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MUSIK: «Lachen muss immer einen Platz haben»

Sie eint die Menschen, manchmal auch ganze Familien. Bei Grossfamilie Lange ist sie zentral und macht alle zufrieden. Gestritten wird aber trotzdem – aktuell auf einer ganz speziellen Opernbühne.
Susanne Holz
«Mal kämpferisch, mal zart.» Familie Lange auf der Opernbühne in der Johanneskirche. Von links: Liv, Bibiana, Maurin, Mael, Dieter. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 7. Juni 2017))

«Mal kämpferisch, mal zart.» Familie Lange auf der Opernbühne in der Johanneskirche. Von links: Liv, Bibiana, Maurin, Mael, Dieter. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 7. Juni 2017))

Interview: Susanne Holz

Vater Dieter Lange (59), Mutter Bibiana Lange (55), Tochter Liv Lange Rohrer (33) und Tochter Mael (10) sitzen alle zusammen um einen Tisch in Liv Lange Rohrers Haus in Emmenbrücke und erzählen von sich: von ihrer grossen Familie mit neun Kindern, Liv, die Älteste, Mael, die Jüngste, und von der Liebe zur Musik, die die ganze Familie teilt. Es ist anzunehmen, dass auch der halbjährige Emil, der auf dem Schoss seines Grossvaters sitzt, einmal in die Tasten oder Saiten greifen wird. Liv Lange Rohrers erstes Kind, das zweijährige Töchterchen Marie, hält gerade ein Schläfchen.

Familie Lange, Sie führen derzeit in der Luzerner Johanneskirche eine unkonventionelle Oper mit barocker Musik auf. Unkonventionell sind Sie aber auch selbst, nicht wahr?

Dieter Lange: Wir sind schon eine grosse Familie, mit sechs Söhnen und drei Töchtern. Und alle machen Musik. Fünf von uns sind direkt am Musiktheater «Ariadne – eine Frau sieht Rot» beteiligt, das bis zum 23. Juni aufgeführt wird. Meine Tochter Liv singt die Ariadne, Mael und Maurin (16) singen im Chor der Luzerner Kantorei mit, meine Frau Bibiana hatte die Korrepetition inne und ich die musikalische Leitung. Alle unsere Kinder sind oder waren übrigens Teil der Kantorei. Ich selbst bin in einer Musikerfamilie aufgewachsen.

Liv Lange Rohrer: Bei uns zu Hause läuft immer Musik, ob U oder E. Mein Bruder Julius (31) ist unter anderem Teil einer Country-Band, mein Bruder Sebastian (30) ist Chef der Orchestertechnik an der Oper Zürich. Für Mael und Thaddäus (12) ist es typisch, sich einfach ans Klavier zu setzen und zu spielen – ganz aus sich selbst heraus.

Sie spielten vor 16 Jahren schon einmal die «Ariadne» – auch unter Leitung Ihres Vaters?

Liv Lange Rohrer: Es war eine Sprechrolle im Melodram von Georg Anton Benda, «Ariadne auf Naxos». Ich erinnere mich gut – es war eines unserer ersten gemeinsamen Projekte; aufgeführt in der Kirche St. Franziskus in Kriens.

An der aktuellen «Ariadne» gefällt mir besonders der Titel: «Eine Frau sieht Rot».

Dieter Lange: (lacht) Der fiel mir spontan ein, beim Brainstorming mit Regisseurin Gisela Nyfeler. Natürlich bezieht er sich auf den roten Faden, mit dem Ariadne Theseus rettet, und auf Ariadnes spätere Wut, als Theseus sie verlässt – und dann gibt es da noch diesen Thriller mit Charles Bronson von 1974, «Ein Mann sieht Rot».

Was ist das Besondere an Ihrer «Ariadne»?

Dieter Lange: Bei uns ist alles ein bisschen anders. Wir haben die Geschichte etwas umgeschrieben und die Ariadne moderner und selbstbestimmter werden lassen. Sie verzweifelt nicht aus Trauer, sondern sie schwört Rache. Dann mischen wir barocke Arien von Monteverdi bis Händel und Vivaldi mit Texten aus Racines «Phädra». Die Geschichte von Phädra erzählen wir als Ariadnes Geschichte. Ariadne wird zuerst Opfer ihrer Liebe zu Theseus und projiziert diese Liebe sodann auf Hippolytos.

Eine sehr emotionale und sympa­thische Ariadne also?

(Liv Lange Rohrer hebt nachdenklich die Brauen, ihr Vater schmunzelt) Dieter Lange: Ja, und natürlich ist besonders, dass das Ganze in dieser speziellen Kirche stattfindet, die vom Bau her durchaus an das Labyrinth aus der griechischen Mythologie erinnert, aus dem sich Theseus befreien muss. Und: Der ganzen Emotionalität entspricht die Barockmusik wunderbar. Mein Herz schlägt für den Barock.

