Musik zaubert sogar Stille ins Gedränge an der Bar

Zwischen Festivalanspruch und Werkschau der Musikhochschule Luzern: Der «Szenenwechsel» zeigte mit Volksmusik in der Jazzkantine und an der Orgel der Jesuitenkirche seine beiden Gesichter

Urs Mattenberger
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An einem Musikfestival, das wie der «Szenenwechsel» der Musikhochschule Luzern die «Stille» zum Thema macht, ist John Cages «4’33”» ein Pflichtstück. Denn darin wird kein einziger Ton gespielt. Cage lenkt unsere Wahrnehmung auf all jene Klänge und Geräusche, die die Stille grundieren und ausfüllen – und definierte damit Musik neu.

Auf dem Programm stand Cages «4’33”» am Dienstag in der Orgelvesper in der Jesuitenkirche. Hier spielten drei Organisten aus der Klasse von Johannes Strobl ein Programm, das das Festivalthema raffiniert umsetzte. Werke, die Stille suchen, standen kraftvoll-tänzerischen Kontrapunkten gegenüber, sagte Dozent Strobl in seiner Begrüssung: «Das riesige Volumen der Jesuitenkirche wird diesen Kontrast von Stille und Fülle noch verstärken.»

Das Programm selbst löste sich zwar verhalten aus der Stille heraus – mit den kurz angetippten und verlöschenden Klängen von Eva-Maria Houbens «still werden» oder den etwas brav anspringenden «ostinato»-Rhythmen von Petr Eben. Aber ein erster, auch programmatischer Höhepunkt war das von Robin Ochsner gespielte «Silence pour orgue» von Trond Erikson: Langsame, verhangene Klänge verschoben sich in Millimeterrückungen wie in einer unendlich stillen Unterwasserwelt.

Gigantisches Raunen in der Jesuitenkirche

Bot die Kirchenakustik hier den idealen Rahmen für nordische Mystik, zeigte sie ihre Qualitäten anders in Maryna Pinchikovas starker Eigenkomposition «Meine Seele ist stille zu Gott». Die Organistin liess in Anlehnung an Messiaen aus Glitzerklängen eine Vogelflöte aufsteigen, die der Kirchenhall wie eine dreidimensionale Skulptur körperhaft im Raum schweben liess – ein magischer Moment.

Die schillernde Farbigkeit des Stücks und die tänzelnde Toccata von Anton Heiller (Orgel: Mi Sun) schufen die Fallhöhe zum Sturz in die Stille von Cages «4’33”», das alle drei Organisten abwechselnd an der kleinen Orgel vor den Augen des Publikums etwas gar diskret «performten». Jetzt hörte man nicht nur da und dort ein Räuspern und Scharren mit den Füssen, sondern den Klang des Raums, der selbst nicht wahrnehmbare Geräusche zum gigantischen Raunen vergrössert.

Es war der grösstmögliche und doch beziehungsreiche Kontrast zum Volksmusik-Konzert am Montag in der Jazzkantine, obwohl dieses einen Bezug zum Festivalthema vermissen liess. Stand die Orgelvesper für den Festivalanspruch des «Szenenwechsels», unterstrich das Konzert der «Alpinis» dessen Charakter als Werkschau der Musikhochschule. In der Jazzkantine drängte sich das Publikum ohnehin stehend bis an die Bar und war für Stille kein Platz.

Bis zum Hitzegrad einer Stubete

Frappant war, wie diese zu Beginn durch die Musik selber hergestellt wurde: Ein Jodelquartett (drei Studentinnen mit der Dozentin Nadia Räss) zauberte eine naturhafte Ruhe in den Raum, wie man sie selbst durch ein Stück wie John Cages «4’33”» nicht gewinnen kann.

Danach aber wurde sie geschäftig weggespielt, obwohl ein Workshop mit Markus Flückiger Melodien versprach, die «aus der Stille entstanden sind». Das abwechselnd besetzte Ensemble mit zwei Schwyzerörgeli, Geigenglanz und Bratschenmelancholie, Klavier und Bass spielte sich mit viel Spiellust und Engagement durch Mischformen alter und nicht mehr ganz neuer, weltoffener Schweizer Volksmusik. Bestimmender als Experimente blieben Emotionen – hinreissend ein Ensemble-Stück mit Gesang von Dayana Pfammatter – und Musizierlust. Als sich der Geiger Augustin Martz zu einer Zugabe drängen liess und ein unbändiges Solo fiedelte, war gar der Hitzegrad einer Stubete erreicht.

Festival «Szenenwechsel»: Noch bis 1. Februar, www.hslu.ch/de-ch/musik