MUSIK: «Ich arbeite für mein Glück»

«Tiger & Reh» heisst das neue Album von Sina. Sie startet nächste Woche in Luzern ihre Tournee 2015. Im Interview verrät die Walliserin, wann sie zum scheuen Reh wird und wann zum Tiger.

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Nein, nein, Rost angesetzt wie diese Skulptur in Lenzburg hat Sina keineswegs, im Gegenteil. Was aber zutrifft, schildert sie so: «Mein Publikum altert schön gleichmässig mit mir mit.» (Bild: Dominik Wunderli)

Nein, nein, Rost angesetzt wie diese Skulptur in Lenzburg hat Sina keineswegs, im Gegenteil. Was aber zutrifft, schildert sie so: «Mein Publikum altert schön gleichmässig mit mir mit.» (Bild: Dominik Wunderli)

Interview Roger Rüegger

Einer jungen deutschen Kollegin, die seit sechs Jahren in der Schweiz wohnt, erzählte ich heute Morgen, dass ich Sina treffe. Sie fragte mich: «Muss ich die kennen?» Muss sie?

Sina: Um Gottes willen. Nein, man muss mich nicht kennen. Das ist absolut freiwillig.

Wobei ohnehin nicht sicher ist, dass sie Ihre Texte im Walliser Dialekt verstehen würde.

Sina: Vielleicht schon. Ich weiss von einigen Deutschen, die meine CDs benutzen, um Schweizerdeutsch zu lernen. Schön, zu sehen, wie viele Deutsche, die in der Schweiz leben, sich für unser Volksgut interessieren und ganz nebenbei auch einheimische Musik mögen.

So neuerdings auch meine Kollegin. Als ich ihr das Stück «Tiger & Reh» von Ihrem gleichnamigen neuen Album abspielte, meinte sie: «Diese Sina klingt fast wie Norah Jones. Voll geil.» Ich finde, das ist ein schönes Kompliment. Ob für Sie oder für Jones, lassen wir jetzt offen, nicht wahr?

Sina: Ich weiss nicht, ob Norah Jones mich kennt. Ich aber mag ihre Musik. Jedoch werden wir Musiker grundsätzlich nicht gerne mit anderen Künstlern verglichen. Da sich mein neues Album auch ziemlich von meinen früheren Werken unterscheidet, ist auch die Rocksängerin mit der Löwenmähne schon länger Vergangenheit.

Norah Jones kennt Sie vielleicht nicht. Aber Sie sind immerhin die Rock- oder Poplady Nummer eins in der Schweiz. Genügt Ihnen das?

Sina: Ich war nie so naiv, zu glauben, mit Walliserdeutsch über die Grenzen hinaus bekannt zu werden. Das war eine bewusste Entscheidung.

Zumindest diesbezüglich sind Sie dem Wallis treu geblieben. Aber Sie leben im Aargau. Kein Heimweh?

Sina: Ich bin sechs Jahre lang jeden Freitagabend mit dem Auto ins Wallis gefahren und am Montagmorgen um 6 Uhr wieder Richtung Zürich. Irgendwann habe ich mich entschieden, Wurzeln zu schlagen. Ich war nirgendwo mehr richtig gelandet und wollte an einem Ort heimisch werden.

Sind Sie wenigstens in einem Walliserclub, wo jeden Tag ein Dreier Heida getrunken wird oder so ähnlich?

Sina: Heida ist super, den kann man auch trinken, wenn man nicht in einem Walliserclub ist. Ausserdem kann ich den Syrah von Jürg Biber in Salgesch schwerstens empfehlen ... (lacht)

Zurück zum Stichwort «bekannt sein». Über die Schweizer Grenze hinaus sind Sie es kaum. Und innerhalb der Schweiz?

Sina: Bei ganz Jungen vielleicht nicht mehr so sehr. Schon seit längerem fragen mich junge Leute nach einem Autogramm zum Beispiel für ihren Onkel. Mein Publikum altert schön gleichmässig mit mir mit.

