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MUSIKGESCHICHTE: Das Comeback des «uncoolen» Saxofons

Es galt lange als verpönt, jetzt ist es auf spektakuläre Art zurück. Die Geschichte des Saxofons in Pop und Rock ist voller Wendungen und voller Stars.
Stefan Künzli
Die britische Rockmusikerin PJ Harvey erzeugt mit dem Saxofon auch mal Klänge wie von einem Hummelschwarm. (Bild: Jose Coelho/Keystone)

Die britische Rockmusikerin PJ Harvey erzeugt mit dem Saxofon auch mal Klänge wie von einem Hummelschwarm. (Bild: Jose Coelho/Keystone)

Stefan Künzli

Schuld war George Michael. «Careless Whispers», die Superschnulze aus dem Jahre 1984, hatte dem Saxofon den Rest gegeben. Der Song wurde zwar ein Welthit, das prägende Saxofon wurde aber fortan auf die schluchzende, säuselnde Rolle reduziert. Es wurde zum klebrigen Kitsch-Instrument, zum schleimigen Soundtrack für Schickimicki-Partys und billige Soft-Pornos. Aus Pop und Rock wurde das Sax weitgehend verbannt und galt in sogenannt hippen Kreisen lange als uncool.

Noel Gallagher bricht den Bann

Jetzt ist es zurück. Den Bann brach Noel Gallagher vor einem Jahr. Für sein Album «Chasing Yesterday» mit den High Flying Birds heuerte er überraschend einen Saxofonisten an. Ausgerechnet Gallagher, der mit Oasis jahrelang die Vormacht der Gitarre zementiert hatte. Es folgten Hip-Hopper Kendrick Lamar, David Bowie und PJ Harvey. Ihre beiden Alben «Black Star» und «The Hope Six Demolition Project» gehören nicht nur zu den besten Alben des Jahres, bei beiden spielen Saxofone eine prägende Rolle. Seither tanzen die Hipsters zu den wildesten Ritten des US- Jazz-Saxofonisten Kamasi Washington.

Die Geschichte der Saxofone ist wechselvoll. Adolphe Sax hatte es 1846 für die boomenden Militärkapellen erfunden, der Durchbruch kam in der Ära des Swing in den 1930er-Jahren. Damals war Jazz noch Pop und das Sax das Königsinstrument. Auf dem Thron blieb es auch im aufkommenden Rhythm ’n’ Blues der 40er- und 50er-Jahre. Das Sax war nicht nur erstes Soloinstrument, mit anderen Blasinstrumenten sorgte es auch für die stilprägenden, rhythmischen Riffs. Es war die Zeit der sogenannten «Honker» – jener Saxofonisten wie Louis Jordan oder King Curtis, die mit mächtigem Ton spielten und dabei hohe schreiende und tiefe hupende Töne erzeugten.

E-Gitarre übernimmt Vorherrschaft

Die Vorherrschaft der Familie der Saxofone wurde erst mit dem Aufkommen der elektrischen Gitarre gebrochen. Im Soul, Funk und Blues rückte es zurück in die Bläsersektion. Im Rock nahm die Gitarre die stilprägende Hauptrolle ein, das Saxofon blieb ein beliebtes Solo-Instrument. Bedeutende Bands wie The Rolling Stones griffen immer wieder auf Saxofonisten (Bobby Keys 1943–2014) zurück, aber auch Pink Floyd (Dick Parry), Roxy Music (Andy Mackay), Bruce Springsteen (Clarence Clemons), Supertramp (John Helliwell), Foreigner (Junior Walker auf «Urgent»), Dave Matthews (LeRoi Moore und Jeff Coffin) die Prog-Rockbands Colosseum (Dick Heckstall-Smith) und King Crimson (Mel Collins), die britische Ska-Band Madness mit «One Step Beyond» (1979).

In den 80er-Jahren regierte der Elektro-Pop. Synthies verdrängten die krachende Rock-Gitarre. Das Saxofon profitierte zunächst und wurde oft als Solo-Instrument eingesetzt. Klangideal war aber nicht das raue, röhrende Rhythm-and-Blues-Saxofon, sondern, nach dem Vorbild von «Careless Whispers», das klebrig-triefende Saxspiel von Kenny G und Konsorten. Mit fatalen Folgen. Am negativen Image konnte auch Sting mit Branford Marsalis nichts ändern.

Das gelingt erst jetzt. Das jüngste Kapitel in der Renaissance des Saxofons schreibt BadBadNotGood, eine kanadische Band zwischen Hip-Hop, Electro und Jazz. Das Popmagazin «Musikexpress» hat ihr Album «IV» zur Platte des Monats August gewählt und schreibt von einem «Great Sax-Comeback».

Herzstück des Albums ist das gut sechsminütige «Confessions Pt II». Das Duett der Gastsaxofonisten Colin Stetson und Leland Whitty lotet die vielfältigen Möglichkeiten aus: Ein dreckiges Bariton übernimmt zunächst die Bassfunktion und spielt ein rhythmisches Riff über ein rabautziges Tenor, das jazzig soliert. Dann wechselt das Bariton in ein Thema mit lang ausgehaltenen Tönen. Rhythmus kämpft gegen Melodie. Schliesslich finden sich beide Hörner verdichtet in einer brachialen Saxofon-Wand, wie wir sie von den Kollektiv-Improvisationen des Free Jazz her kennen, die in ihrer Intensität und Kraft aber auch an die monströsen Gitarren-Wände des 90er-Jahre-Rock erinnert.

Einmalige klangliche Vielfalt

Das ist das Geniale am Saxofon: Es kann Solo-, Satz-, Melodie- und Rhythmusinstrument sein und bietet klangliche Möglichkeiten wie kaum ein anderes akustisches Instrument. Das wird jetzt im Pop und Rock entdeckt. Bei BadBadNotGood, aber auch schon in David Bowies «Blackstar» (Donny McCaslin) und PJ Harveys «The Hope Six Demolition Project» (Terry Edwards, Mike Smith) ist das Saxofon nicht nur Solo-Instrument, es werden auch perkussiven und klanglichen Möglichkeiten integriert, wie wir sie vom frühen Rhythm and Blues und vom Free Jazz kennen.

Mit «Careless Whispers» und George Michael hat das noch so viel zu tun wie Taten-Rabauke Cecil Taylor mit dem Schmuse-Pianisten Richard Clayderman. Das Saxofon ist rehabilitiert.

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