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Klassikfestival: Musik wurde auch aus schlafloser Babynacht geboren

Fernab vom Mainstream entwickelt sich in Engelberg mit "Zwischentöne" ein immer spannenderes Musikfestival. Selten gespielte Stücke treffen auf eine Uraufführung. Das Ganze sorgt beim Publikum für flammende Begeisterung.
Roman Kühne
Gute Stimmung in der Atmosphäre des Barocksaals des Klosters Engelberg: Rafael Rosenfeld, Izabella Simon, David Philipp Hefti, Virpi Räisänen, Mary Ellen Woodside, Alessandro D’Amico und Dénes Varjon (von links). (Bild: Dominik Wunderli, Oktober 2018)

Gute Stimmung in der Atmosphäre des Barocksaals des Klosters Engelberg: Rafael Rosenfeld, Izabella Simon, David Philipp Hefti, Virpi Räisänen, Mary Ellen Woodside, Alessandro D’Amico und Dénes Varjon (von links). (Bild: Dominik Wunderli, Oktober 2018)

So muss ein Konzert sein: abwechslungsreich, emotional und intellektuell spannend. Aber auch eingängig und packend schadet nicht. Gäbe es eine Theorie der besten Stückreihenfolge für 90 Minuten klassische Musik, die Matinee vom Samstag am Festival «Zwischentöne» käme dem Punktemaximum sehr nahe.

Das Kammermusikkonzert im Barocksaal des Klosters Engelberg begeistert das Publikum nicht mit bekannten Melodien. Es sind Raritäten, die serviert werden. Das Spektrum reicht von den «Chansons Madécasses» Ravels bis zu den selten aufgeführten «Folk Songs» des Italieners Luciano Berio. Violinistin Mary Ellen Woodside, die mit dem Cellisten Raphael Rosenfeld das Festival leitet, meint zur Absicht des Festivals: «Wir wollen nicht Gemeinplätze beackern, sondern spannende Zusammenhänge aufzeigen. Gerade beim diesjährigen Thema ‹Im Volkston› ist dies vielschichtig möglich.»

Zickig, verführerisch und angriffig

Die Interpreten sind exzellent. Die Mezzosopranistin Virpi Räisänen begeistert in «Sequenza III» mit ihrer szenischen Choreografie. Die Finnin setzt die Identität suchende Frau mit Energie und Witz in Szene. Ihr schauspielerisches Talent chargiert zwischen zickig, glücklich, arrogant, verführerisch und angriffig. Wie nebenbei meistert sie dazu die technischen Schwierigkeiten des Stückes, die extreme stimmliche Akrobatik, die schnellen Sprünge oder die hohen Lagen.

Oder da ist die Komposition «Trio per archi» von Sándor Ve­ress, ein anspruchsvolles Stück, angelehnt an der 12-Ton-Technik. Ellen Woodside und Raphael Rosenfeld, ergänzt mit dem Violaspieler Alessandro D’Amico aus ihrem Merel Quartett spielten die dissonanten Akkorde mit grosser Sinnlichkeit. Sie zeichnen ihre Ideen klar und sprechend, hüllen den ersten Satz in eine sehnsüchtige Leidenschaft. Wie natürlich ergänzt das Stück traditionellen Hörgewohnheiten. Am Schluss ist fast ein kleines Orchester auf der Bühne. Mit Flöte, Klarinette, Schlagwerk und Harfe werden die Streicher komplementiert, unterstützen die auch hier überzeugende Virpi Räisänen.

Hemmungen, in der Königsgattung zu komponieren

Schon das Eröffnungskonzert am Freitagabend lieferte reiches Geistesfutter. Interessant ist die Uraufführung von «Concubia nocte» von David Philip Hefti, ein Shooting-Star der Schweizer Komponisten-Szene, durch das Merel Quartett. Hier schliesst sich für den Komponisten ein Kreis: «Ich hatte lange Zeit Hemmungen, mich an ein Streichquartett zu wagen. Es ist die Königsgattung, in der Geschichte gibt es praktisch nur Meisterwerke. Es war das Merel Quartett, das mich 2007 ermunterte, etwas für sie zu schreiben. Die exzellente Qualität der vier Musiker hat für mich das Eis gebrochen.»

Die Komposition zeigt, dass das Quartett auch in der Moderne nichts von seiner Faszination verloren hat. Die Besetzung mit zwei Violinen, Viola und Cello ist perfekt, um zeitgemässe Wege des Komponierens auszuleuchten. Die Obertonreihe der Geigen, die Wechsel zwischen hoch und tief, die Breite der klanglichen Möglichkeiten von Kratzen bis Schwelgen – alles scheint möglich.

Das Stück zeichnet das nächtliche Wachen mit vierteltönigen Harmonien, lässt die Klänge sich reiben, unwirklich und geheimnisvoll. Denn speziell ist der Entstehungshintergrund. David Philip Hefti verarbeitet hier seine Erfahrung als Vater eines 1-jährigen Sohnes. «Vor allem die ersten acht Monate schlief ich unglaublich schlecht», erklärt der Komponist lachend. «Da machte ich aus der Not eine Tugend und begann diesen Zyklus. Eine echte Nachtmusik, oft geschrieben zu den dunkelsten Stunden.»

Die Innerschweiz als Mekka für Kammermusik

«Streichquartette ist Musik für Freaks», hat einmal ein Luzerner Kulturschaffender bemerkt. Aber es ist auch eine Musik, die längst nicht mehr nur die Aficionados in ihren Banne zieht. So ist der Oktober in der Innerschweiz geradezu ein Brennpunkt hochstehender Kammermusik in all ihren Schattierungen. Vom Pilatus über den Bürgenstock bis eben jetzt in Engelberg. Doch richtet sich das Bürgenstock-Festival in der Villa Honegg wohl eher an ein eher anspruchsvolles Publikum. Und wird «Gipfelwerke» vom Luzerner Sinfonieorchester durch sehr fachkundige Liebhaber besucht.

Beim «Zwischentöne» hat man hingegen das Gefühl, dass sich das Publikum bunter mischt. «Natürlich ziehen wir die Liebhaber solcher Musik an», führt Mary Woodside aus. «Doch wir haben auch viele spontane Gäste und versuchen das Festival auszuweiten. So haben wir ein Late-Night mit musikalischen Sagen. Oder wir machen eine Probe für Kinder und Jugendliche, wo wir zeigen, wie man ein Stück erarbeitet.» Auch am Sonntag lassen sich, neben dem Streichquintett von Schubert, spannende Entdeckungen machen. So etwa die «Schottischen und Irischen Lieder von Beethoven» – kaum je aufgeführt – oder das «Folclorico» von Iris Szeghy.

Sonntag, 28. Oktober, 11.00 und 17.00, Konzerte im barocken Saal des Klosters Engelberg. www.zwischentoene.com.

Zum Kennenlernen des Komponisten David Philipp Hefti eignet sich die CD «Changements».

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