Verschmähte Liebe, Rachegelüste – kennen die Damen der Familie Lange solche Gefühle auch?

Liv Lange Rohrer: Ich bin kein rachsüchtiger Typ – überhaupt nicht. Ich kann es gut sein lassen. Aber dieses spannende Thema im Spiel auszuleben – das ist toll.

Dieter Lange, Sie sind mit einer gebürtigen Italienerin verheiratet und haben drei Töchter: Mögen Sie Frauen mit Temperament?

Dieter Lange: Die mag ich absolut.

Und wie stark ist dieses weibliche Temperament bei Familie Lange ausgeprägt?

Dieter Lange: (lacht) Sehr. Meine Frau und meine Töchter haben viel Energie.

Wie ist es eigentlich, eine so grosse Familie zu haben – schreibt man da schon beinahe Geschichte, wie in der griechischen Mythologie?

Dieter Lange: Wenn wir am Tisch sitzen und nur einer fehlt, dann hat man schon das Gefühl, es tue sich ein riesiges Loch auf. Sitzen wir nur zu viert am Tisch, dann ist das sehr, sehr wenig.

Liv Lange Rohrer: Das Schönste ist, wenn an Weihnachten und Ostern alle zusammen sind. Natürlich ist eine grosse Familie auch anstrengend – die Waschmaschine läuft mehrmals täglich, und es ist nicht immer alles so aufgeräumt.

Bibiana Lange: Trotz vieler Kinder konnte ich immer auch meinem Beruf als Musikerin nachgehen. Bei den ersten Kindern hatten wir jemanden angestellt, der ab und zu aufgepasst hat, später haben die Grösseren zu den Kleineren geschaut, und unsere Freunde haben auch viel geholfen.

Sind heute noch alle Kinder in der Gegend?

Bibiana Lange: Sebastian, der zweite Sohn, wohnt im Aargau. Er ist am weitesten weg. (lacht) Und Liv hat zusammen mit ihrem Mann zwei Jahre in Amsterdam und drei Jahre in Bangkok gelebt.

Spannend. Was haben Sie dort gemacht?

Liv Lange Rohrer: Mein Mann, ein Heilpädagoge, hat dort als Lehrer an einer Schweizerschule gearbeitet. Ich habe an derselben Schweizerschule Gesang und Musik unterrichtet und an der Mahidol University meinen Master gemacht.

Und heute sind Sie selbst Mutter. Was ist das Schöne an Kindern?

(Das weiss einer ganz genau) Dieter Lange: Kinder verlangen viel, und sie geben viel. Hat man Kinder, gibt man Leben weiter. Man gibt Geborgenheit und ist geborgen.

Haben Kinderreichtum und die Liebe zur Musik etwas miteinander zu tun?

Dieter Lange: Musik ist Vielfalt, Emotionalität, und sie gibt auch Geborgenheit. Die Auseinandersetzung mit Musik ähnelt der Auseinandersetzung mit Fragestellungen rund um die Familie – nur in einer anderen Sprache. Oft wird erst mit etwas Abstand bewusst, welch unglaubliche Emotionen Musik hervorrufen kann. Mache ich Musik, habe ich immer alle möglichen Bilder vor Augen.

Wie geht es dir da, Mael? Was bedeutet dir Musik?

Mael Lange: Sie ist ein Teil meines Lebens – ich mag Musik sehr gerne. Letztes Jahr durfte ich im Musical «Summer of ’85» im Le Théâtre Kriens-Luzern mitspielen, das hat riesig Spass gemacht. Ich habe dabei viele neue Menschen kennen gelernt.

Dieter Lange: Das Klavier ist wie ein Spielzeug für sie. Sie probiert, improvisiert, komponiert – wie kürzlich den «Streit zwischen Winter und Frühling». Die Kinder sind sehr spontan, das finde ich super. Thaddäus und Mael singen auch mal schnell zusammen «Mädchen gegen Jungs» – aus dem Film «Bibi und Tina».

Mael, singst du auch so schön wie deine grosse Schwester Liv?

Mael Lange: Im Moment bin ich im Alt, nicht im Sopran. (Familie Lange lächelt) Aber Liv ist schon ein Vorbild für mich – ich könnte mir vorstellen, auch einmal Sängerin zu werden.

Haben Sie Ihren Kindern das Klavierspielen beigebracht, Bibiana?

Bibiana Lange: Nein. Die eigenen Kinder zu unterrichten, ist schwierig. Das klappte nicht so gut. (schmunzelt)

Viele Kinder, viele Charaktere. Auch in der Barockmusik finden sich ja die verschiedensten Temperamente ...

