MUSIK: Ein Pianist jenseits von glatter Perfektion

Von der Nervenklinik aufs Konzertpodium: Ein Dokumentarfilm zeigt fein­fühlig, was aus dem «Shine»- Pianisten David Helfgott geworden ist – rechtzeitig vor seinem Auftritt in Luzern.

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David Helfgott pendelt stets auf dem dünnen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. (Bild: PD)

David Helfgott pendelt stets auf dem dünnen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. (Bild: PD)

Trailer aller aktuellen Kinofilme finden Sie unter: www.luzernerzeitung.ch/kino

Urs Mattenberger

Eines ist sicher: So betritt kein normaler Klassikpianist die Bühne. David Helfgott hastet wie ein Getriebener aufs Podium, grinst ins Publikum, hält zum Orchester hin den Daumen hoch und schmiegt sich zum Schluss wie ein Kind in die Arme des Dirigenten. Da wirkt es wie ein Wunder, dass er am Konzertflügel den Hummelflug virtuos flirren lässt und Akkordkaskaden in Rachmaninows drittem Klavierkonzert zum explosiven Drama hochpeitscht.

Zurückgeführt

Es ist dieses Wunder, dass den 1947 in Australien geborenen Helfgott vor zwanzig Jahren weltberühmt machte: Scott Hicks’ Film «Shine» erzählte damals (mit Geoffrey Rush in der Hauptrolle) die Geschichte des Wunderkinds, das nach fulminantem Karrierestart in den USA einen Nervenzusammenbruch hatte, Jahre in einer Nervenheilanstalt verbrachte und nur als Barpianist auftrat: In einer Weinbar, in der die Astrologin Gillian Helfgott derart von der Emotionalität seines Spiels berührt war, dass sie seinen Heiratsantrag annahm, ihm zu neuem Selbstvertrauen verhalf und ihn auf die Konzertpodien zurückführte.

Der Dokumentarfilm von Cosima Lange liefert jetzt solche Vorgeschichten in Einblendungen nach, konzentriert sich aber auf die Gegenwart danach. Lange begleitete eine Konzerttournee nach Schweden und Deutschland. Von daher stammen die Aufnahmen, die Helfgott als Pianisten auf der Bühne oder Backstage zeigen. Seine Standardfrage, mit der er wahllos Konzertbesucher und Musiker anspricht und umarmt, gab dem Film den Titel: «Hello, I am David.»

Fragiles Verhältnis

Dazwischen erläutern seine Frau, Freunde und Begleiter das Phänomen David Helfgott in allen Facetten. Cosima Lange mischt dabei spannend private Einblicke mit allgemeinen Aussagen über das fragile Verhältnis zwischen Künstler-Individualität und Gesellschaft.

Die Statements werden durch Episoden aus verschiedenen Konzerthäusern oder Hotelzimmern illustriert, die zeigen, dass Helfgott ein grosses «Kind» geblieben ist. Dazu gehört, dass sich seine – immerhin 17 Jahre ältere – Gattin bis fast zur Bemutterung um ihn kümmert. Wie schwierig anfänglich der Umgang mit einem Menschen ist, der sich auch durch den Alltag wie ein rastlos Getriebener bewegt, spricht dann auch der Sohn aus Gillians früherer Ehe aus.

Aber das kindliche Gebaren und die Liebenswürdigkeit Helfgotts hat eben ihre positiv schillernden Seiten. Die Spontaneität, die sie ermöglicht, wird nur in einer Gesellschaft zum Problem, die ausgrenzt, was nicht der Norm entspricht, bringt es der Psychiater auf den Punkt, dem die Nähe zu Helfgott dann doch etwas viel wird, wo ihn dieser in kindlicher Unschuld auf den Mund küsst. Solche Szenen geben dem Film eine emotional berührende Schiene, die die Spannung bis zum Ende durchzieht.

Ein grosser Pianist?

Aber ist Helfgott auch ein grosser Konzertpianist? Selbst dieser Frage weicht der Film nicht aus. Der Dirigent Matthias Foremny räumt ein, dass Auftritte mit Helfgott einen Mehraufwand bedeuten. Aber er kritisiert, dass der Klassikbetrieb in solchen Fällen allzu rasch auf pflegeleichte Künstler ausweicht. Was dadurch verloren geht, zeigen seine Ausführungen über die Konzerte mit Helfgott. Da gebe es zwar Momente der Unsicherheit, aber wenn man als Dirigent das aufmerksam begleite, führe das jenseits glatter Perfektion zu einem Musizieren von improvisatorischer Lebendigkeit.

Das bestätigen Konzertausschnitte, wo Helfgott mit elektrisierter Virtuosität hinreisst und immer auf den nächsten Sprung zu warten scheint. Damit ist der Film ein idealer Appetizer für Helfgotts baldigen Auftritt im KKL, Luzern. Gut möglich, dass da in einem Hinterzimmer auch die Regisseurin anwesend ist und ihn wie ein Kind zur Beruhigung hin und her wiegt.

Direkt involviert

In Szenen wie dieser bringt sie im Film auch sich selber mit ins Spiel und zeigt: Einem Phänomen wie Helfgott kann man nicht begegnen, ohne selber direkt involviert zu werden. Das dürfte nicht nur ein Geheimnis dieses Films, sondern auch von Helfgotts Ausstrahlung als Pianist auf der Bühne sein.

Und spätestens nach dem Film ist man versucht, sofort eine Karte für den Auftritt in Luzern zu kaufen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Hinweis

Der Film läuft im Kino Bourbaki

Rezital All that Liszt – Tour 2016, David Helfgott, Klavier, Freitag, 13. Mai, 20 Uhr, Luzerner Saal, KKL