MUSIK: Sie KREISCHEN immer noch

Die Backstreet Boys sind seit zwanzig Jahren unterwegs. Mittlerweile findet man aber in ganz anderen Stilen Boybands.

Michael Graber
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Teenies bei einem Konzert der US-Band Backstreet Boys in Hollywood. (Bild: Keystone)

Teenies bei einem Konzert der US-Band Backstreet Boys in Hollywood. (Bild: Keystone)

Boybands sind der musikalische Peter Pan. Auch sie wollen nicht älter werden.Die Boys verlieren oftmals ihren Reiz, wenn sie zu Men werden, und auch ihre Fans verlieren mit zunehmendem Alter das Interesse an ihnen. Ganz im Gegensatz zur Buchfigur von James Matthew Barrie werden Boybands aber älter. Sie haben dann oftmals Probleme damit. Drogen, Alkohol, unglückliche Liebschaften. In der Konsequenz lösen sich viele der Bands auf. Vom ehemaligen Ruhm bleibt nur wenig übrig.

Am konstantesten in den letzten Jahren sind die Backstreet Boys. Auch um sie war es zwar eine Zeit lang still und auch sie hatten mit der Sucht eines Mitglieds zu kämpfen, aber aufgelöst haben sie sich nie. Und so konnten sie heuer ihr zwanzigjähriges Jubiläum feiern. Gerade haben sie einen eigenen Stern am Walk of Fame in Hollywood bekommen, und momentan befinden sie sich auf Tour, von der bis jetzt keine Daten in der Schweiz bekannt sind.

Zusammengestellte Bands

Ohne Zweifel: A. J. McLean, Howie Dorough, Nick Carter, Kevin Richardson und Brian Littrell haben bis heute Erfolg, vielleicht nicht mehr ganz jenen, wie zu Spitzenzeiten, aber immer noch landen sie in der Hitparade. Aus den Buben sind Männer geworden, alle sind in festen Händen und mittlerweile schwelgen die Fans eher in Erinnerungen, als dass sie ihre Plüschtiere werfen.

Abseits von den Backstreet Boys haben aber nur wenige andere Bands überdauert. Take That gibt es noch, New Kids on The Block (die erste klassische Boyband) auch. Von den zahlreichen Mitläufern aus dieser Zeit, etwa East 17 oder Caught in the Act hört man nichts mehr. Aktuell chartet gerade eine neue Boyband: One Direction.

Auch sie sind wie praktisch alle Boybands ein geformtes Produkt: Manager oder Juroren stellen die Truppe zusammen. Gerne sucht man dabei nicht nur starke Stimmen, sondern auch unterschiedliche Charaktere, damit man möglichste viele Mädchen zum Kreischen bringt. Der «Draufgänger» findet sich in praktisch jeder Boyband. Ebenso der «Stille Denker» und der «Sportler». Zuweilen ist dummerweise die Musik ähnlich austauschbar wie die einzelnen Personen, und somit ist auch in der modernen Zeit die Halbwertszeit von Boybands eher begrenzt.

Schweizer Ableger

Eine besonders kurze Lebenszeit hatte auch der Schweizer Ableger der Boygroups. Code 5 nannte sich die Truppe, die von einem findigen Manager mitten auf der Erfolgswelle gegründet wurde. Befeuert durch den «Blick» machten sich fünf junge Männer auf, die Schweizer Teenieherzen zu erobern. Harmloser Pop traf auf schnelle Choreografien, eingekleidet in alle modischen Verbrechen der späten 90er-Jahre (leuchtende Helly-Hansen-Jacken etwa). Noch vor der Jahrtausendwende war Schluss. Der Erfolg wollte sich nicht einstellen.

Eines der damaligen Mitglieder aber ging einen Weg, der auch die Entwicklung aufzeigt, wo es immer noch Boygroups gibt. Damian Meier, Leadsänger bei Code 5, ist mittlerweile unter anderem aktiv bei I Quattro. Vier Tenöre, die sich im Rahmen der Fernsehsendung «Die grössten Schweizer Hits» gefunden hatten und mit luftiger Klassik einige Erfolge feierten.

Über Code 5 sagte er dem Solothurner Tagblatt: «Es ist ein Riesengeschäft gewesen, bei dem viele viel verdienen wollten.» Für die Boys selber sei gerade ein Lehrlingslohn herausgesprungen. Allerdings habe es ihm auch geholfen: «Ich kam danach leichter in Musical-Produktionen rein», so Meier, der auch heute noch von der Musik lebt.

Unter anderem dank I Quattro. Während man heute im Pop nur noch vereinzelt auf gecastete Gruppen stösst – dafür umso mehr auf gecastete Einzelsänger – finden sich in anderen Musikrichtungen weitere Beispiele. Gerade in der Klassik feiert Il Divo (mit dem Luzerner Urs Bühler) Erfolge. Die Gruppe, zusammengestellt aus Sängern aus vier Nationen, ist auf Mehrheitsfähigkeit getrimmt. Zwar kreischen die Mädchen nicht, aber als Schwiegermutter-Träume taugen die Herren sehr gut.

