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MUSIKTHEATER: «Der Körper wird zum Kriegsgebiet»

«Anschlag» von Lukas Bärfuss und Michael Wertmüller greift das Thema Revolution des Lucerne Festival auf: Schauplatz ist der verletzbare Körper.
Interview Urs Bugmann
Lukas Bärfuss: «Man muss lange Wege gehen.» (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Lukas Bärfuss: «Man muss lange Wege gehen.» (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Lukas Bärfuss, Sie schrieben für Michael Wertmüller das Libretto zu Ihrem gemeinsamen Projekt «Anschlag» für das Lucerne Festival. Das Werk setzt sich mit dem diesjährigen Festivalthema Revolution auseinander. Was war Ihr Ansatzpunkt für den Text?

Lukas Bärfuss: Es waren Äusserungen von Jean-Jacques Rousseau, die er über seine eigene Krankheit, seine Schwäche und Hinfälligkeit machte. Das war der Anlass, um im Hinblick auf die Revolution über das Verhältnis zum Körper nachzudenken.

Die aktuellen Revolutionen im arabischen Raum boten sich Ihnen nicht zuallererst an?

Bärfuss: Diese Ereignisse und Entwicklungen sind zu nah für die Literatur. Mich interessiert das Verhältnis des eigenen Körpers zum gesellschaftlichen Körper. Bei vielen Revolutionären, gerade aus der Zeit der Französischen Revolution, findet sich häufig eine ausgesprochene Überempfindlichkeit gegenüber dem eigenen Körper. Ich stellte mir die Frage, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Bewusstsein für die eigene Krankheit und der Einsicht in die Notwendigkeit, die bestehende Ordnung zu verändern.

Ihren Ausgangspunkt fanden Sie bei Rousseau. Lassen sich seine Erfahrungen auf die Gegenwart übertragen?

Bärfuss: Wir haben heute ein anderes Verhältnis zum Körper. Wir greifen auf ihn zu, verändern und manipulieren ihn in einer Weise, die für Rousseau und seine Zeitgenossen undenkbar war. Umgekehrt hielt er die Gesellschaft in einem viel grösseren Masse für veränderbar, als die meisten von uns zu träumen wagen. Meine Frage war, ob es zwischen diesen Konzepten einen Zusammenhang gibt.

Ihr Libretto ist ein Sampling, das Texte aus zwei Jahrtausenden vereint, von der Bhagavad Gita bis Linda Lovelace, dem Star früher pornografischer Filme. Was sind das für Texte?

Bärfuss: Im Zentrum stehen Saint-Just, der fanatische Terrorfürsprecher, Jean-Paul Marat, der Revolutionär, der zuvor Wundarzt war, Albrecht von Haller, der die Reinheit der Alpen besang und grausame Tierversuche durchführte. Zu Wort kommt auch die Hofdame Marie-Louise Lamballe, die in der Französischen Revolution gelyncht und deren nackter Leichnam grausam zur Schau gestellt wurde.

Wie gingen Sie bei Ihrer Arbeit vor, ergab sich eines aus dem anderen?

Bärfuss: Es brauchte viel Lektüre und Versuche, bis alles zusammenkam und der eine Begriff zum anderen führte. Oft sind es lange Wege, die man gehen muss, bis man an Orte hinkommt, an denen man sich nicht auskennt. Meistens sind es Seitenwege, von denen ich nicht weiss, wohin sie führen. Dieses Unsichere und das Risiko mag ich. Ich probiere gerne Dinge aus, in denen ich ein Neuling bin.

So war auch das Schreiben eines Librettos für Sie Neuland?

Bärfuss: Es ist erst das zweite Libretto, das ich verfasst habe. Davor liegt nur die «Zimmerstunde», ein Text für Daniel Fueter, der sich aber in ganz anderen Gefilden bewegt hat.

Wie sah die Zusammenarbeit mit dem Musiker Michael Wertmüller aus?

Bärfuss: Ich kenne seine Musik von früher und bin begeistert von seiner Arbeit. Wir haben uns zusammengesetzt, viel geredet, haben Musik gehört und uns Assoziationsräume erschlossen.

Ein Libretto verlangt vom Autor ein besonderes Mass an Form und Strenge. Wie sind Sie damit umgegangen?

Bärfuss: Durch die Einschränkung der Form ergab sich im Gegenteil eine Befreiung. Natürlich habe ich mir die Zähne ausgebissen an den formalen Dingen, vor allem den Motivspiegelungen, die dem Text seine Struktur geben. Aber darin liegen die Herausforderung und der Spass.

Die Strenge als Befreiung ist auch Kern der Textstelle, mit der Sie Linda Lovelace zitieren. Wie kamen Sie auf sie?

Bärfuss: Sie war eine faszinierende Figur: Von der Unterstützerin und Akteurin der Pornografie hat sie sich zur Kämpferin dagegen gewandelt. Und es gibt in der Pornografie eine gewisse libertäre Tradition, die viel mit der Revolutionsthematik zu tun hat.

Aber inzwischen ist doch die Sexualität kein revolutionäres Feld mehr?

Bärfuss: Bei aller Offenheit, mit der von Sexualität gesprochen wird, und obwohl sie eine derart grosse Rolle spielt, leben wir in sehr prüden Zeiten. Der Eros hat heute selten die Kraft der Befreiung von den gesellschaftlichen Fesseln.

Obwohl man erwarten könnte, Revolution sei ein soziales Phänomen, behandeln Sie sie von einem extrem individuellen Standpunkt aus. Wieso?

Bärfuss: Es sind die Körper, an denen das Geschehen greifbar wird. Schon bei Marat und Haller ist die Vorstellung von der Heiligkeit des Körpers nicht mehr vorhanden: Der Körper wird zum Kriegsgebiet und Schlachtfeld. Auf der einen Seite liegt darin eine ungeheure gestalterische Kraft, auf der anderen Seite drohen ständig der Exzess und das Totalitäre.

Ist die strenge Form, der sich der Librettist unterwerfen muss, auch ein Schutz gegen den Exzess?

Bärfuss: Die Verantwortung zur Dichte und Stringenz ergibt sich vor allem daraus, dass der Text gesungen wird. Durch das Singen ist auch der Bezug zum Körper hergestellt. Der Text geht direkt durch den Körper. Davon handelt «Anschlag» letztlich: Die Überwindung eines Systems verlangt eine Skrupellosigkeit gegenüber dem Körper bis hin zur Massakrierung.

Hinweis

Lukas Bärfuss wurde 1971 in Thun geboren. Er schrieb Theaterstücke wie «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern», «Der Bus», «Alices Reise in die Schweiz» und «Öl». 2012 wurde am Schau- spielhaus Zürich «20 000 Seiten» uraufgeführt. 2008 veröffentlichte Lukas Bärfuss den Roman «Hundert Tage», der sich mit dem Völkermord in Ruanda und der Rolle der Entwicklungshilfe auseinandersetzt. «Anschlag» von Michael Wertmüller und Lukas Bärfuss wird am Samstag, 17. August, 11 Uhr in der Schüür, Tribschenstrasse 1, Luzern, uraufgeführt (Lucerne Festival, Moderne 1). Die Sängerinnen Clara Meloni, Anne-May Krüger und Ruth Rosenfeld werden von Instrumental- solisten und Steamboat Switzerland begleitet. Szenische Realisierung: Marie-Thérèse Jossen und Georges Delnon, Dirigent Titus Engel.

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