Festival «Zwischentöne» Engelberg: Musik fast wie nicht von dieser Welt

Ein Wochenende zwischen Mysterium und Musik: Das Festival Zwischentöne greift vom 23. bis zum 25. Oktober das 900-Jahr-Jubiläum des Klosters Engelberg musikalisch auf.

Roman Kühne
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Merel Quartett mit den Festivalleitern Rafael Rosenfeld (Cello) und Mary Ellen Woodside sowie Edouard Mätzener (zweite Violine, links) und Alessandro D’Amico (Viola).

Merel Quartett mit den Festivalleitern Rafael Rosenfeld (Cello) und Mary Ellen Woodside sowie Edouard Mätzener (zweite Violine, links) und Alessandro D’Amico (Viola).

Bild: Hannes Heinzer/PD

Die Kammermusikkonzerte boomen schon seit längerem in der Innerschweiz. Mit der behördlich angeordneten Reduktion des Konzertbetriebes scheinen sie aber einen zusätzlichen Schub zu erleben. Zwar sind inzwischen wieder Konzerte in Vollbesetzung möglich. Doch bleibt der Zuschaueraufmarsch bei Grossanlässen wie im KKL hinter den Erwartungen zurück. Bessere Karten haben hier Kammermusik-Reihen und -Festivals, wie sie in diesen Wochen mehrfach stattfinden. Den Auftakt machten das teils sehr gut besuchte Gotthard Klassik Festival in Andermatt und die praktisch ausverkauften Kammerkonzerte der Festival Strings Lucerne im Schweizerhof. In den Startlöchern stehen jetzt die 25. Jubiläumsausgabe der Kammermusik im Marianischen Saal (siehe Box) und das Festival Zwischentöne in Engelberg.

Neu im ­ Jugendstilsaal

Das Kammermusikfestival in Engelberg hat schnell und flexibel auf die aktuelle Situation reagiert. «Wir führen kürzere Konzerte von einer Stunde ohne Pause durch», erklärt der aus Luzern stammende Cellist Rafael Rosenfeld, der zusammen mit seiner Frau, der Geigerin Mary Ellen Woodside, das Wochenende künstlerisch leitet. «Dafür spielen wir neun statt der üblichen sechs Konzerte. Besucher, die das ganze Paket buchen, kommen also auf praktisch gleich viel Musikgenuss». Zudem finden die Konzerte teilweise im neu eröffneten Kursaal Engelberg statt: «Hier können wir die Abstandsregeln einhalten und haben gleichzeitig das Vergnügen, dieses Jugendstil-Juwel zu bespielen. Aufwändig renoviert, bietet der Saal auch eine hervorragende Akustik. Darauf freuen wir uns riesig.»

Das Konzertprogramm ist stark auf das 900-Jahr-Jubiläum des Kloster Engelberg ausgerichtet. Unter dem verheissungsvollen Titel «Mysterium» spannt es einen Bogen von Glaubensfragen bis hin zu Lebensrätseln. Dazu Rafael Rosenfeld:

«Klar hat das Wort ‹Mysterium› eine stark religiöse Bedeutung. Aber auch in der Musik gibt es viele Rätsel. Wir wollen diesen nachspüren. Wollen erlebbar machen, wie uns Musik berühren kann – ohne dass wir wissen warum.»

Auf dem Programm stehen deshalb verschiedene Komponisten, die «auf der Suche sind, bewusst oder unbewusst». Ein Beispiel dafür ist der späte Beethoven. «Er hat grossartige, irgendwie unerklärliche Werke geschrieben. Für mich als Musiker ist er auf der theoretischen Ebene fast nicht greifbar», bekennt Rosenfeld: « Sein Streichquartett Es-Dur (Sonntag, 11.15Uhr) scheint nicht von dieser Welt. Nur in der ersten Variation nimmt er das Thema auf, entfernt sich dann immer weiter davon. Trotzdem ist es ein in sich geschlossenes, bewegendes Werk. Grossartig. Fast übersinnlich ist auch seine 31. Klaviersonate As-Dur (Sonntag 14Uhr).»