Sie versuchen also nicht, die jüngere Generation via soziale Medien zu erreichen? Auf Facebook sind Sie mit 2110 «Gefällt mir»-Angaben eher im unteren Bereich.

Sina: Die Likes auf Facebook sind nicht verlässlich. Endo Anaconda von Stiller Has sagte einst zu einem jungen Rapper, der ihn ermunterte, auf Facebook aktiver zu werden, dass er lieber den «Stadtkeller» in Luzern dreimal nacheinander fülle, statt 10 000 Likes zu haben und wie der Rapper dann trotzdem nur vor 30 Leuten zu spielen.

Apropos «Stadtkeller»: Ihre Tournee beginnt nächste Woche aus Tradition dort. Die Konzerte sind fast ausverkauft. Das muss man auch erst einmal schaffen.

Sina: Die letzten drei Tourneen liefen ebenfalls gut. Trotzdem bin ich immer wieder positiv überrascht. Schön, dass ich auch nach 20 Jahren auf der Bühne die Leute noch immer begeistern kann mit meiner Musik.

Mit Ihrem elften Album berühren Sie die Seele Ihrer Fans. Textpassagen wie «Wenn dis Härz tropft und du zwiflisch» dringen tief ein. Ich glaubte bisher immer, dass solche Textpassagen nur in der Ranchera-Musik aus Mexiko funktionieren, allenfalls vielleicht noch in Italien. Sie aber bringen es fertig, dass man Ihnen solche Aussagen abnimmt. Woran liegts?

Sina: Ich habe keine Angst, meine Verletzlichkeit zu zeigen. Als ich jung war, gab es für mich nur eine Richtung, in die ich mit meiner Musik hinwollte. Mit der Zeit kommen Vielfalt und Erfahrungen dazu, die einen prägen, man kommt sich selber näher. Dann liegt es auch daran, dass ich es mir beim Texten nicht leicht mache. Ich arbeitete dieses Mal bei drei Songs mit den Autoren Ralf Schlatter und Christoph Trummer zusammen. Sie haben die Texte mit ein paar sehr schönen Bildern verfeinert.

Vermischt mit einem kräftigen Schuss Country etwa in «Wartu ufs Glick», gelangt Ihr neues Album einem Romantiker wie mir direkt ins Blut. Von welcher Musik liessen Sie sich inspirieren?

Sina: Internetradiostationen mit guter Countrymusik gibt es viele. Dort habe ich auch ein paar Künstler entdeckt wie etwa Dierks Bentley, Jacob Brass und Chris Young. Ausserdem schätze und höre ich die Sängerin K. D. Lang seit Jahren.

Trotzdem kann man das neue Album nicht als Country-Scheibe bezeichnen.

Sina: Es ist nicht meine Absicht, Bestehendes zu kopieren. Wir haben mit der Steel Guitar, dem Alphorn und der Klarinette einfach neue Aspekte in einen Teil der Songs gebracht.

Wenn einige Texte Ihr Leben beschreiben, müssen Sie wahnsinnig zufrieden sein und obendrein noch unsterblich verliebt.

Sina: Das «Ja, ich will» ist definitiv ein Ja zur Liebe, die besteht. Ich bin wirklich zufrieden mit dem, was ist, und ich arbeite für mein Glück. Es ist überhaupt nicht so, dass ich auf das Glück warte. Auch wenn ich dies so besinge.

Sie sind seit fast 20 Jahren immer noch glücklich mit Ihrem Ehemann Markus Kühne zusammen. In unserer schnelllebigen Zeit in einer langjährigen Beziehung zu sein, ist fast exotisch.

Sina: Ja, wir gehören zu der Hälfte, die sich nicht trennt. Dies, weil wir uns auf Augenhöhe begegnen, die Andersartigkeit des Partners akzeptieren und ihn nicht verändern wollen. Das Tüpfelchen auf dem i ist dann wohl unsere gemeinsame grosse Liebe zur Musik.

