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Stanser Musiktage: Fliessende Zeitkonzepte und Hartes aus dem Nahen Osten

Fliehend und fliessend vergeht die Zeit an den Musiktagen: Zunächst in der Kapuzinerkirche mit dem Albin Brun Projekt, das nun durch die ganze Zentralschweiz touren wird. Dann im Kollegi mit arabischem Rocktaumel.
Pirmin Bossart
Albin Brun und sein Projekt gehören zur Reihe «Die andere Zeit» und debütierten an den Musiktagen. (Bild: PD)

Albin Brun und sein Projekt gehören zur Reihe «Die andere Zeit» und debütierten an den Musiktagen. (Bild: PD)

Es sind harte Gegensätze, aber sie gehören zu diesem Festival. Sakrale Andacht in der Kapuzinerkirche, rumänischer Soul im Theater an der Mürg, Anarcho-Weltmusik im Dorfzelt, Oriental-Rock-Fusion im Kollegi, Singer Songwriter-Volksmusik auf der Länzgi-Bühne, Ambient-Elektronik im Beinhaus. Und das alles am gleichen Freitagabend.

Der Luzerner Multiinstrumentalist Albin Brun führt in der Kapuzinerkirche sein ambitioniertes «tempus fugit – tempus fluit»-Projekt auf. Der A-cappella-Chor Vocabular in Schola mit gregorianischen Männerstimmen und eine Band mit Schwyzerörgeli/Sax, Akkordeon, Bass und Schlagzeug machen den Brückenschlag zwischen Mittelalter und heute. Allein das sind Welten, und Brun geht daran, sie in zarten und brüskeren Kombinationen zu vermitteln und damit auch verschiedene Zeitwahrnehmungen spürbar zu machen.

Verharren in Tradition und fliessende Bewegungen

Es erweist sich, dass die frühere Zeitwahrnehmung (tempus fluit), symbolisiert durch den Chor, musikalisch sofort fassbar wird, aber in sich auch starrer ist. Die Chorsätze werden weitestgehend so belassen und nicht demontiert oder verfremdet. Dieses Verharren im überlieferten Klangbild macht auch die Stärke der Gregorianik aus. Umgekehrt setzt Brun den «tempus fugit»-Sound der Jetztzeit relativ dezent um, mit viel Wärme und fliessenden Bewegungen. Man hätte das schroffer und verstörender – elektronischer – machen können, was aber vermutlich zu plump und plakativ geworden wäre.

Das 70-minütige Konzert gehört zum Kulturprojekt «Die andere Zeit» der Albert-Koechlin-Stiftung. Es ist eine Abfolge von zwanzig Einheiten, von Psalmen über folkig-progressive Tracks bis zu Improvisationen, in denen die verschiedenen Zeiten einander quasi gegenübergestellt oder mit rauen Interventionen am Saxofon, perkussiven Eruptionen am Schlagzeug oder freien Toy-Piano-Passagen durchbrochen werden. Zusammenhören lässt sich, was scheinbar nicht zusammengeht und trotzdem koexistiert.

Die Teile fügen sich zum gehaltvollen Konzert mit diversen Klangkonstellationen, schönen Harmonien, intimen und harscheren Momenten und einigen szenischen Bewegungen der Musiker. Hier der sakrale Folk-Rock mit Flöte, von alpinen Stimmungen grundiert und gelegentlich mit Jazz-Saxofon dynamisiert. Dort der abendländische Seelenhauch der Mönchsgesänge, in diesem Fall von sechs weltlichen jungen Männerstimmen. Die Brücke über den Jordan der Zeit schlagen wir selber.

Harter Arab-Rock mit Yemen Blues

Ein ganz anderer Puls befeuert das Publikum später im Kollegi: Yemen Blues, ein Quintett mit dem wirbligen Sänger und Gimbri-Spieler Ravid Kalahani, ist wie gemacht für diesen Saal, wo man tanzen und feiern kann. Yemen Blues spielen laut und mit Groove, das Rezept heisst Rock, mit hartem Puls und exotischem Chic, mit Doppelschlagzeug, Bass/Oud und progressiven Keyboard-Salven. Melodien in arabischen Skalen durchpflügen die Riffs, aber bleiben im elektronisch aufgedonnerten Schub naturgemäss wenig differenziert.

Kalahani schont seine Stimme nicht, manchmal schreit er euphorisch und tanzt in wilden Verrenkungen über die Bühne. Das kickt gut und ist viel besser als der übliche Mitklatsch-World-Kitsch. Aber nach ein paar coolen Nummern erschöpft sich der Sound in seinem ähnlich bleibenden Klangbild und schickt einem das Zeitkonzept des Stromlinienförmigen wieder hinaus in die Nacht.

Weitere Aufführungen von «Tempus fluit – tempus fugit»: 10.5. Kirche St. Martin, Sarnen. 11.5. Kirche St. Mauritius, Ruswil, 12.5. Klosterkirche Altdorf. 18.5. Kloster Einsiedeln. 19.5. Klosterkirche Sursee. 25.5. Klosterkirche Engelberg. 26.5. Kath. Kirche St. Johannes, Luzern. www.dieanderezeit.ch.

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