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MUSIK: Mit dem Leben versöhnt: Der Musiker Richard Koechli im Interview

Er ist ausgezeichneter Gitarrist und Bluesmusiker und hat mehrere Bücher geschrieben: Der Luzerner Richard Koechli erzählt über seine Leidenschaft, seine Gitarrenhelden und seinen gewonnenen Kampf mit dem Singen.
Interview Pirmin Bossart
Richard Koechli: «Als Sänger entblösst man sich viel mehr als mit der Gitarre.» (Bild: Pius Amrein (Schweizerhof Luzern, 6. März 2018))

Richard Koechli: «Als Sänger entblösst man sich viel mehr als mit der Gitarre.» (Bild: Pius Amrein (Schweizerhof Luzern, 6. März 2018))

Interview Pirmin Bossart

Die Texte in Ihrem neuen Album «Parcours» sind sehr persönlich. Neben Dankbarkeit tauchen Werte wie Bescheidenheit, Liebe, Verbundenheit auf. Sie danken in den Songs Ihren Eltern, Ihren früheren Lehrern, dem Musiker J. J. Cale, Ihrer Liebsten. Warum das alles?

Es ist mir schon bewusst, dass solche Themen nicht unbedingt sexy sind. Aber ich will das bringen, was ich verkörpern kann. Ich hätte Mühe, mich beispielsweise als zornigen Weltverbesserer ­authentisch über die Bühne zu bringen. Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch und suche das Versöhnliche, die sanfte Revolution. Die Dankbarkeit liegt mir am Herzen. Ich habe keine Mühe damit.

Manchmal wird eine religiöse ­Dimension spürbar.

Vor sechs Jahren hatte ich eine grosse Lebenskrise, ich fühlte mich völlig ausgebrannt. Damals habe ich einen neuen Zugang zum christlichen Glauben gefunden. Diese Dimension und die Liebe meiner nächsten Mitmenschen haben mir entscheidend geholfen. Das neue Album ist wie eine Versöhnung mit meinem Leben.

Was ist aus Ihrer Sicht sonst noch besonders am neuen Werk?

Es ist nach den letzten beiden Solowerken wieder ein Bandalbum, mitgeprägt von meinen langjährigen Mitmusikern und Special Guests. Und es ist ein Songalbum, auf dem der Blues nicht mehr die vorherrschende Rolle spielt. Ich bin hier eher der Rootsmusiker, der auch Einflüsse von Folk, Country und Rock integriert. In diesem Mix fühle ich mich am wohlsten. Zudem singe ich neben Englisch ebenso Französisch und Mundart, was in diesem Genre nicht alltäglich ist.

Sie hatten schon immer einen ex­zellenten Ruf als Gitarrist, auch damals, als Sie noch viel weniger im Rampenlicht standen. Hat Sie das manchmal gestresst?

Tatsächlich erzeugte dieses rein instrumentale Dasein einen gewissen Druck. Ein Instrumentalist muss aussergewöhnlich gut sein, das hat mich belastet. Technisch bin ich nicht ausserordentlich virtuos, ich habe nie explizit viel Technik geübt. Der Druck wich erst, als ich begann, Songs zu schreiben und zu singen. Damals realisierte ich, dass auch andere Songwriter an der Gitarre mit deutlich weniger Technik auskommen und berührende Musik machen. Heute sind die Herausforderungen anders: Ich muss mich auf den Song und den Text konzentrieren, da wird das Gitarrespielen automatisch reduzierter. Aber ich merke auch: Als Gitarrist habe ich ein solides Fundament. Jetzt geht es mehr darum, gute Musik machen.

Wie kamen Sie zur Gitarre?

Ich habe schon mit 7 oder 8 Jahren mit der Gitarre begonnen. Der klassische Weg mit Noten sagte mir nicht zu. Ich wollte Musik machen wie die Beatles, die Stones, Bob Dylan. Mit Frau Murer hatte ich in Meggen eine wunderbare Lehrerin, die das zuliess und in mir das Feuer entfachen konnte. Das war ein Geschenk. Zwischen 13 und 19 kam ich in eine neue Phase, ich entdeckte mein Talent für die Leichtathletik und trieb sehr viel Sport. In dieser Zeit rückte die Musik in den Hintergrund.