An verschiedenen Konzerten erklingen auch Stücke des Japaners Toru Takemitsu, der in diesem Jahr 90 geworden wäre. Eine sanfte, forschende Musik, die in unserem Innern viele Saiten zum Schwingen bringt». Dasselbe gilt für Arvo Pärt «Fratres» für Violine und Klavier: «Eine Tongedicht, das eine ganz eigene, geheimnisvolle Sprache spricht» (Freitag 20Uhr).

Uralte Gesänge aus dem ­Kloster

Eine Verbindung zum Klosterjubiläum schafft an mehreren Konzerten Musik aus dem Codex 314, dem in Engelberg geschaffenen Buch mit ein- und mehrstimmigen Gesängen. Einen weiteren Höhepunkt steuert für Rafael Rosenfeld Joseph Haydn bei, «der Erfinder des Streichquartetts»: «Seine sakrale Musik ‹Die Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze› ist eine für ihn eher untypische Musik. Sie ist ruhig und meditativ. Aber wahnsinnig spannend und harmonisch.»

Wie immer tritt das Merel Quartett mit Rosenfeld und Woodside an den Konzerten auf – zusammen mit interessanten Gästen. So ist Rosenfelds Schwester Marian Rosenfeld mit dabei, die kürzlich in Luzern ein aufregendes Comeback als Konzertpianistin gab. Gespannt sein darf man auf das englische Vokalensemble The Marian Consort. Bei den Solisten stechen die bei uns noch nicht so bekannte armenische Pianistin Marianna Shirinyan und der aufstrebende junge deutsche Geiger Tobias Feldmann hervor.

Kammermusik: Das Festival und der Pionier

Das Programm

Ausser im Kirchenkonzert wirkt in allen Konzerten des Festivals «Zwischentöne» das Merel Quartett mit – verstärkt mit weiteren Musikern. Freitag, 23. Oktober, 18.00, Kursaal: Vokalensemble The Marian Consort und Instrumentalmusik von Morton Feldman, Toru Takemitsu; 20.00: Beethoven (Streichquartett op. 95), Mahler Klavierquartett) und Arvo Pärt. Samstag, 24. Oktober, 10.30, Barocksaal: Joseph Haydns «Sieben Letzte Worte»; 17.00, Kursaal: «Hay que caminar»: The Marian Consort u. a. (Werke von Biber bis Nono); 19.30, Kursaal: «Erzherzog»-Trio von Beethoven.

Sonntag, 25. Oktober, 11.15: Beethovens Streichquartett op. 127; 14.00, Kursaal: Beethoven, Webern, Takemitsu; 16.00, Klosterkirche: The Marian Consort; 18.30, Kursaal: Bach, Mendelssohn (Streichquintett), Ligeti.

www.zwischentoene.com

Kammermusik-Pionier startet Jubiläum mit Saxofonen

Noch vor dem Festival Zwischentöne startet in Luzern die Jubiläumssaison der Kammermusik im Marianischen Saal, die vor 25 Jahren Pionierarbeit leistete für die inzwischen boomende Kammermusik in der Region. Coronabedingt werden die Konzerte in wechselnden Sälen durchgeführt und gibt es gleich zu Beginn (im Hans-Erni-Saal des Verkehrsmuseums) eine Umstellung.

Das Arcis Saxophon Quartett verbindet den sinnlichen Schmelz des Saxofons mit der Klangkultur eines Top-Streichquartetts. Und wie man es von diesem Instrument erwartet, verknüpft das mehrfach ausgezeichnete Quartett aus München jazzigen Groove mit Klassik. Das zeigt sich auch im Luzerner Programm: Hier erklingt zwischen einer Jazz-Suite von Schostakowitsch und Auszügen aus Gershwins «Porgy and Bess» das Amerikanische Streichquartett von Dvorak. (mat)

Arcis Saxophon Quartett: Sonntag, 18. Oktober, 18.30, Hans Erni Museum; www.kammermusik-luzern.ch