Kommt somit der Erfolg in der Musik von alleine?

Sina: Nein, der kommt nicht von alleine. Etwas muss man schon dafür tun. Wenn die Passion im Beruf gross ist, gibt dies enormen Antrieb auch in Zeiten, wenn es mal nicht so läuft. Die Kunst des Künstlers ist es dann, die Arbeit einfach aussehen zu lassen.

Ihre Zufriedenheit haben Sie sich also erarbeitet. Und dies so sehr, dass Sina in der Klatschpresse praktisch nicht existiert.

Sina: Wenn rote Teppiche, Klatsch und Tratsch in der Nähe sind, schlüpfe ich ziemlich flink in die Rolle des Rehs und suche das Weite.

Sind Sie für Skandale einfach zu langweilig oder zu anständig?

Sina: Es ist schön, wenn das Privatleben langweilig sein darf. Langeweile halten die meisten Leute nicht aus. Ich schon. Für mich bedeutet sie Ruhe und Müssiggang.

Scheu wie ein Reh sind Sie aber nicht. Immerhin nehmen Sie praktisch als einzig geladene Musikerin jedes Jahr am Blue-Balls-Apéro teil. Sind Sie so gerne in Luzern, oder geschieht dies aus Interesse an diesem Festival?

Sina: Stimmt. Es gibt wenige Anlässe, die ich regelmässig besuche. Doch das Blue Balls liebe ich. Es ist ein innovatives, hochstehendes Festival. Der Aperitif ist Nebensache.

Wann werden Sie zum Tiger?

Sina: Wenn ich mich ungerecht behandelt fühle und immer mal wieder auf der Bühne.

Auf welcher Bühne würden Sie gerne einmal stehen?

Sina: In der Schweiz habe ich praktisch schon überall gespielt. Was mich aber reizen würde, wäre ein Konzert unter Wasser. Am liebsten im Hallwilersee, der vor meiner Haustür liegt. Das ist heute technisch machbar. Die Band von Karl’s Kühner Gassenschau hat es im Stück «Aqua» vorgemacht.

Nur mit den neuen Liedern werden Sie die Leute an Ihren Konzerten aber nicht von den Sitzen reissen. Alte Stücke wie «Nix värbii» und «Dr Sohn vom Pfarrer» bringen Sie doch bestimmt auch?

Sina: Selbstverständlich werde ich das. «Dr Sohn vom Pfarrer» wird gespielt. Der gehört einfach dazu.

Viele Leute kennen ja möglicherweise nur dieses eine Lied von Ihnen. Ausgerechnet eines, das nicht aus Ihrer Feder stammt. Macht Ihnen das nichts aus?

Sina: Nein, das gefällt mir sogar ganz gut. Der Song ist eine Klasse für sich und passt zu mir. Witzig dabei ist, dass vor allem junge Leute glauben, das sei mein Song. Das Original «Son Of A Preacher Man» und die leider früh verstorbene Dusty Springfield kennen die nicht mehr.

Sie sind praktisch die einzige Frau in der Schweizer Musikszene, die sich über Jahre behauptet hat. Was ist der Preis für Ihren Erfolg?

Sina: Musik zu machen, war immer mein Traum. Mit 15 habe ich in mein Tagebuch geschrieben: «Ich muss es einfach wissen.» So habe ich wohl manchmal auf Dinge verzichtet, weil ich ein Ziel vor Augen hatte, und konnte so meine Passion zum Beruf machen.

Nach der Produktion des Albums und dem Interviewmarathon geht es am 13. März ab auf die Bühne. Kann man den Tourstart als Belohnung ansehen, oder beginnt für Sie der Stress jetzt richtig?

Sina: Die Freude, dass es bald losgeht, ist riesig. Über Musik gesprochen haben wir jetzt genug. Nun gehts ans Umsetzen. Derzeit proben wir intensiv, damit wir fit sind für den «Stadtkeller». Ein bisschen Stress nimmt man da gerne in Kauf.