinandersetzen. Aber ja, ich bedanke mich manchmal an den Konzerten bei den Eltern dafür, dass sie «trotzdem» gekommen sind. In den USA hätte ich wahrscheinlich eine Versicherung abgeschlossen, um mich vor Sammelklagen genervter Eltern zu schützen.

Nach meinen gestrigen Recherchen zu Ihrem Schaffen wachte ich heute mit einem massiven Ohrwurm auf.

Bond: Es gibt es nur ein «Gegengift»: Es muss eine neue Melodie her! Ich würde gerne mal ein Märchen schreiben von einem König, dem andauernd ein Lied nachläuft, und er bringt es einfach nicht mehr los.

Sie kennen das Problem also?

Bond: Und wie! Ich habe einfach immer einen Dauer-Soundtrack im Ohr. Einerseits lebe ich davon, neue Lieder zu komponieren. Andererseits kommt es mir manchmal vor wie ein Tinnitus, den man auch nachts nicht abstellen kann. Ich glaube tatsächlich, dass im für Musik zuständigen Areal meines Gehirns irgendeine wichtige Barriere fehlt. Das einzige Mal im Jahr, wo die Musik in mir verstummt, ist, wenn ich jeweils im Frühsommer ganz allein durch die Weiten Schottlands oder Englands wandere. Das ist extrem wohltuend.

Zurück zu Ihrem Publikum. Hätten Sie mehr Respekt davor, vor Erwachsenen zu singen?

Bond: Nein, überhaupt nicht. Ob Erwachsene, Behinderte, Kinder – es sind einfach alles Menschen, die mit mir singen. Wenn in der hintersten Reihe einer sitzt, der eindeutig von der Frau mitgeschleppt worden ist und gelangweilt mit dem Handy spielt, dann ist es mein Ziel, genau den baldmöglichst auch «auf Sendung» zu bringen.

Aber dem Durchschnittsschweizer ist es doch sooo peinlich, zu singen!

Bond: Mit einfachen Lagerfeuerliedern schaffe ich es, jeden abzuholen. Es dauert nur unterschiedlich lange. Ich könnte übrigens eine Landkarte der Schweiz aufzeichnen, auf der man sieht, wie schnell ein Publikum Feuer fängt. Stehe ich im Thurgau irgendwo auf der Bühne und sage nur «Hallo», schallt ein lautes «Hallo» zurück. In Solothurn oder Bern kommt erst nach ein paar Liedern Bewegung in die Zuschauerränge. Die Zentralschweiz platziert sich diesbezüglich im goldenen Mittelfeld.

Sie sind in Afrika und England aufgewachsen. Wovon steckt am meisten in Ihnen: Afrikaner, Brite oder Schweizer?

Bond: Ich sage immer, ich bin «Swenglish». Da ich den grössten Teil meiner Kindheit in England verbrachte, geht mir einfach das Herz auf, wenn ich jemanden schön Englisch reden höre oder englisches Essen rieche oder englisches Wetter fühle ... Aber ich lebe auch sehr gerne hier in der Schweiz. Von Afrika steckt sicher auch noch einiges in mir drin, wenn auch nicht bewusste Erinnerungen, sondern eher so Mimik- und Bewegungssachen.

Was machte der kleine Andrew im Kongo für Erfahrungen mit Musik?

Bond: Wir hatten zu Hause keinen Plattenspieler, und man hörte auch in der Öffentlichkeit kaum Musik ab Konserven. Die Musik, die ich kannte, war die, die man selber machte, und das war vor allem in der Kirchgemeinde. Da trug einfach jeder das bei, was er konnte. Dieses Jekami, das bin ich.

Könnten Sie heute in Afrika leben?

Bond: Ja, ich glaube, das könnte ich. Ich ging 2013, also 43 Jahre nach unserer Abreise und nach Jahren des Bürgerkriegs, zum ersten Mal wieder in den Kongo. Ich war gefasst darauf, dass es wegen der Malariagefahr und dem Essen schwierig werden würde. Aber ich merkte nach fünf Tagen, dass ich mich völlig zu Hause fühlte mit den Gerüchen und Tönen dort, und auch das Essen machte mir überhaupt keine Mühe. Ich fühlte mich teilweise weniger fremd als etwa in Italien.

Sie haben im Kongo ein eigenes Hilfswerk.