Wann kam die Musik zurück in Ihr Leben?

Mit 19 oder 20 hörte ich schlagartig mit der Leichtathletik auf. Ich verspürte Lust, noch anderes zu erleben, abends in den Bars herumzuhängen, das Leben auszukosten. Damals hat es richtig Klick gemacht mit der Gitarre. Aber als typischer Schweizer wollte ich nicht gleich alles aufs Spiel setzen und arbeitete noch einige Jahre bei einer Versicherung. Mit 28 Jahren kam schliesslich die Wende, ich wagte den Sprung ins kalte Wasser und setzte voll auf die Musik.

Welche Ihrer musikalischen Stationen waren speziell prägend für Sie?

Die erste grosse Erleuchtung kam Ende der 1970er-Jahre, als ich «Sultans of Swing» von Dire Straits hörte. Mark Knopfler wurde zu einem Schlüsselerlebnis. Rein nach Gehör begann ich damals, seine Songs nachzuspielen. Dieser cleane, knackige Sound und die wunderbare Melodiösität machten mich süchtig. Später kamen J. J. Cale, Eric Clapton und Ry Cooder dazu, sie prägten mich entscheidend. Cooder zum Beispiel infizierte mich mit der Slidegitarren-Leidenschaft, doch alle vier waren auch sehr gute Songwriter. Sie sind bis heute in meinem Herzen geblieben.

Und der Blues?

Den entscheidenden Kick gab mir in den Achtzigern ein weisser Bluesrock-Gitarrist, Stevie Ray Vaughan. Als Gitarrist war Stevie zwar einige Schuhnummern zu gross, aber er motivierte mich, die Bluesgeschichte zu studieren. Ich ging zurück zu den Anfängen dieser Musik, begab mich auf die Spur von Bluesikonen wie Blind Willie Johnson oder Tampa Red und lernte natürlich auch von späteren Generationen wie Muddy Waters oder Albert King. Für mich war das eine sehr intensive Zeit, und ich begann damals, Gitarren-Fachbücher zu schreiben, später auch belletristische Werke zum Thema Blues. Ich habe mich da wirklich reingegeben und den Blues während Jahren vertieft.

Was sagen Sie zum Einwand, dass ein weisser Musiker den Blues unmöglich so authentisch spielen könne wie ein Schwarzer?

Ich sehe das unverkrampft. Der Spirit des Blues ist unabhängig von der Hautfarbe. Der schwarze Blueser B. B. King sagte einmal sinngemäss, dass Blues ein Code für bestimmte Gefühlslagen sei, den man auch als Weisser knacken könne. Beim Gesang merkt man intuitiv vielleicht tatsächlich, ob jemand schwarz oder weiss ist, aber sogar hier gibt es Ausnahmen. Und auch als schwarzer Bluesgitarrist kann man seelenlos oder banal spielen. Wer wirklich den Code knacken will und bereit ist, den Preis im Leben dafür zu zahlen, der wird einen Weg finden, auch als weisser Blues­musiker glaubwürdig zu klingen. Unbestritten bleibt die afroamerikanische Herkunft dieser Musik. Wobei ich durch den Dok-Film «Rumble» dazugelernt habe, dass auch die indianische Kultur den Blues wesentlich beeinflusste.

Ein Singer-Songwriter schreibt Songs und singt. Es dauerte eine Weile bei Ihnen, bis Sie auch Ihre Stimme einsetzten.

Ich habe lange gekämpft, bis ich zu singen begann. Es ist eine Mutprobe, ich war von Zweifeln geplagt. Warum muss ich jetzt auch noch singen? Gibt es nicht schon genug fantastische Sänger? Der Blues hat mir entscheidend geholfen. Da sind ja nicht nur Blueser mit kraftvoller Soulstimme; es gibt auch solche, die schlicht und unspektakulär singen. Es ist letztlich wie bei der Gitarre: Wenn du nichts mehr beweisen willst und einfach nur deine Geschichten erzählst, kommt das grosse Glücksgefühl. Dann werden die klingenden Momente zur Musik. Ich behaupte, dass jeder Menschen einen Gesangsstil hat, der genau zu ihm passt, aber die meisten getrauen sich nicht, die eigene Stimme zu suchen. Es ist ja auch kein einfacher Weg. Als Sänger entblösst man sich viel mehr als mit der Gitarre oder mit einem anderen Instrument.

