MUSIK: Luzern machte ihn rauchfrei

Sven Regener (52), Sänger von Element of Crime und Autor des Kultbuchs «Herr Lehmann» erklärt, warum er nie wie andere Rockmusiker Fernseher aus dem Fenster geworfen hat. Zu denken gibt ihm, dass er die Schweiz vernachlässigt hat.

Interview Pirmin Bossart
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«Warum klingen wir im Radio immer so komisch?» Sven Regener über seine Selbstzweifel in den Anfangszeiten der Band.

«Warum klingen wir im Radio immer so komisch?» Sven Regener über seine Selbstzweifel in den Anfangszeiten der Band.

Sven Regener, Sie waren mit Element of Crime schon mehrmals in der Zentralschweiz. Haben Sie noch eine Erinnerung an eines Ihrer früheren Konzerte, zum Beispiel in Luzern?

Sven Regener: Natürlich, Luzern, der See, die Schüür. Und 2007 war da auch dieser andere Club, wie hiess er doch gleich (Boa, Anm. d. Red.)? Es war das letzte Konzert der Tour. Ich hatte eine Erkältung und war so extrem heiser, dass ich mit Mühe und Not gerade noch das letzte Lied singen konnte, danach war ich so gut wie stumm. Ich hatte dann auch noch ein paar Wochen ein akutes Asthma. Daraufhin habe ich das Rauchen aufgegeben.

Sind Sie dabei geblieben?

Regener: Oh ja, das geht nicht anders. Ich musste mich entscheiden: Willst du noch länger singen und Trompete spielen, oder einfach weiterrauchen? Alles zusammen ging nicht mehr.

Sie sind mit Element of Crime bald 30 Jahre unterwegs. Ist dieses Tourleben immer noch aufregend für Sie?

Regener: Die Musik ist toll. Das Drumherum, nun ja. Ich war nie so ein wahnsinniger Tourfreak. Die langen Autobahnfahrten, die Raststätten, die Hotels, das ganze On-the-road-Zeugs nimmt man in Kauf, um am Abend ein Konzert geben zu können. Das ist immer noch ein besonderes Gefühl. Bei unserer Clubtour kürzlich, wo wir mehrere Tage hintereinander am gleichen Ort spielten, stieg unser Repertoire auf 50 bis 60 Songs. Wir durften feststellen, dass all diese Songs noch nicht vergammelt sind.

Ihre Songs haben ja eine bestimmte Handschrift. Diese verhaltene Melancholie, aber auch der Sound, der so poetisch wie rockig sein kann. Ist da viel Arbeit dahinter, oder kommt das einfach so?

Regener: Als junge Band leidet man komischerweise darunter, einen eindeutigen Stil zu haben. Man empfindet sich als Freak und denkt, warum klingen wir im Radio immer so komisch? Warum haben wir nicht die Rhythmen, die andere haben? Diese Basslinien? Diese schräge Gitarre? Später lernt man, dass das gerade das Tolle an einer Band ist. Bei uns kommt das auch daher, dass die früheren Produzenten von John Cale über Uwe Bauer bis David Young uns immer unterstützt haben, das stilistisch Besondere herauszuheben und es nicht wegzubügeln.

Das Band-Leben kann auch Abnutzungserscheinungen produzieren. Wie gehen Sie damit um?

Regener: Wir sind ja keine Band, die unendlich viel tourt. Manchmal machen wir auch gar nichts. Das bewahrt uns vor der Tretmühle und hält unsere Freude an der Musik intakt. Zudem haben wir heute den Vorteil, dass wir machen können, was wir wollen. Wir haben sozusagen unseren Status erspielt und geniessen eine Unabhängigkeit, bei der uns weder eine Plattenfirma noch Agenten vorschreiben, was wir tun oder lassen sollen.

Was macht das Lebensgefühl des Rock ’n’ Roll aus?

Regener: Rock ’n’ Roll ist eine sehr freie Kunst, die gleichzeitig eine Distanz zum Publikum hat. Wir sind mit keinen direkten Käufern konfrontiert wie etwa in der bildenden Kunst. Was wir in die Welt setzen, finden draussen ein paar Leute so gut, dass sie dafür ein bisschen Geld ausgeben. Das ist das, was den Rock ’n’ Roll ausmacht, abgesehen vom sonstigen Kram wie Koks und Nutten, was natürlich auch zum Rock ’n’ Roll gehört, aber nicht so direkt unser Ding war.

