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MUSIKALISCHES FREILICHTSPEKTAKEL: «Andere Länder haben andere ‹Gschichten›»

Annette Windlin inszeniert das «Morgarten»-Freilichtspiel. Lesen Sie, wie sie zum Mythos steht und was an der Arbeit in einer Naturarena so herausfordernd ist.
Die Narren dürfen und können alles – selbst das Morgartendenkmal rumtragen. (Bild: Videostills/PD)

Die Narren dürfen und können alles – selbst das Morgartendenkmal rumtragen. (Bild: Videostills/PD)

Sie musste sich schon viel erklären: «Was, ein Stück zu Morgarten?!» «Es geht nicht um ein Nachspielen der Schlacht mit Hellebarden», sagt sie dann jeweils. Das erwartet man auch nicht von Annette Windlin. Im Rahmen der Feierlichkeiten zu «700 Jahre Morgarten» inszeniert sie das Stück «Morgarten Der Streit geht weiter», geschrieben von Paul Steinmann, für die grosse Bühne.

Bühne ohne Vorhang

Gross ist sie wirklich, diese Bühne, die eigentlich gar keine ist. Es handelt sich um ein «Freilichtspektakel» am mutmasslichen Originalschauplatz: Von der Tribüne aus geht der Blick links zum alles überragenden Denkmal, rechts zu einer Hügelkuppe, und in der Mitte geht es steil hinauf, bis irgendwann der Wald kommt; im Rücken liegt der Ägerisee.

Dieser Kessel bildet eine natürliche Arena, in die hinein drei grosse, einfache Holzbühnen gebaut wurden. «Wir wollen das nackte Gelände zeigen. Schliesslich geht es ja um dieses Gelände.» Ein solcher natürlicher Raum bedeutet, die ganze Topografie zu nutzen: «Die Darsteller kommen über die Hügel, von oben oder vom Denkmal her.» Die Regisseurin beschreibt die Inszenierung als Reigen. «Läuft eine Gruppe oben los, dauert es seine Zeit, bis sie unten angekommen ist. Die verschiedenen Szenen gehen ineinander über. Die Musik hilft beim Timing entscheidend mit.» Es gibt keinen Vorhang, keine Abgänge, das ist die grosse Herausforderung. «Man darf sich nicht verlieren in einem so grossen Raum.»

Hofnarr Kuony wacht auf

«Ihr geratet wohl, wie ihr wollt in das Land Schwyz hinein kommen, jedoch geratet keiner, wie ihr wieder wollt heraus kommen.» Dieser berühmte Satz stammt von Kuony von Stockach, Hofnarr des österreichischen Herzogs Leopold I. Ihm, oder besser gesagt einer ganzen Gruppe von Narren aus verschiedenen Ländern und Traditionen, fällt im Stück eine ganz besondere Rolle zu. Windlin beschreibt die Ausgangslage: «Kuony erwacht auf dem Gelände von Morgarten, schaut sich um und hat keine Ahnung, wo er ist. Er sieht das Denkmal und hört im Hintergrund das OK ‹700 Jahre Morgarten›. Schliesslich will er wissen: Was ist eigentlich damals passiert?»

Das Narrengrüppchen reist mit dem Publikum über die Jahrhunderte zurück bis ins Jahr 1315 und stellt die Verbindung her zwischen damals und heute. Im Jetzt laufen die Vorbereitungen für die 700-Jahr-Feier auf Hochtouren. Das Wort «Streit» im Titel des Stücks ist eine Anspielung auf vieles, den Historikerstreit, den Streit darum, wo denn das Denkmal aufgestellt werden sollte. Der Streit im Stück rührt daher, dass der Auftrag für ein neues Morgartenlied an einen Zuger vergeben wurde, womit die Schwyzer natürlich gar nicht zufrieden sind. Es kommt zu einem handfesten Streit der Chöre, so viel sei verraten.

Mythos «Morgarten»

Wird also der Mythos «Morgarten» zerpflückt? «Wir müssen keine Antworten geben», sagt Annette Windlin. «Das ist die Arbeit von ‹Geschichtlern›. Aber wir können mit dem Gedanken spielen, was uns Morgarten bedeuten kann. Oder uns fragen, wieso wir solche Geschichten brauchen. Ist der Mythos wirklich wichtig für unsere Identität?» So stellt Hofnarr Kuony zum Beispiel die Frage: «Was sägid Sie Ihrne Chind, wenns fragid, was d Schwiiz isch? Verzelled Sie de vo Morgarte?»