Auch in der Volksmusik kann vereinzelt eine Boyband-isierung festgestellt werden. Die Dorfrocker – sie präsentieren poppige Schlager – schicken sich an, auch in der Schweiz Erfolge zu feiern. Immerhin: Bei den Truppen aus Klassik und Volksmusik muss anerkennend festgehalten werden, dass sie im Gegensatz zu klassischen Boybands musikalisch einiges auf dem Kasten haben. Kriterien wie Aussehen und Wirkung auf das weibliche Geschlecht zählen zwar auch, aber nicht mehr alleine.

So umgehen sie auch das Peter-Pan-Dilemma: Boybands können nur dann überleben, wenn sie sich werden erlauben können, älter zu werden. Das können Boys in aller Regel nicht, gute Musiker aber schon.

Wenn der Boyband-Fan zu Ersatzdrogen greifen muss

Den Höhepunkt erreichte mein Lebens als Fan an einem Sonntagnachmittag im März 1996 in der Luzerner Allmend. DJ Bobo spielte da. Allerdings war der mir – sorry Bobo – ziemlich egal. Ich war 14 Jahre alt und wegen der Vorband hier: den Backstreet Boys. Mit einer gleichaltrigen Freundin und deren kleinen Schwester stand ich hinter der zweiten Abschrankung, etwa in der fünften Reihe (das weiss ich wirklich noch, weil ich es ja nachher jedem erzählt habe).

Die Allmendhalle war mit 6500 Besucherinnen nicht einmal ganz ausverkauft, doch es reichte für filmreife Hysterie-Szenen: Fans, die stundenlang vor dem Konzert Schlange standen, kreischende Massen, fliegende Teddys und Mädchen, die in der vordersten Reihe halb bewusstlos von Securities aus der ekstatischen Meute gezerrt wurden. Schon bevor das Licht ausging, konnte ich meine Füsse nicht mehr sehen. So sehr drängelte die Masse nach vorne. Ich kriegte kaum Luft und machte mir das erste Mal in meinem Leben Gedanken über Notausgänge. Aber ich wäre sowieso nirgends hingerannt, ich wollte die Backstreet Boys sehen.

Alle Buben werden kategorisiert

Meine weitere Erinnerung ans Konzert beschränkt sich des Weiteren darauf, dass ich mir fast den Hals ausrenkte, um einen Blick auf Nick, den Blonden, zu erhaschen. Schön wars, zu schnell vorbei, und um mein Herz definitiv geschehen.

Vom Fan-Kult um die Backstreet Boys zehrten damals auch einige andere. Eigentlich jeder andere, der ein bisschen aussah wie die Jungs aus Amerika. Sämtliche männlichen Wesen zwischen 15 und 25 wurden damals in Nicks (blonder Schwiegermuttertraum), Kevins (männlich, reif und ein bisschen zu alt), Howies (der Junge von nebenan), AJs (böser Bube) und Brians (romantischer Gentleman) kategorisiert. Und jeder, der es mit ihnen aufnehmen wollte, hatte grundsätzlich einen schweren Stand. Diese Jungs waren das Mass aller Dinge, die Prototypen für potenzielle Boyfriends.

Nicht wirklich gut

Mit dem Wissen um diese Schubladisierung in den Mädchenköpfen stanzten diverse Musikmanager neue Boy Groups aus dem Boden. Eine von ihnen war Code 5, die erste (und einzige) Schweizer Boyband. Während ich andere Boybands eher als Abklatsch meiner grossen Helden empfand, kam ich an der Schweizer Version tatsächlich nicht vorbei.

Das lässt sich am ehesten so erklären: Als wahrer Backstreet-Boys-Fan griff man nach jedem Schnipsel, den es über die Jungs gab. Und weil unsere angefixten Fanherzen ständig nach noch mehr gierten, probierten wir eben auch Ersatzdrogen aus. Code 5 sahen zwar nicht so gut aus wie das Original, und auch ihre Schnulzenballade «I’ll Be There For You» war nicht der beste Stoff, aber die fünf jungen Männer kamen aus der Nähe – und den Rest romantisierten wir uns schön.

Das ging so weit, dass ich und eine Freundin eineinhalb Jahre nach dem Konzert in der Allmend nach Schwyz ins Mythenforum gingen, um uns Code 5 anzuhören. Das Szenario war das Gleiche, nur in kleinem Rahmen: Die 200 kreischenden Mädchen stürmten den Eingangsbereich im Mythenforum, bis die etwas verdutzten Sicherheitsmänner zur Vernunft aufriefen.

Im Konzertsaal waren wir dann alle in den ersten drei Reihen, und jede konnte sich am Schluss noch ein Autogramm holen. Backstreet Boys für Arme, dafür zum Anfassen. Doch irgendwie machte diese Minihysterie nicht so wirklich Spass. Vielleicht liegts daran, dass ich Code 5 wenig später entsagte. Boybands liefern eben doch nur so lange Stoff für Mädchenträume, wie sie unerreichbar blieben.

Andrée Stössel