Ihr wart also immer eine brave Band ...

Regener: ... Nun ja, brav nicht gerade. Aber wir haben nie Fernseher aus dem Fenster geschmissen oder Möbel zertrümmert. Das war vielleicht auch unsere Faulheit. Es wäre uns zu anstrengend gewesen. Wir mussten aber auch erleben, dass wir im Hotel abgewiesen wurden, weil eine Band zuvor das Zimmer verwüstet hatte. In der Schweiz gab es immer dieses Problem mit der Minibar. Die wurde oft vor unserer Ankunft leergeräumt. Denn es hiess: Die Musiker bezahlen ja nie.

Was sagen Sie eigentlich zu diesem Steuerstreit zwischen Deutschland und der Schweiz?

Regener: Ha, ha. Da halte ich mich raus. Wenn Künstler da ihren Senf dazugeben, läuft das meistens auf so einen komischen Populismus hinaus. Künstler wollen ja vor allen Dingen immer auch gefallen, während man sich von den Politikern wünschen würde, dass sie nicht unbedingt jedem gefallen wollen, aber einen klaren Standpunkt haben. Ich bin dagegen, dass man das auf diese kulturelle Ebene zieht. Diese Schweizer! Diese Deutschen! Diese Verbindung von Politik und Kultur ist gerade das Unangenehme am Populismus. Das war mir schon immer suspekt. In der Politik geht es darum, was richtig ist, dienlich ist, nützlich ist und wie man die Interessen ausgleichen kann. Alles Dinge, die in der Kultur keine Rolle spielen, Deshalb ist es gar nicht so schlecht, wenn sich Künstler ab und zu auch zurückhalten.

Wie ist denn so Ihre Beziehung zur Schweiz? Die Schweizer schnöden ja manchmal über die Deutschen.

Regener: Das gibt es überall, und es geht in jede Richtung, Norden gegen Süden, Westen gegen Osten. Es ist ja nicht so, dass sich etwa die Hamburger und die Bayern super lieb haben. Das hat mit Denkfaulheit und Vorurteilen zu tun, ist aber in der Regel auch nicht immer so ernst gemeint. In der Schweiz haben wir jedenfalls nichts Problematisches gespürt. Mir gibt eher zu denken, dass wir die Schweiz etwas vernachlässigt haben. In den letzten Jahren spielten wir meistens nur gerade in Zürich oder Bern und waren dann gleich wieder weg.

War das vorher anders?

Regener: Man kann kaum eine tote Katze in die Schweiz schleudern, ohne einen Ort zu treffen, an dem wir nicht schon mal gespielt haben. Ebnat-Kappel, Heris­au, Stäfa, La Chaux-de-Fonds, wir waren überall, mein Gott, Schaffhausen, Thun natürlich sowieso, oder Zug.

Warum sind eigentlich immer so ­viele Frauen an euren Konzerten?

Regener: Wir haben keinen wirklichen Frauenüberschuss an unseren Konzerten, das ist eher bei Howard Carpendale der Fall. Bei uns liegen die Männer- und Frauenanteile etwa bei 50 zu 50. Das ist für eine Rockband zugegeben nicht gerade typisch. Es gibt andere Bands, ich nenne keine Namen, wo das Verhältnis eher 90 zu 10 ist. Aber wir haben auch nicht diesen Mainstream-Rocksound mit seinem machomässigen Einschlag drauf. Mir ist das auch lieber so.

Sie kamen letztes Jahr in die Schlagzeilen, als Sie ein vehementes Statement gegen die Internet-Piraterie abgaben. Haben Sie denn konkret eine Lösung, wie man vorab den jungen Leuten wieder klarmachen könnte, dass Musik ihren Preis hat?

Regener: Ich glaube gar nicht, dass es dafür eine Lösung gibt, das Ganze ist eigentlich ganz o. k. Aber bei uns ging die Diskussion nur noch darum, ob man das Urheberrecht gleich wegputzen sollte. Das ist nicht richtig. Wir schaffen diese Werte, und wir wollen selber darüber bestimmen, was mit ihnen geschieht und wer sie unter welchen Bedingungen verwenden kann und wer nicht. Wenn man meint, man müsse den Vogel nicht füttern, dann singt er auch nicht.

Für viele ist es selbstverständlich, sich die Musik gratis aus dem Netz zu holen.

