Solodebüt von Manuel Troller: Der Musiker verschwindet in der Musik

Es klicken Pedale, es schabt das Plektrum: Der Luzerner Gitarrist Manuel Troller veröffentlicht sein Solodebüt «Vanishing Points». In weiten Bögen voller Details erprobt er quasi das musikalische Wurmloch.

Katharina Thalmann
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Manuel Troller, bekannt von Schnellertollermeier, präsentiert sein erstes Album als Solokünstler. (Bild: Philipp Hitz/PD)

Manuel Troller, bekannt von Schnellertollermeier, präsentiert sein erstes Album als Solokünstler. (Bild: Philipp Hitz/PD)

Dringlichkeit: das vielbeschworene Attribut. Kompromisslosigkeit: der Garant für musikalische Qualität. Der Gitarrist Manuel Troller (wie auch seine Band Schnellertollermeier) wird dafür immer wieder gelobt. Doch was heisst das eigentlich? Trollers erste Soloplatte «Vanishing Points» birgt Antworten. Die sechs Stücke sind starke Statements, jedes für sich ein Fluchtpunkt. Und jeder Fluchtpunkt setzt ein schauendes Individuum voraus. Es ist das Zentrum der Perspektive. Es bestimmt, wo sich die Linien treffen.

Noch in der mittelalterlichen Malerei galt: Was am wichtigsten ist, wird am grössten gemalt. Albrecht Dürer und andere formulierten dann im 16. Jahrhundert die Regeln der Zentralperspektive. 400 Jahre später malte Male­witsch sein Schwarzes Quadrat, löste den Fluchtpunkt auf und perfektionierte die Abstraktion.

Viele unterschiedliche Einflüsse sind zu hören

Trollers Album heisst «Fluchtpunkte». Plural. Wie meint er das, hundert Jahre nach Malewitsch? «Ich möchte, dass der Musiker völlig in der Musik verschwindet. Dass ein Stück für sich alleine stehen kann und meine Entscheidungen darin vielleicht gar nicht mehr wahrgenommen werden.»

Sich seiner Gitarrenmusik zu entziehen, ist nicht möglich. Aber es funktioniert auf andere Weise als bei Schnellertollermeier, wo ein Sog-um-jeden-Preis provoziert wird. Viele Einflüsse sind zu hören: Ein Autor seines Formats würde «belesen» genannt. Minimal Music, repetitive Muster afrikanischer Musiken, sogar eine Prise Blue Grass, Robert Fripps King Crimson. «Darauf werde ich oft angesprochen, aber Fripp oder Crimson habe ich tatsächlich nie aktiv gehört.» Eher inspirierten ihn Leute wie Grouper alias Liz Harris und deren «minimaler Entwurf von Popmusik» oder elektronische Musik.

Flucht nach ganz weit vorne

«Wormhole» ist das Herz- oder Filetstück des Organismus. Auch ein Wurmloch kann zum Fluchtpunkt werden: Man verschwindet darin, reist mit rasender Geschwindigkeit zum anderen Ende des Universums. Dieser 18-minütige Fluchtpunkt wird zur Flucht nach ganz weit vorne. Die Pedale klicken, das Plektrum schabt, eine riesige Klanglandschaft erhebt sich: «Ich spiele das Stück seit rund drei Jahren, in denen es sich immer weiterentwickelt und ausgedehnt hat. Mich interessierte vor allem zu Beginn auch die physische Limitation: Wie lange kann ich an meinen Grenzen spielen? Welche Energie erzeugt das?»

Die letzten vier Minuten entfalten eine meditative Wirkung. Für die letzten 20 Sekunden kehrt das rasante Wurmloch-Muster wieder, das jetzt mysteriöserweise wie von unerschütterlichem Optimismus umhüllt scheint. Der Schluss kurz, fast abgerissen. «Heute wird oft offen und harsch gemischt. Ich wollte einen detaillierten Klang, der satt und warm ist, zugleich Brillanz hat und der leise schon präsent ist.» So entsteht ein gleichzeitig heimeliges und doch auch frontales, unmittelbares Klangbild.

Hört man in «As Long As You Do As They Say» die braven postindustriellen Soldaten marschieren, hie und da unterbrochen von Störgeräuschen? «Untitled #3» erinnert stark an «Rights» auf der gleichnamigen Schnellertollermeier-Platte von 2017. Penetrante Tonrepetitionen, aber dann macht Troller versöhnlicher weiter, weniger aggressiv. Besonders überraschend, wenn der Hall plötzlich entfällt – dann klingt die Gitarre wie gedämpfte Klaviertasten. Ein Dur-Lick verspricht kurzzeitig Hoffnung, Licht und Wärme. Und der abschliessende Fluchtpunkt, «Vanishing Point», löst das Versprechen ein: schön, tief und warm. Dringlichkeit.

Easy Listening passt nicht mehr ins 21. Jahrhundert, scheint uns Trollers Gitarre mal zuzuflüstern, mal entgegenzuschreien. «Die Haltung, die ich als Künstler anstrebe, ist die Bereitschaft, viel von sich zu geben. Im Idealfall erzeugt dies vielleicht eine Art Dringlichkeit. Wieso macht man denn Musik? Nicht zur Selbst­beweihräucherung, sondern um Menschen zu berühren.»

Plattentaufe: Freitag, 5. Oktober, 21.30 Uhr, im Südpol Luzern.

Hörbeispiele: www.manueltroller.com/media/videos