Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

MUSIK: Traumfänger der Klassik

Es ist ein Abend mit Überraschungen im KKL. Beim türkischen Pianisten Fazil Say ist man sich spezielle Interpretationen gewöhnt. Doch auch das Luzerner Sinfonieorchester verblüfft.
Roman Kühne
Sinnliches Spiel: der Pianist Fazil Say (48) und das Luzerner Sinfonieorchester im KKL. (Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 22. Februar 2018))

Sinnliches Spiel: der Pianist Fazil Say (48) und das Luzerner Sinfonieorchester im KKL. (Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 22. Februar 2018))

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Langweilig wird es mit dem Pianisten Fazil Say sicher nicht. In einem Interview hat er einmal gesagt, dass für ihn das Spielen wie ein Traum sei. Ein Traum im Sinne von Nietzsche: Man muss ihn erst einmal haben, damit man ihn verwirklichen kann. So ein Traum wird auch am Donnerstagabend im Konzertsaal des KKL musikalische Begebenheit: in Fazil Says Komposition «Space Jump».

Im Oktober 2012 springt der Österreicher Felix Baumgartner in der Stratosphäre aus seiner Druckkapsel. 38 969 Meter über der Erde beginnt er, dieser entgegenzurasen, mit Geschwindigkeiten von über 1300 Kilometern pro Stunde. Diesen Strudel, dieses Adrenalin, aber auch die Einsamkeit und die Erdenferne hat Fazil Say mit einer Komposition in eindrückliche Bilder gegossen.

Zusammen mit der Konzertmeisterin des Luzerner Sinfonieorchesters, Lisa Schatzman, an der Violine und dem ersten Cellisten Heiner Reich entwickelt sich ein fantasiereiches Spiel. Geheimnisvoll tanzt der Anfang, in offenen Akkorden wird der Orbit nachempfunden. Immer schneller wird der Fall. Jazzige Schichtungen, synkopische Rhythmen und irrende Läufe wirbeln den Springer durcheinander. Die drei Künstler musizieren präzise, gehen aufeinander ein, machen die Energie des Sprungs spürbar. Packend und transparent gestalten sie die Geschichte. Eine in­spirierende Komposition, lebendig gespielt.

Ein Mozart wie eine Geschichte

Auch in den anschliessenden Klavierkonzerten von Mozart scheint Fazil Say einem Traum zu folgen, zumindest im Teil nach der Pause. In der Nr. 12 in A-Dur blüht er richtiggehend auf, spielt einen sehr freien, eigenwilligen und persönlichen Mozart. Einem Erzähler gleich hebt er die linke Hand immer wieder in die Luft. Es ist, als wollte er die zaudernden Töne, welche die Rechte lockt, mit einem zusätzlichen Schubs in ihre Freiheit scheuchen. Er schwankt zwischen Zaudern und neckischem Suchen, wählt jazzige Phrasierungen. Mühelos spannt sich ein sinnliches Spiel zwischen dem Solisten und dem Orchester, das er vom Piano aus dirigiert. Es ist ein Mozart wie eine Geschichte. Fazil Says persönlicher Traum, mit dem er das Publikum umgarnt. Faszinierend und anregend, aber definitiv nichts für Notenpuristen.

Die vielschichtigen Welten, in denen er sich bewegt, prägen auch seine Zugaben. In der Eigenkomposition «Black Earth» verbindet Fazil Say durch ständige Manipulation am offenen Klavier den Klang eines indischen Sitars mit dem Piano. Elemente aus Klassik, Jazz und Volksmusik fügen sich zu einem Werk mit ganz eigener Energie. Als Abschluss spielt er eine Nocturne von Chopin, eingehüllt in einen ebenfalls ganz eigenen Fazil-Traum. Da mag man auch dar­über hinwegsehen, dass Mozarts 1. Klavierkonzert vor der Pause nicht diese Intensität, ja Ausdrucksdichte erreichte und doch ziemlich gewöhnlich blieb.

Das Orchester ohne Dirigent

Diesem experimentellen Musikstil steht das Luzerner Sinfonieorchester in nichts nach und wagt den Schritt aufs Kammermusikparkett. Die Konzertmeisterin Lisa Schatzman leitet vom ersten Pult aus gleich zwei Sinfonien des Gesamtensembles. Und beide Male fällt das Musikerlebnis überzeugend aus. Die «Dissonanzen-Sinfonie» von Wilhelm Friedemann Bach und die «Feuersinfonie» (Nr. 59) von Joseph Haydn sprühen vor Energie und Lebendigkeit. Klar im Klang und ausgewogen in den Registern tanzen die Musiker mit Akzent und Schwung durch die Partituren. Es ist ein sensibles Miteinander, das sich hier entwickelt, Kammermusik im besten Ur­sinne des Wortes. Transparenz und Achtsamkeit prägen den Vortrag.

Haydns «Andante» zum Beispiel ist ein aufmerksames Abtasten, klarsichtig und schwebend. Der torkelnde Einstieg weicht schnell der reissenden Unisono-Stelle, einer Dramaturgie, die das Stück auf die Ebene eines Schauspiels hebt. Ein Konzertabend im praktisch ausverkauften KKL, wie er sein muss: packend, überraschend und inspirierend.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.