Und trotzdem wollten Sie singen – und singen heute.

Eigentlich habe ich schon mit der Gitarre «gesungen». Gerade das stufenlose Slide-Spiel ist dem Singen sehr nahe. Früher probierte ich dieses melodiöse und schlichte Feeling mit Instrumentals rüberzubringen. Aber die Leute werden – leider – viel aufmerksamer, sobald ein Text dazu kommt, eine Stimme. Als Instrumentalist bist du immer ein Sideman, und es ist schwieriger, Gigs zu bekommen. Das Singen öffnet neue Felder in der Karriere. Und es gibt eine weitere Komponente: Als Stotterer bringt mir das Singen zusätzliche Glücksgefühle.

Das müssen Sie erklären.

Als latenter Stotterer habe ich keine absolute Kontrolle über die Sprache, kein Vertrauen in ihren Fluss und Klang. Beim Singen fällt das weg, das hat für mich etwas Magisches. So kann ich als Sänger eine andere sprachliche Identität erleben. Selbst Menschen, die extrem stottern, haben meist keine Probleme, wenn sie singen. Als ich mit Peter von Siebenthal den Schweizer Filmpreis für die Musik im Film «Der Goalie bin ig» erhielt, habe ich die Dankesrede singend gehalten. Das war ein Renner. Nur wenige wussten, dass es aus der Not geboren wurde. Ich hätte vor all der Prominenz, kaum ein Wort über die Lippen gebracht.

Wie fühlen Sie sich als Sänger heute?

Ich habe Frieden geschlossen mit dem Singen. Ich merke, dass meine Stimme immer besser und glaubwürdiger wird. Eine grossartige Emotion. Mit dem Gesang fühle ich mich in der Musik, die ich machen will, erst richtig komplett.

Was finden Sie im Blues und in der Roots-Musik, das Sie in andern Genres nicht finden? Sie hätten ja auch Jazz oder Pop machen können.

Blues hat mit Verletzlichkeit und Hingabe zu tun. Es sind einfache Formen, und es ist nichts Elitäres dabei. Ich höre auch sehr gerne Jazz, eher die älteren Sachen, aber ich hätte nie ein Jazzer werden können. Da wäre ich rein technisch schnell überfordert. Ich ziehe es vor, mit wenigen Mitteln und wenigen Tönen ein relativ kleines Gärtli zu beackern und dort die Grenzen auszuloten. Ich würde auch heute die Aufnahmeprüfung zu einer professionellen Jazzschule kaum bestehen, es ist zu intellektuell für mich.

Spielen Sie nach Noten?

Ich bin ein auditiver Mensch. Ich nehme fast alles über das Gehör auf und habe ein gutes Erinnerungsvermögen. Natürlich kenne ich die Noten, aber ich möchte beim Spielen nie Noten ablesen. Der Blueser ist ein spielendes Kind, welches improvisiert. Wenn du ihm Noten vorlegst, wird es zum eingeschüchterten Erwachsenen und kommt nicht zurecht. Wohlverstanden: Ich finde theoretisches Wissen sehr nützlich. Inzwischen weiss ich auch sehr genau, was ich auf der Gitarre mache und wie ich die Töne setze. Es ist im Idealfall eine spontane Kombination aus Gefühl, Intellekt und Gehör.

Sie sind Autor verschiedener ­Gitarrenfachbücher. Haben Sie eine pädagogische Ader?

Wenn ich ein Buch schreibe, ist das wie eine kleine Doktorarbeit für mich. Ich halte meinen eigenen Such- und Lernprozess fest. Da ich weiss, wo die Hürden und Probleme liegen, bin ich auch ein guter Lehrer. Meine Lehrbücher haben relativ viel Text, ich gebe Erläuterungen und webe Historisches und Biografisches ein. Das wird von Nutzern und Rezensenten immer positiv vermerkt.

