MUSIKMARKT: Musik von gestern schlägt die neue

Der Vinylboom ist Ausdruck einer retrogetriebenen Gesellschaft. Streaming verstärkt das Bedürfnis nach der guten alten Zeit.

Drucken
Teilen
Platten von Pink Floyd und... (Bild: PD)

Platten von Pink Floyd und... (Bild: PD)

Stefan Künzli

Adele verhinderte es nicht. Erstmals hat sich alte Musik besser verkauft als neue. Das hat eine Erhebung des US-Konsumentenforschungsinstituts Nielsen ergeben. Demnach übertrafen im letzten Jahr die Verkäufe aus dem Back-Katalog (älter als 18 Monate) die Neuerscheinungen um satte 4,3 Millionen Einheiten. 2014 hatten die Neuerscheinungen noch um 4 Millionen die Nase vorn, und vor zehn Jahren waren es sogar 150 Millionen Einheiten. Der Trend ist eindeutig.

Miles Davis räumt ab

Der Indie-Guide «Chart Attack» führt das erstaunliche Ergebnis auf das Vinylrevival zurück. So ist dieser Markt allein im ersten Halbjahr 2015 um 52 Prozent gewachsen. Die Leute, die Vinyl neu für sich entdeckten, wollen ihre alten Lieblingsalben auch in ihrer Schallplattensammlung haben. So gehören Beatles-Alben 2015 zu den bestverkauften Schallplatten, und «Dark Side Of The Moon» von Pink Floyd aus dem Jahr 1973 liegt sogar auf Platz drei der Vinylcharts. Noch erstaunlicher sind die Verkaufszahlen von «Kind Of Blue» des Jazzklassikers von Miles Davis aus dem Jahr 1959 (!) (siehe Box).

Der Vinylboom ist aber nur Teil und Ausdruck einer allgemeinen retrogetriebenen Gesellschaft. «Das wirklich ­Geniale wurde in der Vergangenheit geschaffen, Musik war eine Landkarte für das Leben», sagt Chris von Rohr, heute dagegen sei das «grösstenteils nur noch austauschbare Begleitmusik». «Was wir in den Charts hören, ist die Kopie von der Kopie von der Kopie. Alles schon tausendmal gehört. Das Epigonentum dominiert. Industrie, Film und Werbung schöpfen deshalb vermehrt aus der Vergangenheit», sagt der Musiker und Produzent.

Es ist eine Frage der Verfügbarkeit. Erst die Streamingportale mit ihrem unermesslichen Schatz der Musikgeschichte können das Bedürfnis nach dem Alten mit einem Klick stillen. Sie verändern die Hörgewohnheiten radikal und verstärken den Trend: Mit ihren Playlists und Empfehlungen begleiten sie den Streamer auf direktem Weg in die Vergangenheit.

Alles im Retro-Fluss

Eine altbekannte Regel besagt: Je älter der Musikfreund, desto weniger hört er neue Musik. Gemäss Andreas Ryser, dem Verbandspräsidenten von Indie Suisse, wird sie aber erst jetzt beim Streamen bestätigt. Nostalgie ist das Heroin der Alten – aber eben nicht nur. Auch die Jugend schwimmt im Retro-Fluss.

Seit den Fünfzigerjahren, als Rock ’n’ Roll das Feuer der Jugend- und Protestkultur entfachte, hatte jede Generation, jedes Jahrzehnt ihren spezifischen Sound. Er diente zur Identifikation und zur Abgrenzung gegenüber dem Alten, der Kultur der Eltern. Doch den generationenübergreifenden Sound gibt es heute nicht mehr.

Stattdessen ist Popmusik stark segmentiert. Sie ist die Summe unzähliger Szenen und Nischen. Man grenzt sich nicht mehr gegenüber dem Alten ab, sondern gegenüber den anderen Szenen. Der Metalhead will mit dem Hip-Hopper nichts zu tun haben. Vielmehr wird das Vergangene innerhalb der Szene glorifiziert.

So sind heute der kürzlich verstorbene Lemmy Kilmister (70) sowie Rock-Gruftie Ozzy Osbourne (68) Helden der adoleszierenden Metal-Jugend. Und im Hip-Hop hat das Zitat, in Form eines Samples aus der Musikgeschichte, sogar stilbildende Funktion. Der Zeitgeist blickt zurück.

Zugängliche Geschichte

Noch nie war Musikgeschichte so einfach und schnell zugänglich. Insofern ist das Streamingportal das perfekte Tool der Zeit. Doch kann das riesige Angebot auch überfordern. «Heutige Musik ist der Soundtrack einer überkonsumierenden und überstimulierten Jugend, die alles hat und sich angesichts der Fülle des Angebots nicht mehr zurechtfindet», sagt von Rohr und spricht von einer «antiseptischen, digitalen Demenz». Umso schwieriger ist es für junge Musiker, etwas wirklich Neues und Eigenes zu schaffen.

Die Musikindustrie hat längst auf den Trend zu alter Musik reagiert. Die unendliche Serie an Wiederveröffentlichungen sind in dem Kontext zu sehen. Im letzten Jahr waren es zum Beispiel das Gesamtwerk der Beatles, von Led Zeppelin und Jerry Lee Lewis, dazu die erweiterte Ausgabe von ­«Sticky Fingers» der Rolling Stones, die «Bootleg»-Serie von Bob Dylan sowie Werk-Boxen von Fleetwood Mac und natürlich auch Bruce Springsteen.

Harte Zeiten für junge Bands

Die Tonträgerindustrie will damit verlorenes Terrain zurückgewinnen. Es ist leicht verdientes Geld. Kein Risiko, viel Ertrag. Und viel kostengünstiger und schneller, als neue, unbekannte Bands durch viel Promo und Aufwand langsam aufzubauen und ihnen zum Erfolg zu verhelfen.

Es sind durchaus harte Zeiten für junge Bands, harte Zeiten für neue Sounds.

... von den Beatles erfreuen sich immer noch grösster Beliebtheit. (Bild: PD)

... von den Beatles erfreuen sich immer noch grösster Beliebtheit. (Bild: PD)