Dieter Lange: Die barocken Arien in unserer «Ariadne» spiegeln von Wut und Enttäuschung über Liebe und Trost sehr viele Emotionen – das ist unglaublich toll. In Monteverdis «Lamento d’Arianna» wird sowohl Ariadnes Todessehnsucht als auch ihre Zärtlichkeit gegenüber Theseus spür- und hörbar. Und auch die Orchesterstücke sind mal kämpferisch, mal zart.

Der barocken Musik liegt die Temperamentenlehre zu Grunde. Feuer, Erde, Wasser und Luft entsprechen den vier Affekten in der Musik. So auch in Ihrer «Oper mal anders»?

Dieter Lange: Die vier Temperamente sind den vier Hauptdarstellern zugeordnet. Und diese verkörpern auf subtile Weise wiederum ein passendes Tier, das in Spiel und Kostüm (in der wundervollen Ausstattung von Marianna Meyer) sichtbar wird. Die Ariadne verkörpert als Stier das Feuer, Theseus (Stefan Wieland) als Wolf die Erde, Oenone (Gianna Lunardi) als Eule die Luft und Hippolytos (Flurin Caduff) als Fisch das Wasser.

Liv Lange Rohrer, wie ist es, als Ariadne so viele verschiedene Emotionen singen zu dürfen?

Liv Lange Rohrer: Es macht absolut Spass, so viele verschiedene Emotionen abzurufen. Man wird von einer Emotion in die nächste geschleudert, das ist anspruchsvoll. Je nach Tagesform gelingt die eine oder die andere besser. Aber natürlich hat man als Sänger den Anspruch, sich von der eigenen Gemütslage nicht beeinflussen und vor allem nicht überrollen zu lassen. Der Zuschauer will mich nicht weinen sehen – es braucht eine gewisse Distanz des Sängers zum vorgetragenen Gefühl, das aber nachempfindbar vermittelt werden soll.

Dieter Lange: Und genau das ist tricky.

Ihre «Ariadne» bietet einen Mix aus barocken Arien, Chören, Instrumentalstücken – zusammengestellt von Ihrem Verein «Oper mal anders». War die Finanzierung schwierig?

Liv Lange Rohrer: Unsere Produktion ist ohne ein Kulturinstitut zu Stande gekommen, sie ist Teil der freien Szene. Hinter ihr stehen lauter Leute, die sich mit Herzblut der Barockmusik verschrieben haben. Um sie zu finanzieren, hat Produktionsleiterin Annette von Goumoëns zig Stiftungen um Spenden angeschrieben.

An der «Ariadne» sind über fünfzig Menschen beteiligt. Einige davon ehrenamtlich?

Dieter Lange: Es steckt sehr viel Engagement, Freiwilligenarbeit und Herzblut in der ganzen Produktion.

Liv Lange Rohrer: Unsere gesamte Familie hilft in irgendeiner Form mit. Meine Schwiegereltern und mein Mann beispielsweise hüteten während der Proben unsere Kinder, und meine Brüder Leonard (23) und Nikolaus (20) packten bei allen möglichen Gelegenheiten mit an.

Und auch die Luzerner Johannes­kirche zeigte sich sehr kooperativ?

Dieter Lange: Herbert Gut, der Pfarreileiter, war sofort Feuer und Flamme für unsere Idee einer Oper in seiner Kirche, die er für die Kultur mehr öffnen will. Uns gefällt die Architektur, die Ambiance, die Akustik dieser Kirche. Sie ist ein super Raum mit griechischem Feeling dank Nischen, Ecken, Seiteneingängen, Balkon. Die beiden Sakristane sind zudem zwei gute Seelen, die den Pfarreibetrieb um unser Projekt organisieren.

Liv Lange Rohrer: Und auf dem Kirchturm befindet sich ein Möwennest. Wir fühlten uns während der Proben wie auf Kreta. (lacht)

Erklären Sie noch mal: Was mögen die Langes an Barockmusik so sehr?

Dieter Lange: Den direkten emotionalen Zugang. Diese Musik berührt – trotz ihrer Schlichtheit. Jeder Ton entspricht einem Buchstaben – das ergibt zusammen eine Geschichte.

Und die griechische Mythologie?

Liv Lange Rohrer: Man kann sich in diesen Geschichten spiegeln, in dieser fantastischen Götterwelt. Viele Opern basieren auf griechischer Mythologie.

Die Charaktere in Ihrer «Ariadne» sind alle Gefühl pur. Sorgt dieses Triebhafte, Animalische auch für eine komische Note?

Liv Lange Rohrer: Nur im ersten Teil. Im zweiten Teil wird es tragisch.

Liv Lange Rohrer, im Pressetext heisst es, Sie hätten eine komische Ader?

Liv Lange Rohrer: Lachen muss immer einen Platz haben. Das schweisst auch das Team zusammen.

Hinweis

Die Besprechung der Premiere des ­Musiktheaters «Ariadne – eine Frau sieht Rot» finden Sie heute auf der Kultur-­ Seite 21.

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