Was hält die Theaterfrau selbst vom Mythos «Morgarten»? Mit was für Bildern ist sie aufgewachsen? Wie hat sie sich auf die Inszenierung vorbereitet? Annette Windlin ist 1960 in Küssnacht am Rigi im Kanton Schwyz geboren. Morgarten war nicht so nah, aber doch, wichtig war die Geschichte schon. Vor allem war sie wahr. Als Kind hätten sie die Geschichte von Morgarten anhand vom SJW-Heftli (Schweizerisches Jugendschriftenwerk) gelernt. «Wir haben Zeichnungen vom Verlauf der Schlacht studiert, Baumstämme ausgemalt und Steine gezeichnet», schmunzelt sie. Entsprechend dem Bild am Rathaus von Schwyz. Auch die 650-Jahr-Feier, damals war Windlin viereinhalbjährig, sei noch ganz anders begangen worden als nun die aktuellen Feierlichkeiten, gemäss der damaligen Zeit halt, mitten im Kalten Krieg.

Dank List und Cleverness

Was ist geblieben? «Wir listigen Schwyzer, wir kleinen Bauern haben die übermächtigen Habsburger in die Flucht geschlagen. Man hat die Geschichte dazu genutzt, eine innere Identität zu schaffen für Krisenzeiten. Das ist legitim. Andere Länder haben andere ‹Gschichten›. Trotzdem kann es nicht falsch sein, unser Geschichtsverständnis immer wieder zu hinterfragen.»

Mit der Geschichte im Sinne von Geschichtswissenschaft hat sich Annette Windlin intensiv auseinandergesetzt und auch am Symposium vom vergangenen Januar teilgenommen. Eine Art Wegführer war ihr da der Autor: «Paul Steinmann hat viel recherchiert. Ich habe gewusst, worauf er sich stützt.» Sie erzählt ein kleines Detail, welches sie belustigt: «Wir brauchen den Mythos ‹Morgarten› für die ganze Schweiz. Aber Aargau oder Zug, das waren damals Habsburger! Man hat die Identität übertragen. Das finde ich total interessant und witzig.» Da der aus Villmergen, Aargau, stammende Autor genau genommen selber ein Habsburger ist, spöttle sie manchmal liebevoll: «Muesch gar nüt säge, du Habsburger!» (lacht)

Trüppchen wächst zusammen

150 Leute wirken am Projekt mit, 90 davon als Darsteller. Die Arbeit mit Laien macht Annette Windlin grosse Freude: «Es gibt gute, versierte Spielerinnen und Spieler, einige haben schon in mehreren meiner Produktionen mitgewirkt. Und Leute, die einfach dabei sein wollen um des Erlebnisses willen.» Seit letztem Sommer seien sie zusammen unterwegs. Man lerne sich kennen und schätzen. «Im besten Fall sieht man das dann auf der Bühne.»

Narrenfreiheit

Menschen unterschiedlichster Couleur werden sich in den nächsten Wochen in Morgarten einfinden, und alle sollen etwas davon haben. Windlin: «Es geht uns nicht darum, zu provozieren. Es ist einfach ein Spiel um das Thema. Und wir möchten gerne eine gute Geschichte aus dem Heute heraus erzählen, in die man in diesem Moment eintauchen kann. Vielleicht kommt auch die eine oder andere Frage auf zu Krieg generell. Das ist das Thema der Narren: Was bringt uns Krieg? ohne moralisch zu sein.» Diese Narrenfreiheit findet ihre Entsprechung in der Figur des Kuony: «Mier Narre döfid alles säge, es lost einewäg niemer uf üüs.» Das Schlusswort hätten denn auch die Narren, sagt Annette Windlin und steigt auf ihr Velo, auf zum nächsten Termin.

Regina Grüter

Freitag, 7. August, 20.30, Premiere

Naturarena beim Morgartendenkmal, Morgarten. Aufführungen bis 12. September; Infos/VV: www.morgartenspektakel.ch

«Es kann nicht falsch sein, unser Geschichtsverständnis immer wieder zu hinterfragen.»

Annette Windlin,

Inszenierung

Auf ihrer Reise durch die Zeit nehmen die Narren das Publikum mit ins Archiv. (Bild: Videostills/PD)

Auf ihrer Reise durch die Zeit nehmen die Narren das Publikum mit ins Archiv. (Bild: Videostills/PD)

Annette Windlin, Inszenierung: «Es kann nicht falsch sein, unser Geschichtsverständnis immer wieder zu hinterfragen.» (Bild: Georg Anderhub)

Annette Windlin, Inszenierung: «Es kann nicht falsch sein, unser Geschichtsverständnis immer wieder zu hinterfragen.» (Bild: Georg Anderhub)

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