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Interview

Studie der Hochschule Luzern: Musikkritiker auf dem Abstellgleis?

Man kauft immer weniger CDs, informiert sich beispielsweise über Likes bei Youtube. Hat also der Musikkritiker ausgedient? Eine Untersuchung der Hochschule Luzern – Musik fördert ganz Erstaunliches zutage.
Interview: Roman Kühne
In der Filmkomödie «Wilde Maus» (2017) spielt Josef Hader den Musikkritiker Georg, der nach seiner Entlassung immer tiefer fällt. (Bild: PD)

In der Filmkomödie «Wilde Maus» (2017) spielt Josef Hader den Musikkritiker Georg, der nach seiner Entlassung immer tiefer fällt. (Bild: PD)

Elena Alessandri, Sie leiten das Kompetenzzentrum Music Performance Research der Musikhochschule Luzern. Was machen Sie da genau?

Wir untersuchen vor allem, wie Musik produziert und vermittelt wird, aber auch, wie das Publikum diese wahrnimmt. Zusammen mit der Universität im englischen Sheffield haben wir eine Reihe von Studien zur «Psychologie des Musikkonsums» am Laufen. Warum entscheiden wir uns für eine bestimmte Musik? Warum animiert uns diese Musik, etwa im Funk oder Pop zum Tanzen, und andere nicht?

Elena Allessandri, Hochschule Luzern - Musik. (Bild: PD)

Elena Allessandri, Hochschule Luzern - Musik. (Bild: PD)

Ihr neuestes Projekt beschäftigt sich mit der Klassik und der Musikkritik dort.

Dies ist für mich hochinteressant. Ich bin ausgebildete Pianistin und möchte verstehen, wie der Musikmarkt heute funktioniert. Gerade hier gibt es so viele negative Meinungen und Vorurteile. Die klassische Musik sei am Aussterben, bald produziere man keine CDs mehr, an die Konzerte gingen doch nur alte Leute etc.

Stimmt dies denn nicht? Im KKL Luzern etwa gibt es Konzerte, die von gefühlt 80 Prozent Seniorinnen und Senioren besucht werden.

Wir sind zu deutlich anderen, für mich aber auch sehr überraschenden Ergebnissen gekommen. Wir haben vor allem den Aspekt Musikkritik untersucht. Braucht es diese noch? Werden die Texte überhaupt noch gelesen? Heute ist alles gratis auf Youtube oder Spotify erhältlich. Jeder kann dazu eine Meinung abgeben. Warum soll man da noch musikalische Urteile lesen?

Und? Kann man unsere Berufsgattung beerdigen?

Überhaupt nicht! Wir haben 1200 Personen aus 62 Ländern befragt, darunter viele Schweizer und Deutsche, in einem Alter von 17 bis 85 Jahre. Die einzige Bedingung war, dass sie klassische Musik hören. Wir wollten ganz bewusst nicht nur eine Elite von ausgebildeten Klassikfans ansprechen. Sondern auch Menschen, die breit Musik hören und auch über Streaming mit der Klassik in Kontakt stehen.

Und das Ergebnis?

Das ist erstaunlich: Ganze 62 Prozent lesen oder hören regelmässig Kritiken von Tonaufnahmen. Dies geht von Vergleichssendungen im Radio und Tageszeitungen bis hin zu spezialisierten ­Musikmagazinen, etwa dem englischen «Gramophone». Sie suchen dabei oft sehr aktiv nach den Besprechungen der neuesten Aufnahmen.

Geht es da nicht einfach um «Sternchen»-Bewertungen, wie es heute bei der Kino­kritik in Mode ist?

Im Gegenteil. Wir haben die Frage gestellt, was eine gute Rezension ausmacht. Zuoberst, mit 82 Prozent, steht da «die klare Begründung der Bewertung». Viele schätzen auch den Vergleich zu verschiedenen Aufnahmen (64 Prozent). Der Musik­experte hat also überhaupt nicht ausgedient. Der Konsument sucht bewusst den Rat und die Meinung einer Fachperson.

Die Zeitungen sind aber alle am Sparen, Kritiker haben es da schwer.

Es ist ein Problem, inwieweit man in der Tagespresse überhaupt in die Details gehen kann. Oft gibt es nur einen Satz über eine neue CD. Dies reicht dem Leser aber offenbar nicht. Der qualitative Aspekt ist ihm wichtiger als die Bewertung selbst. Mehr als 80 Prozent Hörerinnen und Hörer wollen, dass ihnen die Kritik als Leitfaden für das Hören und Kaufen dient.

Kann man das ernst nehmen? Das Geschäft mit den CDs ist im Keller.

Hier kommen wir zur Schattenseite – wenigstens für die Musiker und die Produzenten der Scheiben. Einerseits hört die Hälfte der Teilnehmenden in unserer Umfrage Musik vor allem auf CDs. Das sind zwar doppelt so viele, wie z. B. Spotify oder iTunes verwenden. Aber 45 Prozent der Klassik-Interessierten bezahlen nie für den Musikgenuss. Offenbar werden häufig auch alte CDs gehört. Auch scheinen die Streamer sich eher auf die Bewertung zu fokussieren und weniger auf die ganze Diskussion, die dahintersteckt. Dies ist sicher ein Feld, wo wir noch mehr Daten brauchen.

Man hört auch immer wieder, dass grosse Labels Druck auf die Kritiker ausüben.

Dies stellen wir tatsächlich fest. Wir haben für unsere Untersuchung auch 14 Kritiker und Kritikerinnen interviewt. Da gab es einen Fall, wo nach einem negativen Bericht der Manager des Musikers beim Verlag anrief und mit dem Gericht drohte. Ein ­anderer CD-Kritiker wurde nach 30 Jahren entlassen. Auch da gab es Druck von Plattenfirmen.

Gibt es noch andere Wege, um Einfluss zu nehmen?

Einige Labels erwarten, dass die Besprechung ihnen vor dem Druck zugeschickt wird, und geben dann ihre Kommentare ab. Dies kreiert natürlich Spannungen. Aber das sind Einzelfälle. Zum Glück, denn die allermeisten Kritiker pflegen selber einen sehr hohen moralischen Standard. Unsere Umfrage zeigt es: Kritiker lassen sich – neben ihrem Fachwissen – von einer grossen Liebe und Leidenschaft für die Musik leiten.

Weitere Infos zur und Grafiken zur Studie finden hier.

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