Volksmusik
«Alle erwarteten einen versoffenen Austropopper»

Der Österreicher Andreas Gabalier (28) verbindet Rock’n’Roll und Volksmusik – und lockt damit auch ein jüngeres Publikum an. Im Interview mit der «Nordwestschweiz» spricht er über seine Erfolge und Schicksalsschläge.

Reinhold Hönle
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Wird als Retter der Volksmusik gefeiert: Der Österreicher Andreas Gabalier.

Wird als Retter der Volksmusik gefeiert: Der Österreicher Andreas Gabalier.

zvg

Sie werden als Retter der Volksmusik gefeiert. Wie gefällt Ihnen diese Heldenrolle?

Andreas Gabalier: Ich sehe mich nicht als Retter der Volksmusik, da ich keine Volksmusik im landläufigen Sinne mache. Ich sehe mich als Gründer des Volks-Rock-’n’-Roll. Der ist kernig, poppig produziert und sicher auch härter.

Wie ist diese Mischung entstanden?

Sie hat sich über die Zeit so entwickelt. Es hat nie ein «Marketingkonzept Volks-Rock-’n’-Roll» gegeben. Begonnen hat alles 2008 mit meinem Gedicht «So liab hob i di», das ich vertont und zum Radio getragen habe. Es wurde in der Steiermark ein halbes Jahr auf und ab gespielt.

Andreas Gabalier

Der 28-jährige Österreicher zeichnet sich durch seine Mischung aus Rock 'n' Roll und Volksmusik sowie seine mitreissende Bühnenshow aus. Er hat seit 2009 schon eine Million Alben verkauft. Vor seiner Musikkarriere musste der Jura-Student zuerst den ungeklärten Suizid seines Vaters und zwei Jahre später den Tod seiner Schwester verkraften, die sich ebenfalls selbst verbrannte. Seinem grössten Hit «I sing a Liad für di» liess Gabalier in diesem Frühling «Zuckerpuppen» folgen. Für das Konzert vom 15. November im Zürcher Hallenstadion sind die Sitzplätze bereits ausverkauft. (HÖ)

Wie kam es zu Ihrem Auftritt im «Musikantenstadl»?

Zuerst wurde ich eingeladen, mein Lied beim Steirischen Bauernbundball zu singen. Alle erwarteten einen 50-jährigen, versoffenen Austropopper und waren überrascht, als ich mich als nur halb so alter Student der Rechtswissenschaften entpuppte. Darauf kamen schon die «Stadl»-Anfrage und der Plattenvertrag.

Welche Rolle hat die Musik in Ihrer Jugend gespielt?

Als Kind habe ich Klavier gespielt. Mit 13 Jahren legte ich mir eine Western- und eine Stromgitarre zu und habe nach der klassischen Ausbildung Rock ’n’ Roll und Austropop nachgespielt. Nach dem Tod meines Vaters vor fünf Jahren kaufte ich mir eine steirische Harmonika und habe mir innert dreier Monate selbst beigebracht, was bis heute für meine Bedürfnisse ausreicht.

Wie sind die Reaktionen auf Ihre traditionelle Bühnenkleidung?

Es ist unglaublich! Die Leute kommen fast nur noch in Dirndlkleidern und Lederhosen zu meinen Konzerten. In Jeans bis du schon ein Aussenseiter. Sogar Fans, die sonst keine Tracht tragen, bestellen sie sich im Internet. Mein Publikum wird auch immer jünger, mehr wie bei Robbie Williams als bei den Kastelruther Spatzen!

Wie erleben Sie es, dass Sie umschwärmt werden?

Man freut sich, fühlt sich geschmeichelt. Ich bin ja selbst noch relativ jung. Wenn da «fesche Madln» stehen, einen anhimmeln und mitsingen, geniesst man das natürlich. Es gibt Schlimmeres! Aber es freut mich auch, wenn sich ein Seniorenheim, tätowierte Motorradfahrer oder Kinder im Publikum befinden.

Ihr Vater und Ihre Schwester haben den Freitod gewählt. Können Sie aufgrund dieser Erfahrung mit den extremen emotionalen Hochs und Tiefs in Ihrem neuen Leben als Musikstar besser umgehen?

Zum Teil, vielleicht. Das waren harte Schläge, nach denen man sich nicht mehr über jeden Blödsinn aufregt. Ich habe einen dicken Panzer und kann gut mit Kritik umgehen. Den einen gefällt meine Musik, andern nicht. Schön daran ist, dass sich selbst Intellektuelle mir ihr auseinandersetzen müssen, weil sie so omnipräsent ist.

Reisst es nicht Wunden auf, wenn Sie bei Konzerten Lieder wie «Amoi seg’ ma uns wieder» singen, in denen Sie Ihren Schmerz verarbeitet haben?

Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Die vielen Reaktionen von Fans unterschiedlichen Alters auf meine Songs haben mir sehr viel Kraft gegeben. Ich bin auch fasziniert, dass bei solchen Balladen 10 000 Leute mucksmäuschenstill werden und wirklich zuhören können.

Im November spielen Sie im Zürcher Hallenstadion und damit zum ersten Mal in der Schweiz. Wie gut kennen Sie sich bei uns schon aus?

Noch viel zu wenig. Ich war schon für Interviews sowie die eine oder andere Fernsehsendung hier, aber dabei bekommt man nicht so richtig was mit. Die eine oder andere Ecke kenn ich vom Motorradfahren her, einer grossen Leidenschaft von mir. Ich habe eine BMW 1200 und fahre mit ihr Pässe, was das Zeug hält.

Welcher gefällt Ihnen besonders?

Von Graz aus bin ich meistens im näheren Südtirol unterwegs. Wenn ich etwas mehr Zeit habe, fahre ich weiter über den Ofenpass nach Davos. Einfach traumhaft! Dort kommen bei mir Heile-Welt-Gefühle auf. Ich fühle mich in meine Kindheit zurückversetzt.