MUSIK: Musiker mit einem Hit haben noch lange keinen Erfolg

Heute reichen schon 1500 verkaufte Platten, um an die Spitze der Charts zu gelangen. Das ist zwar ein ­schöner Erfolg, aber davon leben kann man noch lange nicht.

Michael Graber
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Der Luzerner Rapper Mimiks in seinem Video zu «Gross» vom Album «VodkaZombieRambogang» von 2014. (Bild: Videostill Youtube)

Der Luzerner Rapper Mimiks in seinem Video zu «Gross» vom Album «VodkaZombieRambogang» von 2014. (Bild: Videostill Youtube)

Die offizielle Album-Hitparade war mal so etwas wie ein Wegweiser. Wer da vorne war, der war wer. Die Radios spielten seine Songs, die Kassen füllten sich und die Konzerte waren ausverkauft. Diese Funktion als Wegweiser haben sie längst verloren, wie man an einem aktuellen Beispiel gut aufzeigen kann: Der Luzerner Rapper Mimiks gelangte unlängst mit seinem Debüt «VodkaZombieRamboGang» direkt auf Platz eins der Charts. Das war in gleich mehrfacher Hinsicht eine kleine Sensation. Zum ersten Mal gelang einem männlichen Künstler aus der Schweiz ohne Castingshow-Hintergrund der Sprung auf die Eins, dazu noch mit Musik, die vermeintlich nicht wirklich charttauglich ist – der Sound von Mimiks ist harter, technischer Rap, den man seiner Mutter nicht unbedingt zum Geburtstag schenkt.

Wenig gespielt

Eigentlich hätten sich die Medien auf ihn stürzen müssen – allen voran die Radios. Doch es blieb merkwürdig stumm. Klar: In Luzern stiess er auf Resonanz, doch ausserhalb der Kantonsgrenzen wurden seine Songs kaum gespielt, wie ein Blick auf www.airplay.ch zeigt. Dort scheint auf, wann ein Song in welchem Radio gespielt wurde. Zwar sind nicht alle Radios erfasst, aber einen guten Überblick gibt es trotzdem. Erst vor kurzem wurde Mimiks ins Tagesprogramm von SRF 3 aufgenommen – und das ist immerhin der Sender, der am Sonntag jeweils die offizielle Chartshow ausstrahlt.

Timing ist entscheidend

Um zu verstehen, warum das so ist, muss man vielleicht mal ungefähr aufzeigen, was es überhaupt noch braucht, um in der Schweiz mit einem Album auf die Nummer eins zu kommen: nicht mehr sonderlich viel. Konkrete Zahlen will zwar niemand nennen, aber im Fall von Mimiks dürften rund 1500 Platten dafür gereicht haben. Es hätte Wochen gegeben, in denen er damit nicht mal in den Top 3 gewesen wäre.

Um Chancen auf einen Charterfolg zu haben, braucht es heute nämlich vor allem eines: Timing. Veröffentlicht man die CD in der gleichen Woche wie Coldplay, U2 oder Linkin Park, kann man sich die Nummer eins schon im Vorfeld ans Bein streichen – die verkaufen immer mehr, als es ein Schweizer Künstler machen wird. Release-Termine von chartrelevanten Schweizer Bands werden heute nicht mehr abhängig gemacht von fertigen Aufnahmen, sondern werden auf sogenannte «schwache Wochen» gesetzt – also Wochen ohne Veröffentlichungen von grossen internationalen Bands. Mimiks umging etwa elegant Coldplay, die zwei Wochen später eine CD herausgaben, und sein stärkster Konkurrent war in der Release-Woche Peach Weber.

Serbelnde Plattenbranche

Dass man es mit 1500 verkauften Platten an die Spitze der Album-Charts schafft, verdeutlicht zum einen, wie schlecht es der Plattenindustrie geht, aber auch, wie weit weg vom Traum der Musikerkarriere man mit einem Nummer-eins-Album immer noch ist. Wenn man jetzt – und diese Schätzung ist sehr grosszügig – mal annimmt, dass Mimiks pro verkaufter Platte 4 Franken erhält, dann hat er in seiner Nummer-eins-Woche 6000 Franken verdient. In den Folgewochen konnte er seine Position nicht halten und dürfte vielleicht insgesamt noch einmal so viele Platten verkauft haben (gerade seit dem Aufkommen von iTunes und Co. wird der Grossteil der Verkäufe in der ersten Woche getätigt).

Selbst bei dieser grosszügigen Schätzung wird Mimiks am Schluss rein aus den Plattenverkäufen käumlich viel über 10 000 Franken verdient haben. Damit kann er im besten Fall eine neue Platte bezahlen, davon leben kann er aber bei weitem nicht. Das können in der Schweiz sowieso nur Künstler von der Grösse eines Bligg oder Stress. Und auch bei diesen kann man beobachten, dass sie zunehmend versuchen, alles selber in die Hand zu nehmen. Sie managen sich selber. So können sie die Abgaben für Promotion, Albumproduktion und Vertrieb minimieren und ihren eigenen Gewinn maximieren. Die Zeiten, als ihnen die Labels mit Millionenverträgen hinterherrannten, sind auch hier vorbei – mit Musik allein verdient man in der Schweiz nicht mehr sonderlich viel.

Ins Raster passen

Dafür mit Werbung und Anlässen. Wer an Firmenfesten auftreten kann oder einen Auftritt in einem Werbespot hat, der ist ein gemachter Mann. Das gelingt aber nur Musikern, die mehrheitsfähig sind. Mimiks, der gerne und oft «Bitch» sagt, passt nicht unbedingt in das Raster von grossen Firmen. Auch auf Hochzeiten oder anderen Anlässen wird er kaum gebucht werden. Also bleiben eigentlich einzig Konzerte, bei denen der Luzerner Rapper etwas verdienen kann. Da Mimiks aber eher ein Spartenkünstler ist, halten sich auch die Möglichkeiten für Gigs in Grenzen. Nach einer gewissen Zeit wird er an allen relevanten Orten in der Schweiz gespielt haben.

Gerne hätten wir mit Angel Egli, wie Mimiks bürgerlich heisst, selber darüber gesprochen. Er war aber leider nicht erreichbar letzte Woche. Er musste arbeiten und lernen für die Schule. Der 22-Jährige macht derzeit eine Lehre als Koch – trotz Nummer-eins-Album kann er noch lange nicht nur auf die Karte Musik setzen.