MUSIK: Eine Band in der Grauzone

Die Südtiroler Band Frei.Wild spaltet. Fans verehren sie, Gegner bezeichnen sie als Neonazis. Die Musiker wehren sich – und profitieren.

Michael Graber
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Spielt bald in der Schweiz: Frei.Wild-Sänger Philipp Burger. (Bild Schneiderwind Photography)

Spielt bald in der Schweiz: Frei.Wild-Sänger Philipp Burger. (Bild Schneiderwind Photography)

Wie immer, wenn Frei.Wild irgendwo ein Konzert geben, gibt es im Vorfeld Aufregung. Am 19. April treten die Lieblinge der Rechtskonservativen in der Bodensee-Arena in Kreuzlingen auf. Als die Hallen-Verantwortlichen realisierten, wer Frei.Wild ist, bekamen sie kalte Füsse und liessen prüfen, ob eine Absage möglich wäre. Möglich wäre sie, aber sie käme teuer – rund 200 000 Franken Schadenersatz wären fällig. Zu teuer – und so können Sänger Philipp Burger und seine Kollegen das Konzert wie geplant durchführen.

Burger und Frei.Wild werden immer wieder in die Nähe von Rechtsradikalen gerückt. Das liegt zum einen an der aktiven Neonazi-Vergangenheit des Sängers – er spielte in einer Nazi-Band namens Kaiserjäger –, aber auch an den Texten der Südtiroler. So singen sie etwa: «Das ist das Land der Vollidioten, die denken, Heimatliebe ist gleich Staatsverrat.» Oder: «Wir stehen hier, mit unseren Namen. Wir werden unsere Wurzeln immer bewahren.» In beiden zitierten Songs finden sich aber auch Abgrenzungen von extremem Gedankengut jeglicher Couleur, und auch Burger selbst hat sich mehrfach öffentlich von seiner braunen Vergangenheit distanziert.

Nominierung zurückgezogen

Geglaubt wird ihm das offensichtlich nur halbherzig: Wenn diese Woche der deutsche Musikpreis «Echo» verliehen wird, fehlt Frei.Wild, obwohl sie eigentlich nominiert waren. Nach Protesten von anderen nominierten Bands (Kraftklub und Mia) änderten die Veranstalter plötzlich das Reglement und schlossen aufgrund dieser «neuen Ausgangslage» die Südtiroler Band aus.

Nichts Neues für Frei.Wild: Auch aus einem Auftritt an einem der grössten Festivals für härtere Musik wurde nichts. Nach heftigen Protesten gegen den Veranstalter – unter anderem drohten Sponsoren damit, den Geldhahn zuzumachen – zog sich die Band selber zurück.

Von den Onkelz geprägt

Sicher ist: Die Südtiroler polarisieren. Etwa so wie die Böhsen Onkelz, welche den Sound von Frei.Wild geprägt haben. Auch die Onkelz wurden immer wieder als Rechtsextreme bezeichnet – sie hatten entsprechende Lieder in der Frühzeit ihrer Karriere gespielt –, und diesen Mief haben sie nie mehr weggebracht, teilweise aber auch damit etwas kokettiert. Onkelz und Frei.Wild ist auch gemein, dass sie sich zwar als unpolitisch bezeichnen, aber beide im rechten politischen Spektrum angesiedelt sind: Ehre, Vaterland, Treue.

Auf Deutsch gesungen, unterstützt von rockigen Gitarren und hartem Schlagzeug, klingt das schnell nach Rechtsrock, wie ihn auch bekannte Nazi-Bands wie Landser machen. Zumal eines der zentralen Motive von Frei.Wild Heimat ist – das Südtirol. Und damit verbunden der Wunsch nach Unabhängigkeit. Dieser Freiheitsdrang ist im Südtirol weit verbreitet.

Die Heimatliebe der Band wird von den Fans dann jeweils auf ihr Land adaptiert. «Nur weil ich mein Land liebe, bin ich doch noch lange kein Nazi», ist eine der gängigen Floskeln, die man bei Diskussionen in sozialen Netzwerken immer wieder lesen kann. Frei.Wild sind durch ihre Texte selber zur Heimat geworden für eine Gruppe Menschen, die stolz sind auf ihr Land.

Dass sie damit mitunter auch braune Gestalten in ihren Fankreis anlocken, ist nicht zu verhindern – und so ganz glaubt man den Distanzierungen von Burger und Co. nicht. Der Schlagabtausch zwischen Band und ihnen nicht wohlgesinnten Menschen ist zum eigentlichen Marketing geworden. Frei.Wild beschwören das «Wir-gegen-die-anderen»-Gefühl äusserst erfolgreich. Es gibt nur für oder gegen Frei.Wild. Und mindestens dabei bedienen sie sich ganz offensichtlich des Stilmittels der radikalen Rechten.

