MUSIK: «Vermutlich waren die Beatles schuld»

Seit 40 Jahren steht Nina Hagen auf der Bühne – schräg, schrill und mit atemberaubender Stimme. Heute wird sie 60. Und die Punk-Lady hat «noch ein paar Asse im Ärmel».

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Nina Hagen, wie man sie liebt oder auch nicht. Auch mit 60 Jahren ist sie eine schrill-­schillernde Figur. (Bild: Getty)

Nina Hagen, wie man sie liebt oder auch nicht. Auch mit 60 Jahren ist sie eine schrill-­schillernde Figur. (Bild: Getty)

Nina Hagen, Sie sind jetzt 60. Haben Sie Angst vor dem Altern?

Nina Hagen: Kann ich gar nicht haben, weil ich ja schon alt bin. Waaaaaaahnsinnig alt. Alt ist auch schön. Weil man die Gewissheit haben kann, dass man auf dem Weg nach Hause ist – dorthin, wo schon einige von meinen Liebsten ins ewige Leben abgeschwirrt sind.

Sie waren ja ein DDR-Mädel. Wie sind Sie überhaupt zum Punk gekommen?

Hagen: Wahrscheinlich waren die Beatles schuld – und die Rolling Stones. Rockmusik bedeutete für uns damals die Revolution, die Tür in die Freiheit. Und deshalb war der Wunsch, selbst Rock zu machen, schon ganz früh da.

Und Ihre schrille Verkleidung gehörte dann auch dazu?

Hagen: Na hallo, es ist ja nicht so, dass ich jedes Mal in den Farbeimer gefallen bin, wenn ich auf der Bühne stehe! Aber ich erinnere mich, dass ich als Teenager mal in den Spiegel meiner Mutter geschaut habe und dachte: O Gott, das geht ja gar nicht, ich bin ja ne richtig harsche Schönheit! Und dann hab ich angefangen, mit dem Schminken rumzuexperimentieren.

Sie haben ja reichlich Etiketten aufgeklebt bekommen. Wie würden Sie sich selbst bezeichnen?

Hagen: Als Mensch. Ich bin die Tochter von meiner Mama und von meinem Papa. Und auch die Tochter vom Schöpfer.

Stichwort Schöpfer. Sie haben sich lange mit dem Hinduismus beschäftigt, mit 54 haben Sie sich christlich taufen lassen ...

Hagen: Der Glaube hat mich durch mein ganzes Leben begleitet. Ich bin in meinem 17. Lebensjahr auf einem LSD-Trip plötzlich durchs Universum geschleudert worden, in einen Höllenbereich. Und da habe ich mich erinnert, dass man Gott um Hilfe rufen kann. Dadurch bin ich raus aus meinem Körper und rein in eine Dimension, wo ich dem Schönsten, dem Liebsten, dem Jesus Christus von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Das war meine Taufe im Feuer, im Geiste.

Ist der Glaube auch der Grund für Ihr soziales Engagement?

Hagen: Ja, aber auch meine persönliche Lebensgeschichte. Mein Grossvater hat in der Zeit der Judenverfolgung ab 1933 noch alle Verwandten und Kinder ins neutrale Ausland gebracht. Zurück in Deutschland haben Freunde versucht, ihn in der Psychiatrie zu verstecken; 1942 griffen in den Heimen die Euthanasieprogramme der Nazis, und er wurde im KZ Sachsenhausen ermordet. Mein Papa, ein wunderbarer Schriftsteller, wurde in der DDR als Widerstandskämpfer im Zuchthaus so gefoltert, dass er an Körper und Seele zerbrach. Deshalb finde ich schon, wir sollten uns dafür einsetzen, dass der Raubtierkapitalismus nicht überall das Sagen hat.

Woran arbeiten Sie aktuell?

Hagen: Wir stecken mittendrin in der Arbeit zu einem neuen Album. Das ist ein sehr schönes musikalisches Projekt mit Daniel Welbat, der auch den Soundtrack zu dem Film «Der 7te Zwerg» geschrieben hat.

Sie wollten ursprünglich mal Schauspielerin werden ...

Hagen: Bin ich doch immer gewesen! Dieses Jahr mache ich einen Film, in dem ich mit meinen Kindern spiele. «Googleprixtown» ist der Arbeitstitel. Dann kommt eine zweite Kinorolle dieses Jahr, auch Richtung Märchen, Kinder, Musik. Es gibt halt Regisseure, die Frauen in fortgeschrittenem Alter sehr schön finden, hihi.

Sie hatten dagegen oft eine Vorliebe für jüngere Männer ...

Hagen: Na, Moment mal, das ist ja Altersrassismus, was Sie da betreiben! Ich war doch damals auch jung, als ich junge Männer geliebt habe. Aber jetzt bin ich 60, und seit mehr als zehn Jahren fasse ich keinen Mann mehr an. Jetzt habt ihr alle keinen Grund mehr, euch das Maul über meine Beziehungen zu zerreissen.

Interview Nana Weigelt, dpa