MUSIK: Generationentreffen unter Sängern

Beide machten von Luzern aus Weltkarriere: Jetzt stehen Ramon Vargas und Regula Mühlemann erstmals gemeinsam auf der Bühne.

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Von der Met in New York und aus Turin ans Luzerner Theater: Der mexikanische Tenor Ramon Vargas (55) und die Luzerner Sopranistin Regula Mühlemann (29). (Bilder pd/Corinne Glanzmann)

Von der Met in New York und aus Turin ans Luzerner Theater: Der mexikanische Tenor Ramon Vargas (55) und die Luzerner Sopranistin Regula Mühlemann (29). (Bilder pd/Corinne Glanzmann)

Urs Mattenberger

Der weltweit gefeierte Tenor Ramon Vargas (55) startete seine Karriere als Mitglied im Ensemble des Luzerner Theaters (1988 bis 1990). Jetzt kehrt er als Gast zurück mit der jungen Luzerner Sopranistin Regula Mühlemann (29), die in den letzten Jahren eine internatio­nale Karriere startete: ein Generationentreffen, das mit Arien und Duetten von Mozart, Donizetti und Verdi Fragen nach Sängerkarrieren aufwirft. Der Erlös der Benefiz-Gala geht an den Fonds zu Gunsten cerebral erkrankter Kinder, den Vargas im Andenken an seinen früh verstorbenen Sohn gründete.

Regula Mühlemann, Ramon Vargas, wir sprechen hier zu dritt in einer Konferenzschaltung am Telefon. Sind Sie sich live je begegnet?

Ramon Vargas: Nein, nur am Festival in Gstaad hätten wir uns fast getroffen. Aber ich kenne Aufnahmen von Regula. Ich weiss, dass sie eine wunderbare Sängerin ist, und freue mich auf den gemeinsamen Auftritt.

Regula Mühlemann: Das gilt natürlich auch von meiner Seite! Eben jetzt in Turin wären wir uns doch fast begegnet. Da sang ich die Gretel (in Humperdincks «Hänsel und Gretel»), und du, Ramon, warst ein paar Tage zuvor abgereist.

Sie treten weltweit auf. Kann man in diesem Jet-Set-Betrieb für nur ein Konzert künstlerisch zusammenfinden?

Mühlemann: Wir haben eine Probe mit dem Dirigenten und eine mit Orchester, das reicht.

Vargas: Ja, entscheidend ist, dass das Orchester vorbereitet ist, wie wir natürlich auch. Das gehört zur Professionalität.

Es ist aber auch das Gegenteil des Ensemble-Prinzips, mit dem Sie, Ramon Vargas, in Luzern Ihre Karriere gestartet haben. Wie wichtig war das?

Vargas: Ich bin Luzern noch immer dankbar, dass ich hier meine ersten Erfahrungen sammeln konnte. Ich konnte wichtige Rollen einstudieren, die zu meiner Stimme passten. Das ermöglicht einem Sänger, in Ruhe seine Stimme zu entwickeln. Deshalb sind Ensembles gerade heute wichtig, wo sich junge Sänger auch durch Medien und Wettbewerbe zu rasch in Rollen drängen lassen, für die ihre Stimme noch nicht reif ist. Das ist gefährlich.

Regula Mühlemann, Sie sind ebenfalls am Luzerner Theater erstmals aufge­fallen, zogen aber dem Ensemble die freiberufliche Tätigkeit vor. Ist es eine Generationenfrage, dass Sie diesen Weg gegangen sind?

Mühlemann: Nein, ich denke nicht. Nach meinem Auftritt in der «Freischütz»-Verfilmung bekam ich tolle Angebote. Dadurch ergab sich ein fliessender Übergang von der Ausbildung in die berufliche Tätigkeit.

Wie gross war oder ist die Versuchung, sich zu rasch in Rollen drängen zu lassen, für die die Stimme noch nicht bereit ist?

Mühlemann: Klar, gibt es diese Gefahr und muss man aufpassen, dass man nicht von null auf hundert geht. Deshalb habe ich bisher nur Rollen angenommen, die meine Stimme nicht überfordern. Wo momentan meine Grenzen liegen, teste ich in Konzerten aus. Ich stelle mir vor, dass es belastender sein kann, in einem Ensemble 30 Mal die Pamina zu singen. So kann man auch ausserhalb eines Ensembles die Stimme schrittweise entwickeln. Die Gretel in Turin etwa war ein behutsamer Schritt ins romantische Repertoire.

Freiberuflich kann man also schneller auf grossen Bühnen auftreten, aber in kleineren Rollen. Sie, Ramon Vargas, haben umgekehrt im Luzerner Ensemble grosse Hauptrollen gesungen.

Vargas: Ja, das war der Idealfall, dass man in einem kleineren Haus zentrale Partien nicht nur einstudieren, sondern über viele Aufführungen daran wachsen kann.

Musiker und Sänger werden immer mehr übers Aussehen vermarktet. Wie haben Sie diese Entwicklung erlebt?

Vargas: Es stimmt, dass heute das Optische immer wichtiger wird, auch was die Inszenierungen anbelangt. Gerade da bieten Produktionen, für die man im Ensemblebetrieb relativ viel Zeit zum Proben hat, Vorteile. Die Entwicklung hat ja ihre gute Seite, wenn es darum geht, Charaktere auf der Bühne möglichst glaubwürdig darzustellen. Aber generell ist es immer noch so, dass am Schluss die sängerischen Leistungen zählen.

Mühlemann: Ja, dem kann ich voll zustim­men. Natürlich ist es hilfreich, wenn man den Ansprüchen ans Aussehen und an eine glaubwürdige Darstellung entsprechen kann. Aber die Stimme bleibt auch nach meiner Erfahrung das Entscheidende. Dafür braucht es auch nicht immer eine bis ins letzte Detail ausgefeilte Regie. Ich habe wie­derholt erlebt, dass eine besondere Spannung entstand, wenn sich ein Ensemble in kurzer Zeit zusammenfinden musste.

Beste Voraussetzungen also für Ihren gemeinsamen Auftritt. Ist es eine Herausforderung, zwei Stimmen über eine Generation hinweg zu vereinen?

Vargas: Nein, es ist klar, dass man da so aufeinander eingeht, damit beide Stimmen harmonieren – auch das gehört selbstverständlich zur Professionalität. Und wir haben die Stücke daraufhin ausgewählt.

Mühlemann: Ich habe zwar auch schon erlebt, dass der Tenor auf der Bühne so losbrüllte, dass ich die Ohren voll hatte. (lacht) Aber mit einem so musikalischen Sänger, wie es Ramon Vargas ist, geht das wunderbar. Deshalb singe ich an diesem Abend auch in Rollen, die ich, aus Rücksicht auf die Stimme, als ganze Partie noch nicht auf der Bühne singen würde.

Hinweis

Benefiz-Gala, Samstag, 7. November, 19.30 Uhr, mit dem Luzerner Sinfonieorchester und Howard Arman. VV: Tel. 041 228 14 14.