Pop

Corona-Konzert auf Youtube: Diese Basler Rentner sind nicht zu alt, um Musik-Pioniere zu sein

Diese Musiker sind Pensionäre und doch Pioniere. Jetzt geben sie das erste Geisterkonzert der Region Basel – virenfrei via Youtube.

Stefan Strittmatter
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I'll Remember You 2020 - pic3 Filmausschnitt aus "I'll Remember You"
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"I'll Remember You"
I'll Remember You 2020 - LosVeteranos2 Filmausschnitt aus "I'll Remember You"
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I'll Remember You 2020 - pic3 Filmausschnitt aus "I'll Remember You"

bz Basel

Es ist ein «work in progress» und ein Wettlauf gegen die Zeit. Seit drei Jahren begleiten Fabian Chiquet und Victor Moser Musikerinnen und Musiker, die dabei waren, als die Schweizer Pop- und Rockszene flügge wurde. Zahlreiche Gespräche haben die beiden Basler Musiker und Filmer aufgezeichnet, sie waren bei Auftritten und in Probekellern dabei und manchmal auch beim Besuch auf dem Friedhof. Denn zwei der Porträtierten sind zwischen Dreh und Rohschnitt des Dokfilms verstorben.

Umso wichtiger ist das Projekt, das Chiquet und Moser nach der Elvis-Schnulze «I’ll Remember You» benannt haben. Alleine die Aufnahmen des Ende 2018 verstorbenen Hanspeter «Bölle» Börlin sind pures Film-Gold. So berichtet der quirlige Schlagzeuger der Countdowns davon, wie er sich mit Jimi Hendrix einen Joint geteilt und danach Flugzeuge gesehen haben will. Und er freut sich auch Jahrzehnte später noch diebisch, dass er und seine langhaarigen Bandkumpels in den Sixties stets einen Sitzplatz auf sicher hatten im Tram – «die Leute hatten Angst, wir hätten Flöhe».

Die Filmemacher bleiben bewusst im Hintergrund

Bei anderen Zeitzeugen (alle zwischen 75 und 95 Jahre alt) zeigt sich wiederum mehr Distanz zur eigenen Jugend. Werner Kestenholz, der als umtriebiger Manager massgeblich am Erfolg der Countdowns beteiligt war, gibt zu, dass er heute nicht die Hälfte von dem machen würde, was er damals getan hat: «Ich hätte Angst vor mir selber.»

Es sind Momente wie diese, in denen sich die Basler Pop-Pioniere selber begegnen, die den Film so stark machen. Chiquet und Moser ist es hoch anzurechnen, dass sie sich selber so weit im Hintergrund halten. Sie geben den Zeitzeugen viel Raum und lassen einen Satz auch mal unkommentiert im Raum verklingen.

Aus den Stunden von Material ist nun eine einstündige zweite Filmfassung entstanden, die im Gegensatz zur Ende 2018 im Atlantis gezeigten ersten Fassung neben den lustigen und rückblickenden Momenten auch die Themen Abschied und Tod beinhaltet. So begleiten wir einen langjährigen Mitmusiker ans Grab von «Bölle» oder hören Jazzer und Sound-Tüftler Bruno Spoerri den klugen Satz sagen: «Man muss den Mut haben, rechtzeitig aufzuhören.»

Ans Aufhören wird hier nicht gedacht

Doch ans Aufhören denkt keiner der Musiker, auch wenn der eine oder andere körperliche Probleme hat, sein Instrument in der gewohnten Form zu spielen. Neben den Dreharbeiten haben Chiquet und Moser ein paar Studiotage gebucht und mit den Musikern die Songs «S’Bescht chunnt z’letscht» und «Altersanarchie» eingespielt. Als nächstes wollen sich die beiden Filmer in Bern und Zürich umschauen und damit dem Verlauf des Pop folgen, wie er seinerzeit die Schweiz eroberte.

Als Abschluss der Basler Dreharbeiten waren zwei Abende im Humbug geplant – mit Filmsequenzen und Live-Auftritten der Porträtierten. Nun durchkreuzen die Corona-Präventivmassnahmen diese Pläne. Doch die Musiker lassen sich nicht so einfach von ihrem Auftritt abbringen, weswegen am Freitag nun das erste Geisterkonzert der Region über die Bühne gehen wird. Ohne Publikum, dafür mit Kameras.

Am Samstagabend werden die Aufnahmen auf Youtube gestellt. Victor Moser freut sich, dass die Musiker so erneut zu Pionieren werden. Und er betont, dass die Absage nicht auf deren Wunsch erfolgt sei. Sie gehörten zwar zur Hochrisiko-Gruppe, doch hätten sie das Konzert gerne wie geplant durchgeführt: «Offenbar steckt in diesen alten Knochen eben immer noch der Rock’n’Roll!»

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«I’ll Remember You»: Ab Sa, 14. 3, 20.08 Uhr auf Youtube (Suchbegriff «I’ll Remember You» + «Humbug»)