Boswiler Sommer
Der Liebeshungrige lebt am Abgrund

Der Charakter des Boswiler Sommers zeigt sich bei dessen Eröffnung am Samstag im schönsten Mondlicht. Der Brugger Geiger Sebastian Bohren triumphiert.

Christian Berzins
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Start mit Pauken, Geiger und einer Orgel: Die Boswiler Festivalfamilie bläst zum Hochzeitsmarsch.

Start mit Pauken, Geiger und einer Orgel: Die Boswiler Festivalfamilie bläst zum Hochzeitsmarsch.

Andre Albrecht

Haben die Lenzburgiade-Macher doch recht, wenn sie behaupten, dass ihr Festival und der Boswiler Sommer sich nicht konkurrieren, da man ein unterschiedliches Publikum anziehe? Wir dachten bisher immer, dass ein Musikfreund den Stargeiger Daniel Hope und die Geigenhoffnung Sebastian Bohren lieben kann, und so sollte es doch möglich sein, so unterschiedliche Künstlergesinnungen beziehungsweise Festivalrepräsentanten gleichzeitig zu mögen.

Wer innerhalb von vier Tagen beide Orte besuchte, erkannte, dass von dieser trotzig-romantischen Burg hinunter in den zehn Kilometer entfernten idyllisch-schlichten Hain der Alten Kirche Welten liegen. Schön für die Aargauer, wenn sie eine solche Vielfalt an Ausdrucksformen und Darbietungsweisen von klassischer Musik da wie dort geboten kriegen.

Offene Seelen

Die Boswiler Geste zeigte sich bei der Festivaleröffnung am Samstag deutlich: «Kommt her, erlebt etwas mit uns! Ob alles gelingt, wissen wir nicht. Aber verstehen Sie: Wir spielen Geige, wir singen, wir musizieren; Wir öffnen unsere feinen Seelen – seziert sie, wenn Ihr wollt. Oder öffnet die euren auch.»

Keiner am Samstagabend bei der Festivaleröffnung tat das so rücksichtslos wie der junge Schweizer Sebastian Bohren, der Ludwig van Beethovens Violinkonzert spielte, diesen Mount Everest der Geigenliteratur. Spielen?

Bohren rang mit ihm, liebkoste es, diskutierte, haderte und wurde eins mit ihm – betete es aber in jedem Ton zutiefst liebeshungrig und liebesdurstig an. Es gibt wenige Musiker, die es wagen, eine so tiefe Verbundenheit zu einem Werk vor anderen Leuten zu zeigen. Doch wenn ein Künstler nicht nur das tut, sondern sein Liebesbekenntnis dem Publikum auch noch vermitteln kann, da die Interpretation nicht auf egoistischem Exhibitionismus, sondern Individualität beruht, erlebte der Hörer grösste Glücksmomente.

Bohrens schwärmender Ton beruht auf einer ruhigen Stabilität: Dieser Geiger zeigt eine ungeheure Weitsicht, muss nicht im Kleinen Effekte erarbeiten und aneinanderreihen: Er legiert mit müheloser Bogenkunst alle drei Sätze zu einer grossen Aussage, erschrickt geradezu, wenn nach dem ersten Satz einige Leute zu klatschen beginnen, da die erste Begeisterung eine Entladung braucht. Wenn hingegen auf dem langen Weg mal ein Tritt daneben geht, bringt ihn das in keiner Weise aus der Ruhe, er weiss: Solange der Atem stimmt, werde ich glücklich ankommen.

Hinreissend, Bohrens Hang zur elegischen Sanftheit, die nie auch nur einen Ton ins Zuckrige versäuselt. Das Vibrato dient ihm nie zum Angeben, damit werden vielmehr immer neue Farben entworfen, Feinheiten intensiviert. Beethovens Violinkonzert lässt den Abglanz seines Lächelns auf dem Gesicht dieses Geigers zurück.

Doch eine solche Interpretation kann nur in den Himmel wachsen, wenn hinter dem Geiger 40 Freunde sitzen, die ebenso bedingungslos dem Grat folgen, ohne Fangnetz spielen, sich nicht vor dem Abgrund fürchten. Die Chaarts können das. Angeführt vom grandiosen Geiger Robin Müller spielen sie ein handfestes Konzert, das mit unbändiger Kraft überwältigt. Doch dieses Orchester der Draufgänger kann auch träumen, wie der langsame Satz zeigte. Schwer wurde diese Musik nie, schwermütig bloss in der Idee.

Solisten im Orchester

Ob des Violinkonzertes geht fast vergessen, wie spielfreudig ausgelassen etwa Gershwins «Rhapsody in Blue» von Klarinettist Fabio di Càsola interpretiert wurde (Boswil-gemäss spielte er bei Beethoven auch mit). Famos wie er mit der Klarinette so munter drauflosreden kann. Und hier – endlich! – durfte auch Violinist Felix Froschhammer als Kopf der sekundierenden Streichquintett-Formation auftrumpfen, sein Geigerglück geniessen. Er riss seine Mitstreiter so kühn mit, dass die ungestüme Pianistin Ariane Haering für einmal fast in die Begleiter-Rolle gedrängt worden wäre.

Hier spuckte man lustvoll grosse Töne. Sanft und bestimmt hingegen waren die Worte des Festivalleiters Andreas Fleck zu Beginn, als er die «Hoch-Zeits-Gemeinde» nach einem furiosen mit Hochzeitsmarsch begrüsste und auf die Überraschungen hinwies, die Boswil-Besucher in den nächsten Tagen unter dem Motto «Hoch-Zeit» erleben werden.

Eine gabs schon am Schluss des Beethoven-Konzertes. Da klatschte das Publikum begeistert, Sebastian Bohren bat um Ruhe ... um spitzbübisch anzukünden, er hätte keine Zugabe vorbereitet, würde aber in den nächsten Tagen noch ein paar Mal spielen, ja, am Sonntag, 5. Juli, nach dem Robert-Schumann-Konzert eine Zugabe geben. Wollte Bohren vielleicht nicht einfach sagen, dass nach Beethoven eine Zugabe nur unnötiger Zucker für die Affen wäre?

Wer das Festival-Programm anschaut, wird jeden Tag Konzerte finden, die es anderswo so nicht gibt und in dieser Konstellation nie mehr geben wird. Das ist der Grund, warum es Festivals braucht. Am Samstag schon hörte man Felix Mendelssohns «Ouvertüre» zum Sommernachtstraum mit zehn Instrumenten: Jeder Streicher einzeln besetzt. Heikel, ja gefährlich – und superspannend. Diese Singularität macht den Boswiler Sommer zu einem grossen Festival. Konkurrenz braucht man nicht zu fürchten, denn der intime Charakter und offene Geist dieses Festivals sind ureigen.

Boswiler Sommer: bis 5. Juli. Siehe auch: www.kuenstlerhausboswil.ch

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