Regener: Wenn sich Leute die Musik einfach gratis holen, ist das ein asozialer Akt. Das geht nur so lange, wie andere Leute zahlen. Sofern das im Rahmen bleibt, ist das auch alles nicht so schlimm. Aber wenn die Leute glauben, das sei selbstverständlich und eine coole Sache, dann hört es bei mir auf. Die Debatte ging ja dahin, dass man das nicht mehr sanktionsfähig machen wollte. Dann würden wir Musiker gleichsam gezwungen, die Sachen zu verschenken.

Sie sind nicht nur ein feinsinniger Texter und Musiker, sondern haben mit der «Herr Lehmann»-Trilogie auch literarisch einen Wurf gelandet. Werden Sie böse, wenn Leser Herrn Lehmann als Alter Ego von Sven Regener verstehen?

Regener: Böse muss man deswegen nicht werden, aber man muss es halt schon klarstellen. Die meisten Leute denken, man schreibe immer über sich selbst. Das mag zu einem gewissen Grad stimmen, aber nicht so, wie sich die Leute das vorstellen. Die Leute wollen ja auch gerne die Schriftsteller in persona treffen, weil sie dann glauben, sie würden jemanden treffen, der aus dem Kunstwerk kommt. Was Herrn Lehrmann betrifft: Ich habe noch nie in meinem Leben in der Kneipe gearbeitet. Es ist nicht meine Autobiografie.

Sondern?

Regener: Wir sind Künstler, wir können uns auch was ausdenken. Das ist ja auch die Idee von Kreativität. Einfach aufzuschreiben, was heute schon wieder war, ist Tagebuchschreiben. Das kennt man von Blogs. Aber auch dort ist es lustiger, wenn man sich was ausdenkt.

Also hat man auch in Ihren Blogs nicht den wahren Sven Regener kennen gelernt ...

Regener: Bei meinen Blogs ist die Fiktion immer dabei, das wäre sonst nur langweilig. So interessant ist mein Leben nicht, dass jemand anders lesen muss, was ich tue. Ich habe ja dieses Blogging-Buch gemacht, «Meine Jahre mit Hamburg Heiner». Diese Figur habe ich mir ausgedacht, als Gesprächspartner, um am Telefon Quatsch zu erzählen. Natürlich gibt es konkrete Bezüge zum Leben. Aber was wohin gehört, werde ich nicht verraten, warum auch?

Welche Gebiete interessieren Sie als privater Leser?

Regener: Ich bin ein grosser Freund von Romanen und historischen Sachbüchern. «Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts» von Golo Mann ist so ein Buch, das mir in jüngerer Zeit sehr gut gefallen hat. Er ist auch ein grossartiger Stilist.

Sie machen Musik, schreiben Bücher, wirken als Produzent, haben Drehbücher geschrieben, Filme gemacht. Daneben führen Sie auch noch ein privates Leben als Ehemann und Familienvater. Bringen Sie das alles gut unter einen Hut?

Regener: Ein Rockmusiker hat eigentlich viel Zeit. 2012 haben wir mit der Band gar nichts gemacht. Selbst wenn man einen Film dreht oder einen Roman schreibt, hat man immer noch genügend Zeit. Künstler und Familienleben, das geht ganz gut zusammen. Man kann selber dosieren. Natürlich muss man auch genügend Kohle haben. Dank dem Erfolg mit Herrn Lehmann und den damit verbundenen Projekten bin ich da eigentlich recht unabhängig. Ich kann mir meine Aktivitäten überlegen. Das ist natürlich eine privilegierte Situation.

Schreiben Sie wieder an einem Roman?

Regener: Ich bin gerade dabei, die Korrekturen und letzten Überarbeitungen zu machen. Das Buch erscheint im Herbst und heisst «Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt». Karl Schmidt ist derjenige, der am Ende von «Herr Lehmann» in die Klapse kommt. Der Roman wird von ihm erzählt, fünf Jahre später.

Sie sind ja extrem produktiv.

Regener: Es läuft gerade ziemlich gut. Ich habe auch ein bisschen Glück gehabt. Trotzdem: Alle vier bis fünf Jahre einen Roman zu schreiben, das ist ja auch nicht gerade das Tempo eines Johannes Mario Simmel. Der hat doch die letzten Jahre in Zug gelebt, nicht? Ich habe das jedenfalls mal gelesen und gedacht: Zug, da könnte man auch mal wieder hinfahren. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an Zug. Wir haben dort 1987 gespielt. Es war eines unserer ersten Konzerte in der Schweiz.