Wie lukrativ ist diese Tätigkeit?

Meine vier Fachbücher haben sich insgesamt über 50000 Mal verkauft. Das ist eine beachtliche Zahl. Ich hatte das Glück, beim renommierten AMA-Verlag unterzukommen. Aber sehr viel verdient habe ich dabei nicht, die Margen sind sehr klein. Deswegen veröffentliche ich seit 2014 beim Tredition-Verlag in Hamburg. Da muss ich zwar bis zur druckfertigen Vorlage alles selber machen, dafür bin ich unabhängig und von den Verkäufen kommt am Ende spürbar mehr in meine eigene Tasche. Das nächste Fachbuch wird übrigens ein Spielbuch für die Slide-Gitarre sein. Ich bin daran, bekannte Melodien aus Pop und Rock zusammenzustellen, um sie in einer Slide-Version spielen zu können.

Sie haben auch zwei belletristische Bücher geschrieben zum Thema Blues. Warum ist neben der Musik das Schreiben so wichtig für Sie?

Ich war schon als Kind sehr textliebend.Schreiben gab mir als Stotterer die wunderbare Möglichkeit, eine sprachliche Selbstbehauptung und Identität zu entwickeln. Ein gewisses Naturtalent oder einfach nur Kompensation? Jedenfalls habe ich ein gutes Feeling für Rhythmus und Melodie in der Schriftsprache.

Sie lektorieren Ihre Bücher selber. Wäre ein Aussenblick nicht sinnvoll?

Ich möchte meine Texte nicht in fremde Lektorenhände geben. Es wäre nachher nicht mehr mein Text. Ein Bildhauer oder Maler gibt seine Werke auch nicht an eine Zweitperson weiter, um sie vollenden zu lassen. Da nehme ich in Kauf, dass ein Buch mit einem Lektor womöglich «besser» geworden wäre.

Der jüngste Roman rückt Tampa Red (1904–1981) ins Rampenlicht, einen vergessenen König des Blues. Warum gerade Tampa Red?

Er hat nie die Anerkennung erhalten, die er verdient hätte, darum wollte ich ihm ein Happy End bereiten. Ich habe ein halbes Jahr lang intensiv recherchiert. Die grössten Teile des Romans sind quasi belegt und authentisch, anderes habe ich dazu erfunden. Leider verkauft sich das Buch bisher eher enttäuschend.

Sie leben in Egolzwil und in Frankreich. Eine besondere Kombination. Wie ist das entstanden?

Schon während meiner Zeit in Luzern pendelte ich regelmässig nach Frankreich, wo meine Partnerin Evelyne lebt. Irgendwann fand ich, dass es keinen Sinn macht, hier allein eine Dreizimmerwohnung zu bewohnen. Auch galt es, die Fixkosten zu senken. Also suchte ich eine kleine und günstige Wohngelegenheit und fand per Zufall das Studio in Egolzwil. Jetzt bin ich zehn Jahre dort und fühle mich sehr wohl. Knapp die Hälfte des Jahres lebe ich in Frankreich, in der Auvergne. In einem alten Haus, Platz ohne Ende, es ist wunderbar. Für mich war aber immer klar, dass ich meine Zelte in der Schweiz nicht abbrechen möchte. So wurde ich zum Pendler.

Haben Sie neben der Musik noch andere Leidenschaften?

Ich lese gerne, schaue Filme. Ein ausgefallenes Hobby oder sonst eine verrückte Leidenschaft habe ich nicht. Musik und Schreiben füllen mich aus, ich bin ein Arbeitsmensch und definiere mich stark darüber. Natürlich würde ich gerne mehr reisen und die Welt anschauen. Aber da fehlt mir im Moment das nötige Kleingeld. Als Selbstständigerwerbender kann ich nicht einfach so leicht zwei, drei Monate blaumachen.

Haben Sie einen Wunsch, was die nähere Zukunft betrifft?

Jetzt werde ich schon wieder unspektakulär: Da ist in erster Linie einfach nur der Wunsch, mit meiner Frau zusammen gesund und glücklich zu bleiben – und mit meiner Musik weiterhin Menschen berühren zu dürfen.

Hinweis

www.richardkoechli.ch

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