Bond: Jein. Wir sind einfach ein Kreis aus Familie und Freunden, die hier Geldmittel aufzutreiben versuchen, um die dortige Schule zu unterstützen. Es ist meine Lebensphilosophie, dass man mehr Glück hat im Leben, wenn man es weitergibt. Irgendwo muss man doch die Privilegien, die man geniesst, ausgleichen. Aus diesem Grund biete ich in meiner Firma auch geschützte Arbeitsplätze an.

Steht bei Ihnen zu Hause die Bibel an einem prominenten Platz?

Bond: Sie hat einen relativ prominenten Platz im Gestell, verlässt diesen aber eher selten. Sie ist kein fester Bestandteil meiner alltäglichen Spiritualität.

Was ist denn für Sie Religion? Als regelmässigen Kirchgänger kann ich mir Sie nicht so recht vorstellen

Bond: Das bin ich auch nicht. Ich bin nicht gerne in engen Flugzeugen, in Räumen mit Vorhängen oder unter einem Sonnenschirm. Ich mag Weite und Offenheit. Das Gleiche gilt für mich im religiösen Bereich. Sobald es vereinnahmend wird und Richtung Bekenntnisse ablegen geht, wird mir unwohl. Mein Glaube hilft mir vor allem auszuhalten, nicht zu wissen oder zu urteilen. Meine Lieder zu den religiösen Themen enthalten häufig Fragezeichen. Ich finde es oft wichtiger, überhaupt Fragen aufzuwerfen, als die Antworten darauf zu kennen.

Was ist besonders wichtig bei der Vermittlung von Religion an Kinder, wenn die Nachrichten voll sind von religiösem Fanatismus, Terroranschlägen und Flüchtlingswellen?

Bond: Wir schulden unseren Kindern eine Auseinandersetzung mit dem, was wir als Gesellschaft glauben, aber man darf es nicht als Schwarz-Weiss verkaufen, denn so macht man ganz vieles kaputt.

Sie haben – auch für Ihre öffentlichen Mitsing-Weihnachten – viele Weihnachtslieder selber geschrieben. Was hat Ihnen an den Traditionellen nicht gefallen?

Bond: Vieles davon ist auf Hochdeutsch, was schade ist, wenn man mit kleinen Kindern singen will. Viele Weihnachtslieder sind auch sehr klassisch; mir fehlte der Pop-, Rock- und Blues-Einschlag. Es darf auch mal etwas leben und wild sein in der Kirche. Ich wollte zudem die Floskeln weglassen, die ohnehin niemand versteht. Wissen Sie etwa, was hold, selig oder gnadenbringend genau heisst?

Sind Sie einer der Glücklichen, die es schaffen, in der Adventszeit nicht gestresst zu sein?

Bond: Ja, mittlerweile wieder. Ich habe gelernt, viele Termine einfach abzusagen. Ich habe eine wirklich friedliche Adventszeit mit Dekorieren, Guetzli backen und allem, was dazugehört.

Sie singen nicht nur vom Backen, sondern tun es auch wirklich?

Bond: Klar. Ich bin zu Hause fürs Kochen zuständig. Meine Frau hat mir schon früh gesagt: «Wenn du mich willst, musst du die Küche übernehmen.» Ich backe sehr gerne. Meine 22-jährige Tochter kommt dieses Wochenende extra nach Hause, weil sie mit mir guetzlen will. Dabei entstand ja auch vor vielen Jahren mein Lied «Zimetstern han i gern». Ich war damals ganz baff, dass es über so alltägliche Dinge wie Guetzlibacken einfach keine Kinderlieder gab. Aus purer «Dummheit» begann ich während des Teigknetens, dieses Lied zu trällern. Es ist wirklich nicht mein grösstes Werk, aber es ist das bekannteste.

Hierzulande bald bekannter als ­«Jingle Bells», dem Sie die Melodie entliehen haben. Welches ist übrigens Ihre Lieblingsguetzlisorte?

Bond: Wahrscheinlich die Spitzbuben. Mit selbst gemachter Konfitüre. Wobei ich finde, dass es einem im Leben besser geht, wenn man von allem mehrere Favoriten hat. Ausser vielleicht von der Ehefrau. (lacht)

Wie schaffen Sie es eigentlich, so viele Dinge unter einen Hut zu bringen? Sie sind ja nicht nur Komponist und Sänger, sondern auch noch Pädagoge, Buchautor, Verleger, Theaterinhaber und vieles mehr.

