Opernhaus Zürich
Hakenkreuz-Russe singt nicht in Zürich

Evgeny Nikitin sang wegen eines Hakenkreuz-Tattoos nicht in Bayreuth. Nun hat auch seinen Zürcher Auftritt aus «familiären Gründen» abgesagt. Opernhausintendant Andreas Homoki hätte sich sehr über das Hausdebüt gefreut.

Christian Berzins
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Umstrittener Opernstar: Evgeny Nikitin
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Umstrittener Obernstar: Evgeny Nikitin
Umstrittener Obernstar: Evgeny Nikitin

Umstrittener Opernstar: Evgeny Nikitin

Riesig der Wirbel letzten Sommer in Bayreuth: Ein vom ZDF gesendetes Videoclip zeigte kurz vor Festspieleröffnung den russischen Sänger Evgeny Nikitin, wie er im Jahr 2008 als Metallrocker mit rasiertem Schädel auf ein Schlagzeug einhaut. Sein nackter Oberkörper enthüllte ein Detail, von dem man in Bayreuth zu Recht erzitterte: ein Hakenkreuz über der rechten Brust.

Nikitin (*1973) wurde nahegelegt, eine Entschuldigung zu murmeln - dann reiste er ab und gab sich als Waisenknabe mit Hakenkreuz aus. In Russland hätte das Hakenkreuz eine ganz andere Bedeutung. Nazi-Symbole seien in der Punk- und Subkultur Mittel zur Provokation. Eine entschuldbare Jugendsünde also? Nikitin widersprach sich alsbald dummerweise und rechtfertigte sich damit, dass das «Hakenkreuz» bloss die Vorstufe zu einem anderen Tattoo gewesen sein. Farbe über das Nazi-Symbol, Gras über der Geschichte? Den Intendanten der grossen Opernwelt wäre das am liebsten gewesen, zu viele Fragen lauerten da jedes Mal, wenn Nikitin wieder auftreten würde. Vorerst sagte man: «Wenn er in New York singe, könne er auch in München oder Berlin auftreten.»

Absage in Bayreuth, Engagement in Zürich

In Zürich sollte Nikitin ab 23. März im traditionellen «Oster»-Parsifal die Rolle des Amfortas singen. Operndirektor Andreas Homoki im September gefragt, ob er das tun werde, antwortete deutlich: «Klar wird Nikitin in Zürich singen. Nikitin ist für uns in erster Linie ein toller Künstler. Ich sehe diese Tattoos als eine Jugendspinnerei und würde sie nicht überbewerten. Dass man in Bayreuth übersensibel reagiert, ist wegen der dortigen Vorgeschichte verständlich. Aber obwohl man als Opernhaus in einem politischen Kontext steht und darauf achten muss, wie man wahrgenommen wird, sollte diese Wahrnehmung doch vor allem über die künstlerischen Aussagen laufen und nicht über die private Vorgeschichte eines Sängers.»

Zürcher Jungsozialisten wollten Protestaktion

Als «Der Sonntag» die Geschichte zu Saisonbeginn 2012/2013 ins Rollen brachte, waren die Jungsozialisten der Stadt Zürich die einzigen, die sich öffentlich gegen einen Auftritt Nikitins stellten. «Es ist skandalös, dass eine mit Steuergeldern subventionierte Kulturinstitution einem mutmasslichen Neonazi einen Auftritt ermöglicht und ihm ein fürstliches Salär bezahlt», liess sich die Partei in «20 Minuten» zitieren. Dies zeuge von mangelndem Gespür und wenig historischem Bewusstsein. «Wir werden Protestaktionen durchführen, sollte Herr Homoki Nikitin nicht wieder ausladen», kündigt Juso-Co-Präsidentin Ursula Näf an.

Bald verschwand Nikitin aus den Medien - der Russe hatte sich nach einem letzten Auftritt im «Spiegel» sowieso geschworen, nie mehr mit Journalisten zu reden. Nun aber traf er sich vor kurzem mit der «Annabelle» in Petersburg und erklärte sein widersprüchliches Dasein. Es wirft viel Licht auf den unbekannten Opernstar, der keine Homepage hat. Bezeichnenderweise heisst es da: «Wer Evgeny Nikitin verstehen will, muss seine Widersprüche akzeptieren.» Wer aber über das gewonnene Verständnis des Annabelle-Autors für Nikitin hinwegliest, erkennt einen Finsterling, dessen Leben nicht nur wegen des Hakenkreuzes ins Schlittern geraten ist. Nikitin betrinkt sich auch mal tüchtig mit Wodka und sendet darauf ein Mail in die Schweiz, das ein Szenario voller Krieg, Korruption, Geldgier, Religion und Terror beschreibt.

Grosses Bedauern des Zürcher Opernhausdirektors

Aber selbst mit diesem Wissen über den Menschen Nikitin war das Erstaunen diese Woche für jene gross, die Nikitin auf der Homepage des Opernhauses Zürich auf dem Besetzungsplan für «Parsifal» suchten. Anstelle seines Namens stehen dort gleich zwei Ersatzsänger für die Rolle des Amfortas bereit: der Lette Egils Silins und der Deutsche Detlef Roth.

Hat Opernhaus-Intendant Andreas Homoki nun doch Bedenken an einem Auftritt? Hat er Zweifel an der «Jugendsünden»-Theorie, gab es Druck von irgendwelchen Zürcher Gruppierungen, hat er Angst vor den angekündigten Juso-Protestaktionen?

Homoki zur «Nordwestschweiz»: «Nichts von den Erwägungen, die Sie nennen, ist der Fall. Ich hätte mich sehr über das Hausdebüt von Herrn Nikitin am Opernhaus Zürich gefreut, und es gab weder Druck von irgendwelchen Zürcher Gruppierungen noch besteht Grund, Angst vor Juso-Protestaktionen zu haben.»

Der Grund, dass Nikitin zu Homokis grossem Bedauern nicht singe, sei rasch erklärt: «Aus familiären Gründen musste Herr Nikitin umgehend nach St. Petersburg abreisen, was es ihm verunmöglicht, an den Proben zu unserer Wiederaufnahme teilzunehmen. Aufgrund der fehlenden Proben, sah sich Herr Nikitin veranlasst, seinen Auftritt ganz abzusagen. Ich bedaure dies ausserordentlich und hoffe sehr, ihn bald für eine andere Partie an unserem Haus verpflichten zu können.»

Diskussion mit Nikitin?

Ob sich andere Intendanten über Nikitins Hausdebüt freuen, wird sich weisen. Nikitins Tun wird weiterhin zu Diskussionen führen. Ein Ziel auch des Zürchers Aviel Cahn, Direktor der flämischen Oper. Falls er Nikitin engagierte, würde er ihn auch gleich zu einer öffentlichen Diskussion zum Thema verpflichten, begleitend zu seinen Vorstellungen. «So bekommt man lebendige Oper!»

P.S. Nikitin hätte den Amfortas gesungen: Die Rolle des Gralskönigs, der an einer nicht heilenden Wunde leidet.