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MUSIK: «Ich hab Angst, egal zu sein»

Casper hat bewiesen, dass deutschsprachiger Hip-Hop nicht stumpfsinnig und sexistisch sein muss. Auf seinem neuen Album schwankt er zwischen zornig und depressiv und trifft damit exakt den Zeitgeist.
Steffen Rüth
Casper, mit bürgerlichem Namen Benjamin Griffey, schwimmt aus Überzeugung gegen den Strom. (Bild: PD)

Casper, mit bürgerlichem Namen Benjamin Griffey, schwimmt aus Überzeugung gegen den Strom. (Bild: PD)

Steffen Rüth


Casper, mit Ihrem neuen Album kann man sich intensiv und lange beschäftigen. «Lang lebe der Tod» ist eine unglaublich intensive Platte.

Das freut mich zu hören, und das ist mir auch wichtig. Wir haben sehr lange und akribisch an allem gefeilt, textlich wie musikalisch. Zusammen mit meinem Produzenten Markus Ganter habe ich wirklich sehr viele Details eingearbeitet. Ich hatte dieses Mal überhaupt keine Lust, eine leichtverdauliche Platte zu machen. Sondern eine, die fordert und zum Mitdenken animiert.

Ihre vorherigen Alben «XOXO» und «Hinterland» waren nun auch nicht die Leichtverdaulichsten.

Aber in diesem hier steckt viel mehr drin. Ich wollte eine sehr dystopische, eine sehr unbequeme Platte machen. Sie ist jetzt nicht ganz so hart und krass und laut geworden, wie ich es ursprünglich im Sinn hatte.

Als «Post-Genre» bezeichnet Ihre Plattenfirma das Werk. Was soll das heissen?

Ich mag den Begriff eigentlich sehr gern. Es passt nicht richtig rein, ist weder wirklich Hip-Hop noch Rock noch Indie. Da verwabert und vermischt sich alles. Ich bin sowieso ein Typ, der querbeet hört. Ich habe es immer als engstirnig empfunden, nur bestimmte Genres gut zu finden, wo es doch so ein Riesenbuffet von guter Musik auf der Welt gibt.

Welche Idee steckt hinter «Lang lebe der Tod»?

Den Ausschlag gab ein Video, auf dem ein Verletzter eines Terroranschlags am Boden lag, aus Schusswunden blutete, während ein Typ ihn nicht nur mit dem Handy filmte, sondern auch noch «Sag’ doch mal was, guck’ mal hoch» brüllte. Diese Sensationsgier fand ich so krass, dass ich das Bild nicht mehr aus dem Kopf ­bekam. Wenn etwas Grausames ­geschieht, ist es offenbar ein menschlicher Instinkt, hinzusehen.

Man sagt über Sie, Sie treffen mit Ihrer Musik das Gefühl einer Generation. Zielen Sie darauf, den Zeitgeist abzu­bilden?

Nein, das habe ich nie bewusst versucht. Das liegt wohl an der Art, wie ich schreibe.

Sie haben poetisches Talent, ausserdem bauen Sie in Ihre Songs literarische Reverenzen, etwa von Jonathan Safran Foer oder David Foster Wallace ein. Wann schreiben Sie selbst den ersten Roman?

Ich hätte sehr grosse Lust, ein Buch zu schreiben. Es gab auch schon Anfragen von Verlagen.

Ihre neue Single heisst ­«Keine Angst». Wovor haben Sie Angst?

Beruflich ist meine grösste Angst die Angst vor dem Mittelmass. Relevanz ist mir wichtig. Ich möchte alles, nur nicht egal sein. Wenn jemand sagt «sein Album kann man gut beim Bügeln hören», das würde mir das Herz brechen. Generell kann ich sehr schwer loslassen, mein Schaffen beschäftigt mich so gut wie rund um die Uhr. Man schleppt die Arbeit immer mit sich, ist nie fertig.

Ihr neues Album sollte ursprünglich schon vor einem Jahr erscheinen. Kurz vor der geplanten Veröffentlichung haben Sie das Album zurückgezogen, warum?

Ich fand und finde es absolut richtig, das Album nicht in dem halbfertigen Stadium herausgebracht zu haben, in dem es vor einem Jahr war. Positiv erstaunt war ich darüber, wie gut die Hörerschaft meine Entscheidung aufgenommen hat. Ich hatte mehr Entrüstung erwartet.

Mutig ist das schon gewesen. Die meisten hätten einfach die Platte trotzdem veröffentlicht. Warum Sie nicht?

Weil ich das nicht gekonnt hätte. Ich habe das auch nicht als mutig empfunden. Ich frage mich eher, wie viele Kollegen ihr Zeug so hinrotzen, es vielleicht ein bisschen scheisse finden und dennoch in Interviews erzählen, es wäre ihr bestes Werk.

Was treibt Sie an?

Gegen den Strom zu schwimmen. Ich hätte es mir sehr oft viel leichter machen können. Ich hätte das Konzept meines ersten Albums zwanzigmal wiederholen können, und es hätte zwanzigmal funktioniert. Ich entscheide mich offenbar immer wieder für den Weg des grössten Widerstands.

Warum?

Ich wollte immer, dass Casper dafür steht, dass man alles erreichen kann, was man erreichen will. Ich komme aus einem kleinen Dorf, habe Musik gemacht, für die sich keiner interessiert hat. Aber ich habe mich daran festgebissen, und heute kann ich davon leben.

Sehr gut vermutlich.

Ich lebe nicht reich. Ich habe auch nicht das Gefühl, reich zu sein.

Die Platte fängt sehr unruhig und beängstigend dunkel an, im letzten Lied «Flackern. Flimmern» jedoch siegt die Liebe. Ist das auch Ihre Überzeugung?

Ja. Ich denke schon, dass der Mensch im Grunde eher gut als schlecht ist. Ich möchte glauben, dass am Ende das Gute siegt.

Casper: Lange lebe der Tod, Columbia/Sony

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