Sinfonietta Lucerne: Ihre Musik drückte auch Kritik an der politischen Kultur aus

Die jungen Musikerinnen und Musiker spielten ein ambitioniertes Programm – unterhaltsam, spannend und mit einigen Fragezeichen.

Roman Kühne
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Streicherinnen der Sinfonietta Lucerne vor Videoprojektionen und vor einem Publikum, das mit Sicherheitsabständen sitzt.

Streicherinnen der Sinfonietta Lucerne vor Videoprojektionen und vor einem Publikum, das mit Sicherheitsabständen sitzt.

Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 6. September 2020)

Zum Schluss ist das Rad am Ursprungsplatz. Der einzige Mann im Orchester, der Euphonist, steht entschlossen auf und spielt ein funkiges Solo. Die Frauen, eben noch aufmüpfig und selbstbestimmt, tanzen ausgelassen mit. Sogar der Dirigierstock wandert zurück in Männerhand.

«Das Hier und Jetzt» heisst das Programm der Sinfonietta Lucerne am Sonntag im Marianischen Saal. Seit 2017 bringt das Ensemble unter der Leitung von Marius Brunner (26) Musikstudenten der Region Luzern zusammen. Primär ländliche Gebiete will es bespielen – Schüpfheim, Sempach und Stans sind denn auch weitere Konzertorte. Und «einzigartige Projekte» realisieren. Neben grösseren Auftritten gibt es etwa die «SpielRaum-Serie». Bei «Grill & Strings» oder «Sinfo-in-Vino» mischen sich Gaumen- mit den Konzertfreuden. Letztes Jahr machten sie mit den «Verschollenen Märchen» von sich reden.

Inhalt etwas überfrachtet

Diesmal wollen die jungen Solisten vielleicht etwas viel. Frauenrechte, Umweltschutz, Wasserknappheit und Politkultur – voll ist das Ideenfuder. Doch wie erwähnt: Wo bleibt am Ende etwa das feministische Aufbegehren, wenn die prominentesten Positionen in Männerhand bleiben?

«Für uns sind die Konzerte durchdachte Experimente», erklärt Marius Brunner. «Wir versuchen neue Formen zu finden und sind daran interessiert, wie das Publikum reagiert. Bei uns gibt es viele Gespräche nach den Konzerten, wo wir über Musik und Inhalt diskutieren.» Die Stücke sind von Jacques Offenbach, Arvo Pärt oder Jules Massenet. Aber es spielt nicht so eine Rolle. Ihre Aufgabe ist es meist, den Hintergrund zu bilden, auf dessen Bühne das «Hier und Jetzt» seine Entfaltung findet.

Zu diesen neuen Formen gehören neben der thematischen Verdichtung der Musik auch schauspielerische Elemente. In der Uraufführung von «Ohnmacht» sind die Musiker an den Wänden des Saales aufgestellt. In Deutsch, Französisch, Italienisch werden Monologe und Wortfetzen in die Musik gestreut. Für den Komponisten Marius Brunner soll das Stück Denkanstoss sein: «Wenn man politische Diskussionen betrachtet, etwa in der «Arena», dann vertritt jede Gruppe ihren Standpunkt. Es geht nicht darum, Lösungen aus verschiedenen Meinungen zu finden. Für uns Junge ist dies teils sehr frustrierend. Dieses Monologisieren und Blasendenken versuche ich in meiner Komposition umzusetzen.» Das gelingt ihm überzeugend.

Bilder zwischen Poesie und Verstörung

Ein weiterer Reiz verführt die visuellen Sinne. Der Videokünstler Aubi Dolfini umhüllt die ­Musik mit Bildern zu Wasser in seinen verschiedenen Formen. Teils mit poetischer Fülle. Wasser, das wie Noten über die Scheibe rinnt, Eiszapfen in verfremdende Farben und Nähe getaucht. Bildnebel, die Geist und Erinnerung wecken. Kontrastreich, ja verstörend, wenn die Musik in lieblichen Melodien schwelgt und gleichzeitig im Bild ein Kind die gefischte Forelle mit Holzschlägen erledigt.

Die fast durchwegs romantische Musik wird überzeugend gespielt. Die Arrangements von Marius Brunner der verschiedenen Stücke pendeln zwischen Sentimentalität und frühlingshafter Leichtigkeit. Transparent, frisch und mit blumenhaftem Duft perlen die Melodien. Die beiden Sängerinnen Corinne Achermann und Stéphanie Guérin überzeugen in ihren opernhaften Rollen mit weiten Bögen und reicher Stimme.

«Das Hier und Jetzt»: Samstag 12.9., 20.00 Uhr, Tuchlaube Rathaus, Sempach. Sonntag 13.9., 11.00 Uhr, Theater an der Mürg, Stans. VV: www.sinfonietta-lucerne.ch