«Frei.Wild arbeiten mit den Tricks von Nazibands»

KRITIK Thomas Kuban (der Name ist ein Pseudonym) hat jahrlang undercover in der Naziszene recherchiert. Kürzlich ist sein Film «Blut muss fliessen – Undercover Unter Nazis» erschienen.

Thomas Kuban, Frei.Wild aus Südtirol werden bejubelt und treten in grossen Hallen auf. Wo verorten Sie diese Band?

Thomas Kuban: In meinem Buch «Blut muss fliessen» hatte ich Frei.Wild noch in der Grauzone verortet. Mit ihrer neuen CD befinden sie sich aber ganz klar im Bereich des Rechtsrock. Sie arbeiten subtil mit Anspielungen und Andeutungen, wie es auch einige Neonazibands tun, die sich nicht strafbar machen wollen. Frei.Wild singen beispielsweise, «Gutmenschen und Moralapostel» würden Geschichte nicht ruhen lassen, weil sie noch «Kohle» bringe, und sie behaupten, dass «Gutmenschen und Moralapostel» reich seien. Damit spielen sie auf das antisemitische Stereotyp von angeblich reichen Juden an.

Im Song «Wahre Werte» heisst es: «Wir hassen Faschisten, Nationalsozialisten, unsere Heimat hat darunter gelitten.» Nehmen Sie Frei.Wild dies ab?

Kuban: Sie würdigen die Opfer der Nazi-Diktatur herab, die für ihre unbeschreiblichen Leiden Entschädigungszahlungen vom deutschen Staat erhalten. Frei.Wild opponieren gegen die politische Korrektheit. Wer sich nicht für sich selbst schäme, stehe am gesellschaftlichen Pranger. Für den gebe es keinen Stern mehr, sondern einen Stempel. Das ist eine Verharmlosung der Judenverfolgung. Hinzu kommt ein betont aggressiver Nationalismus.

Worin unterscheidet sich Frei.Wild von den Böhsen Onkelz?

Kuban: Die Böhsen Onkelz haben zwar mit ihrer Skinhead-Vergangenheit kokettiert, wenn sie zum Beispiel sangen: «Mit scheinheiligen Liedern erobern wir die Welt». Aber es gab bei ihnen, nachdem sie sich von der rechtsextremen Szene losgesagt hatten, keine rechtspopulistischen Texte mehr. Frei.Wild hat derartige Texte bis heute. Deswegen ist deren Bandgeschichte von Distanzierungen gepflastert.

Frei.Wild wehrt sich gegen den Vorwurf, rechtsextrem zu sein. Heisst das, man sieht bei ihren Konzerten keine Nazi-Skinheads?

Kuban: Ich war in Südtirol bei der CD-Präsentation von Frei.Wild. Sie hatten dafür das Zelt der Kastelruther Spatzen gemietet, auf deren Open Air die Rockband auch schon aufgetreten ist. Auf dem Weg zum Zelt bin ich einer Gruppe Fans begegnet, die gerade das Lied «Ran an den Feind» der Neonazi-Kultband Landser sangen. Im Refrain wird ein Bombardement Israels gefordert. Man sieht bei Frei.Wild-Konzerten zwar relativ wenige einschlägige T-Shirts, weil die Einlasskontrollen entsprechend sind. Aber Aufdrucke wie «Todesstrafe für Kinderschänder», die auf eine gleichnamige Neonazi-Initiative zurückgehen, finden sich sehr wohl. Und wenn der Frei.Wild-Sänger sein Publikum auffordert, die Hände nach oben zu recken, sagt er schon mal sicherheitshalber dazu, dass es nicht nur die rechten sein sollten.

Wie eloquent ist Frei.Wild-Sänger Philipp Burger?

Kuban: Burger bringt eher diese rotzige Haltung rüber, wie sie auch für die Böhsen Onkelz typisch war. Er ist ein furchtbar schlechter Texter. Wer aber entsprechend denkt, erkennt sofort die Botschaften in den – insgesamt betrachtet – reichlich wirren Texten. Viele brüllen sie wahrscheinlich einfach gedankenlos mit, doch setzen sich die inhaltlichen Aussagen mit der Zeit fest. Dann wird Nationalismus beispielsweise zu etwas Selbstverständlichem.

Olaf Neuman