Bond: Ich bin ein extremer «Gestalter». Wenn irgendwas rumliegt, kann ich es relativ schnell ordnen und in eine Form bringen, egal ob es um Liedtexte geht, um eine Bühnenproduktion, meinen Garten oder die Handhabung der Mehrwertsteuer im Büro. Was auch hilfreich ist, ist die Fähigkeit zum Multitasking beziehungsweise das schnelle Switchen zwischen den Dingen.

Gibt es auch etwas, das Ihnen gar nicht liegt?

Bond: Ich kann relativ ungehalten werden, wenn in einem Team «die Mühlen langsam mahlen», wenn man über irgendwelchen politischen Kram ewig diskutieren muss, da gehe ich die Wände hoch. Nicht selber gestalten zu können und mich anderen Gesetzmässigkeiten unterzuordnen, fällt mir schwer.

Wenn Sie eines Tages genug von Kinderliedern haben, könnten Sie es sich vorstellen, doch noch Pfarrer zu werden?

Bond: Ich glaube nicht. Ich habe das nur ein Jahr lang gemacht. Ich bewundere meine Kollegen, denn sie stecken in einem engen Korsett von Sachzwängen. Auch da kommt mein Freiheitsdrang zur Geltung. Ich bin offenbar bei meiner Geburt fast stecken geblieben. Meine Mutter sagte immer, ich brauche deswegen so viel «Luft». Aber das ist natürlich Feld-Wald-und-Wiesen-Psychologie.

Derzeit ist Ihr Musical «Tom Träumer» auf Tournee. Sind Sie selber auch ein Träumer?

Bond: Sie meinen einen, der nicht fokussiert an etwas arbeiten kann, sprich ein Chaot? Nein, diese Art von Träumer bin ich nicht. Aber ein Weltverbesserungsträumer sehr wohl. Ich bin bei ganz vielen Organisationen dabei, die die Welt ein bisschen besser zu machen versuchen. Ich verzweifle ein bisschen an unserer Gesellschaft, die immer weniger Platz hat für die Menschen, die nicht der Norm entsprechen, anders ticken. Wenn heute Eltern in der Schule die Diagnose bekommen: «Ihr Kind ist ein Träumer», kommt man schnell mit Medikamenten. Auf der anderen Seite ist es wohl kein Zufall, dass gerade Leute wie Bill Gates, Mark Zuckerberg oder Steve Jobs an Montessorischulen gingen, wo das Kreativsein gefördert wurde. Es ist mitunter die wichtigste Fähigkeit im Leben, mit der Ambivalenz zwischen «deine Träume leben» und «ein Träumer sein», gut umgehen zu können.

Das war ein schönes Schlusswort.

Bond: Amen! (lacht)

Singender Theologe

Zur Personwia. Andrew Bond (50) zählt mit 750'000 verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Kinderliedermachern der Schweiz. Als Sohn eines Engländers und einer Schweizerin, die Lehrer an einer Missionarsschule waren, wuchs er im Kongo und in England auf, bevor er mit 12 in die Schweiz kam. Er studierte Theologie und unterrichtete 17 Jahre lang Musik und Religion. Heute gibt er rund 120 Konzerte pro Jahr, darunter auch die «Mitsing*Wienacht», die dieses Jahr bereits zum 15. Mal stattfindet. Bond führt drei Unternehmen mit einer wechselnden Zahl von Angestellten: Das Märli-Musical-Theater, das Kinder-Kultur-Riich Kikuri und den Eigenverlag Grossen Gaden.

Bond wohnt mit seiner Frau und seinem 20-jährigen Sohn in Wädenswil ZH – die 22-jährige Tochter ist kürzlich ausgezogen. Hinweis: Die «Mitsing*Wienacht» in Horgen (ZH) vom 19., 20. und 21. 12. ist fast restlos ausverkauft. Es gibt (über www.starticket.ch) nur noch Tickets für den Montag, 17 h.

Tickets zu gewinnen

VerlosungWir verlosen 4-mal 2 Tickets für das Kindermusical «Tom Träumer» von Andrew Bond, das unter anderem auch in der Zentralschweiz gastiert (Spielorte und -termine: www.maerlimusicaltheater.ch). Wählen Sie bis Montag, 24.00 Uhr, die Telefonnummer 0901 83 30 24 (Fr. 1.50 pro Anruf) oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil. Die Gewinner werden unter allen Teilnehmern ermittelt und informiert.

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