Basel

Das Sinfonieorchester lässt sich über Mittag auf die Finger schauen

Das Sinfonieorchester Basel lädt bis zum 31. Mai mittags zur öffentlichen Probe ein. Spontane Besucherinnen und Besucher erhalten einen Einblick in die Vorbereitungen zu «Missa Solemnis».

Jenny Berg
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Die offenen Orchesterproben sind bis anhin ein Erfolg. Ob das Angebot künftig weitergeführt wird, ist allerdings noch unklar. (Archiv)

Die offenen Orchesterproben sind bis anhin ein Erfolg. Ob das Angebot künftig weitergeführt wird, ist allerdings noch unklar. (Archiv)

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«Takt 107, bitte: Dona nobis pacem», sagt Hans-Christoph Rademann. Er gibt mit dem Taktstock den Einsatz, sanft beginnt die Musik, der Chor hebt an – und schon ist er weg, der Alltag. Draussen vor der Tür des Stadtcasinos darf er warten, bis wir wieder auftauchen aus unserer kleinen Musikreise.

Wir, das sind etwa zweihundert Neugierige, vornehmlich ältere Damen und Herren, die die öffentliche Orchesterprobe des Sinfonieorchesters Basel besuchen. Über Mittag wird hier ein kleiner Einblick in das Programm des nächsten Konzerts offeriert, bei freiem Eintritt. Eine halbe Stunde Musik, in der manchmal die Probe einfach weiterläuft, in der sich der Dirigent auch mal mit einer kleinen Einführung ans Publikum wendet, oder in der es einen Probedurchlauf eines Werks zu erleben gibt.

Es ist die zweite Saison, in der das Sinfonieorchester Basel die offene Orchesterprobe «Punkt 12» anbietet – mit wachsendem Erfolg. Dieses Angebot werde deutlich besser angenommen als die früheren Lunch-Konzerte, erklärt Simone Staehelin vom Sinfonieorchester Basel. Dort gab es neben dem Essen auch ein extra programmiertes Konzert – das aber auch entsprechend Eintritt kostete. Die offene Probe kann dafür ganz spontan besucht werden. Und manchmal pilgern die Besucher anschliessend zum Ticketschalter – die Kostprobe hat sie gluschtig auf das ganze Konzert gemacht.

Diesmal steht die «Missa Solemnis» von Ludwig van Beethoven auf dem Programm, die das Sinfonieorchester Basel gemeinsam mit der Gächinger Kantorei in Basel und Stuttgart aufführt. Dirigent ist der gebürtige Dresdner Hans-Christoph Rademann. Er ist sehr angetan vom Sinfonieorchester Basel: «Die Musiker sind gut drauf: Sie sind im nötigen Mass selbstbewusst, ohne es vor sich herzutragen», erklärt er.

Neue Naturtrompeten

Rademann ist Fachmann für historisch informierte Aufführungspraxis und möchte dies auch bei den grossen Sinfonieorchestern einbringen. Hier bringen die Basler schon viel mit, sagt er: «Sie spielen Beethoven sehr schlank, sehr strukturiert, mit wenig Vibrato – und orientieren sich stark am Wort.» Das passe gerade zur «Missa Solemnis» gut, in der Beethoven jedes Wort mit starken musikalischen Bildern vertont hat: «Man hört zur Kreuzigung die Nägel ins Kreuz einschlagen, den riesengrossen Schmerz in langen Tönen, Jesu Himmelfahrt mit aufsteigenden Dreiklängen», sagt Rademann.

In der Besetzung setzt Rademann auf die Instrumente der Beethoven-Zeit – zumindest bei den Blechbläsern. Den Wechsel von der modernen Ventiltrompete zum alten Instrument innerhalb des Konzerts stört den Trompeter Immanuel Richter aber nicht. Er nimmt es sportlich, dass er mit der modernen Trompete das Konzert eröffnet: mit Guillaume Connessons «Flammenschiff» von 2012, das Beethovens Ringen mit der Komposition der «Missa Solemnis» in Töne gefasst hat. Doch innerhalb der «Missa Solemnis» muss er je nach Tonart seine Trompete mit anderen Bögen zusammenbauen.

Die vorerst letzte öffentliche Mittagsprobe wird am 31. Mai stattfinden – denn in der kommenden Saison zügelt das Orchester zwischen verschiedenen Standorten hin und her. Ob die öffentlichen Proben auch dann noch angeboten werden können, möchte das Management erst später entscheiden. Immanuel Richter würde es sehr begrüssen: «Ich finde es toll, wenn Türen und Tore offen stehen. Wir sollten uns nicht verschliessen.»

Missa Solemnis Sinfonieorchester Basel, Gächinger Kantorei, Hans-Christoph Rademann. Musiksaal, Stadtcasino Basel. Mi, 20. April, und Do, 21. April, 19.30 Uhr.