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Erstes Orchestercamp am Lucerne Festival: «Musikschul-Modell ist überholt»

Junge Musiker proben in einem Orcherstercamp für einen Auftritt am Samstag im KKL. Mit-Initiant ist der Schweizer Marco Castellini. Sein von Wien und Venezuela inspirierter Verein «Superar Suisse» könnte den Musikunterricht revolutionieren.
Roman Kühne
130 Kinder proben für den Auftritt im KKL. (Bild: LF/Diego Ravetti)

130 Kinder proben für den Auftritt im KKL. (Bild: LF/Diego Ravetti)

Immer wieder wird der Schluss geübt. Fünfzehn, zwanzig Mal repetiert der Dirigent Ulysses Ascanio das schnelle Finale der Ouvertüre von «Guillaume Tell» von Gioachino Rossini. Hier ist alles drin, was ein schwieriges Musikstück ausmacht: Tempo, Höhe, Lautstärkenwechsel und vertrackte Rhythmen.

Es ist der erste Probetag im Pfarreisaal St. Leodegar und das Stück klingt schon auf hohem Niveau. Erstaunlich hoch. Denn es sind etwa 130 Kinder, die hier die Trompete blasen oder die Bässe streichen. Der Jüngste ist zehn, die Älteste zwanzig Jahre alt, die Mehrheit bewegt sich zwischen 13 und 14 Jahren. Alle Hautfarben sind vertreten. Sie sind Teilnehmer des ersten Orchestercamps des Lucerne Festivals und proben für das Konzert vom Samstag im KKL.

Vom Gamen zur Klassik

Da ist zum Beispiel der Italiener Iacopo Greco (13). Er spielt im Orchester Perkussion, besucht Lektionen in Klavier und Viola und komponiert nebenbei. «Klassisch und zeitgenössisch», wie er erklärt. Vom Camp selber ist er begeistert: «Es kommen hier aus ganz Europa so viele Kinder zusammen. Für mich ist es natürlich toll an so einem Projekt teilzunehmen. Das Lucerne Festival und das KKL sind auch in Italien sehr wichtig.» In seiner Freizeit – ganz italienisch – kocht er gerne. Vor allem Lasagne ist sein «Cavalo de battaglia», sein Schlachtross, wie die Italiener ihren besten Teller nennen.

Der Schweizer Eduardo Da Silva (11) stammt ursprünglich aus Portugal. Er spielt erst seit einem Jahr im Schlagwerk, ist aber extrem talentiert. «Eigentlich hatte ich mit der klassischen Musik nichts am Hut», erklärt er. «Zwar hat mir schon immer der Beat gefallen, aber mehr im Hip-Hop oder im Rap. Auch heute höre ich nicht so gerne klassische Musik, doch diese zu spielen macht extrem Spass.» Seine Hobbies sind auch Fussball, Basketball und Gamen – warum macht er denn überhaupt «ernste» Musik?

«Superar Suisse»: Direkt zu den Kindern

Der Grund ist im Projekt Superar Suisse zu finden. «Unsere Musikausbildung setzt auf den direkten Kontakt mit den Jugendlichen» erklärt ihr Mitgründer und künstlerischer Leiter Marco Castellini. «Wir gehen nie zuerst über die Eltern sondern suchen uns Schulen aus. Dort stellen wir die Instrumente vor und die Kinder können sie direkt ausprobieren. Erst wenn ein Kind Interesse hat, kontaktieren wir die Eltern.»

Importiert hat Castellini die Idee aus Österreich. In Wien hatten sie immer weniger einheimische Sängerknaben, in den Schulen wurde kaum mehr gesungen. Gerald Wirth, der Dirigent der Sängerknaben, lancierte darauf ein Projekt, das den Singunterricht an Wiens Bildungsstätten wieder alltäglich machte. Vor allem zwei Pfeiler machten dieses Projekt erfolgreich. Es kostet die Kinder nichts, und es finden pro Woche vier bis fünf Lektionen statt, integriert in den Stundenplan. Inspiration fand Wirth auf seinen Reisen nach Venezuela im dortigen Ausbildungsprogramm «El sistema».

Von Anfang an in der Gruppe

«So etwas wollten wir hier auch machen,» führt Marco Castellini aus. «Wir begannen 2012 in der Primarschule Rottenschweil im Kanton Aargau. Für unser Projekt mussten wir bis in den Regierungsrat gehen. Doch jetzt sind drei bis vier Stunden Musik im Stundenplan verankert. Dies gibt natürlich eine unglaubliche Dynamik und Energie». Inzwischen ist Superar Suisse auch in Zürich, Basel, Lugano, Winterthur und Schaffhausen tätig.

In den ausgewählten Schulen haben mindestens 50 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Für die Kinder ist der Unterricht zwar kostenfrei, doch sie müssen viel Einsatz, Zeit und Wille mitbringen. Marco Castellini ist auch überzeugt, dass der normale Musikunterricht viele Kinder abschreckt: «Dieser Fokus auf das 1:1 Lehrer – Schüler – Verhältnis ist seit 30 bis 40 Jahren überholt. Der Gruppenunterricht, wo man auch spielt und Stücke aufführt, ist hier viel effektiver. Die Kinder haben viel mehr Spass und lernen schneller, Eigenverantwortung zu übernehmen. Das Selbstwertgefühl steigt enorm. Es ist ein Wunder, was hier teils in wenigen Jahren passiert. Es ist auch wichtig, dass der Musikunterricht sehr früh einsetzt.»

Im Kanton Luzern schreiben viele Gemeinden immer noch vor, ab wann ein Musikinstrument gelernt werden kann. So sind zum Beispiel Blasinstrumente teils erst ab der 3. Klasse möglich oder der Besuch eines Streichorches-ters erst ab der 5. Klasse. Für Castellini ist der Fall klar: «Von einer Million Schülern besuchen aktuell nur etwa 300 000 eine musikalische Ausbildung. Bei uns werden die Kinder schnell in die Ensembles integriert, können meist schon nach wenigen Monaten an einem Konzert auftreten. Dies ist eine riesige Motivation, auch wenn die nur drei Noten spielen.»

Luzerner Initiativen koordinieren

Momentan existiert Superar Suisse noch zu wenig lange und ist die Dichte an «Musikern» zu klein, um damit ein Konzert im KKL zu bestreiten. Deshalb finden sich im Camp Musiker aus ähnlichen Projekten aus den Ländern Italien, Portugal, Österreich und England. Auch aus Luzern sollen sich künftig Kinder beteiligen. Lucerne Festival will dazu lokale Organisationen wie BaBel Strings, Musikschule Stadt Luzern oder KlaMuLu (Klassenmusizieren in Luzern) stärker miteinander vernetzen. Erste Ideen für eine gemeinsame Vision werden vor dem Konzert in einer öffentlichen Podiumsdiskussion im stattkino Luzern vorgestellt.

Veranstaltungen

Das Superar-Orchestercamp findet statt im Rahmen von Lucerne Festival im Sommer, das am Freitag eröffnet wird.

Young Familienkonzert mit dem Camp Orchester: Samstag 18. August, 14.30 Uhr, Konzertsaal KKL,

Podiumsdiskussion über das Camp (freier Eintritt): 12.30 Uhr, Stattkino Luzern.

www.lucernefestival.ch

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