Bei dieser sensationellen Jazzband fallen Zuhörer in Trance

Das österreichisch-deutsche Jazz-Oktett Shake Stew ist eine Sensation und gastiert nächste Woche im Zürcher Konzertlokal Moods. Seine Musik löst im Publikum sogar animalische Urschreie aus.

Stefan Franzen
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Bild: www.shakestew.com

Lukas Kranzelbinders Euphorie über die Entwicklung seiner Band sprudelt geradezu aus ihm heraus: «Was bei uns in so kurzer Zeit passiert ist, lässt sich kaum vergleichen mit einer anderen Band in letzter Zeit», sagt der Bassist des österreichisch-­deutschen Jazzoktetts Shake Stew. «Und das meine ich jetzt nicht selbstlobend, sondern einfach begeistert darüber, wie das alles explodiert ist.»

Dabei ist Lob angebracht: Bei seiner Band öffnet sich mit hochsolistischem Bläsersatz sowie doppelt besetztem Schlagzeug und Bass eine neue Jazz­dimension. Eine, die arabische Farben und afrikanisches Flair einbezieht, die Filigranes mit Funk und Free verknüpft. Regelmässig rastet das Publikum bei Shake-Stew-Shows aus, bekundet seine Sympathie mit «Schreien von ganz innen», wie Kranzelbinder am Telefon mit dieser Zeitung erzählt, mit ­Komplimenten wie «eure Musik kann die Toten erwecken».

Was ist das Geheimnis dieses Haufens exzellenter Musiker von der Steiermark bis Hamburg?

Zunächst ist es die harte ­Arbeit am Arrangement. Nachdem Kranzelbinder die Stücke ­geschrieben hat, arbeiten die Bandmitglieder von der vierköpfigen Rhythm Section ausgehend detailliert an den Grooves und Patterns. «Ich gebe zunächst ganz klar alles vor, und ich bin auch der Leader, aber was dann passiert, ist das Ergebnis eines Kollektivs», sagt der 31-jährige Klagenfurter.

Das Ergebnis ist nicht nur auf der Bühne zu belauschen, sondern auch auf dem Magnum Opus der Band, «Gris Gris», ihrem dritten Werk, das während eines intensiven zweitägigen Studio-­Flows in eine Doppel-CD ausgeufert ist. «Klar, ich mag schon die frühe Phase von Dr.John und sein Debütalbum ‹Gris Gris›», preist Kranzelbinder die im letzten Sommer verstorbene New-Orleans-Ikone. «Aber wir beziehen uns auch auf den Begriff, der viel älter ist: Er bezeichnet in etlichen Kulturen ja ein Objekt, einen Fetisch, der Energie verleiht, ganz wie in unserer Musik.»

Inspiration in Rhythmen marokkanischer Musik

In den mitunter 15 Minuten dauernden neuen Stücken offenbaren sich tatsächlich spiralförmige Steigerungen, die zuweilen in Ekstase münden können. Da entlädt sich in «I can feel the heat closing in» eine hitzige Jagd zwischen Swing und Free zu epischen Bläser-Soli. New Orleans und zugleich der Miles der Cool-Ära lugen in «No more silence» durch die Blechtextur.

Mit geheimnisvollem Mäandern und anschliessender Sax-­Ekstase wird in «You let go you fly» den Rhythmen der marokkanischen Gnawa-Bruderschaften gehuldigt. «Für mich ist die Musik der Gnawa wahnsinnig magisch», sagt Kranzelbinder. «Seit ich begonnen habe, die archaische Gnawa-Laute Gimbiri zu spielen, hat das auch meinen Zugang zum Bass verändert. Und ich kann mich sehr gut mit dem Tranceaspekt identifizieren: Da werden ja die Geister angerufen, und ich bin der Überzeugung, dass Musik dazu da ist, die Menschen zu erhöhen.»

In andere Sphären geraten die Hörer auch mit «Grilling Crickets», das Kranzelbinder bei grosser Hitze als Spannungsbogen zwischen Sahel-Blues und der Saitensprache eines Bill ­Frisell komponierte und das schliesslich in Disco-Flair mündet. Jede Menge Zündstoff für die Bühne.

Shake Stew am 16.1.2020 im Moods Zürich. CD: «Gris Gris».

Die Hörprobe im Video: