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MUSIKTHEATER: Sturzflug um die Harfensonne

Philoso­phische Dispute als Stoff für einen Musiktheaterabend? Das Luzerner Ensemble Zarin Moll erschuf mit zwei Tänzerinnen eine neue Welt.
Spannung zwischen Musik und theatralischem Ausdruck, aber auch zwischen barocker Rhetorik und moderner Technologie. (Bild: Boris Bürgisser)

Spannung zwischen Musik und theatralischem Ausdruck, aber auch zwischen barocker Rhetorik und moderner Technologie. (Bild: Boris Bürgisser)

Urs Mattenberger

Aller Anfang ist leicht, die allerletzten Stufen werden dagegen nur ganz selten erstiegen. So hatte einst Goethe die bekannte Volksweisheit vom vermeintlich schweren Anfang korrigiert. Und sein Wort wurde bestätigt am Samstag im Theaterpavillon Luzern. Denn das für seine innovativen Projekte bekannte Luzerner Ensemble Zarin Moll machte hier das Anfangen selber zum Thema. Und das mit einer gewagten Rezeptur.

Leben aus dem Leichenberg

Ausgangspunkt waren Schriften von Newton, Descartes und Kant, die den neuzeitlichen Wandel in der Auffassung von der Entstehung der Welt dokumentieren: weg vom erschaffenden Gott, hin zur «blinden Mechanik der Naturkräfte» (Kant). Die Sängerinnen Christina Boner und Corina Schranz, an der Harfe begleitet von Vera Schnider, unterlegten diese Texte barocken Chansons und Liedern von Purcell, Telemann oder Händel. Und die Zarin-Moll-Musikerinnen zogen die Tänzerinnen Maria Demandt und Fhunyue Gao bei, um solche Theorien vom Anfang des Universums sinnlich erfahrbar zu machen.

Auf dem Papier konnte man sich nicht vorstellen, wie das funktioniert. Aber dann war da eben dieser Anfang, der einem den Einstieg ganz leicht machte. Da liegen, verteilt im Raum und klinisch weiss gewandet, die Akteurinnen auf der Bühne herum. Wie noch tote Materie, realisiert man, wenn Corina Schranz – eine Göttin, eine Wissenschaftlerin beim Experiment? – die Körper über den Boden schleift und zum Leichenberg türmt, aus dem da ein Bein oder dort eine Hand herausragt, ohne dass man sie einem der Körper oder Köpfe zuordnen könnte.

Zeitgenössischer Barock

Wenn Schranz mit den Fingern ins Mikrofon schnippt, ist das zwar ein eindeutiger Anfang. Aber das rhythmisierte Knacken ab Band ist zugleich eine der musikalischen Endlosschleifen an diesem Abend, die für die Paradoxie einer Bewegung ohne Anfang und Ende stehen. Und sie löst die Körper behutsam aus der Leichenstarre und pocht ihnen Leben ein. Das Spiel beginnt.

Der sinnlich starke Anfang gab einem den Schlüssel in die Hand für das Verständnis des ganzen Abends, der immer wieder solche Anfangsprozesse erkundet. Wenn die Akteurinnen wie Planeten um die hell erleuchtete Harfensonne kreisen, ist etwa auf Anhieb klar, dass mit der Kunst der Mensch ins Zentrum rückt. Und wie gefährdet dieser beim Versuch ist, der Klangmaterie eine Form abzuringen, wird bedrängend erfahrbar, wenn Vera Schnider beim Präludieren (mit Händel) handfest gestört wird: Wie sie in allen möglichen und unmöglichen Stellungen weiterspielt, während ihr die anderen Akteurinnen das Instrument entgleiten lassen, bis sie buchstäblich zum Erliegen kommt, ist ein starker Höhepunkt an instrumentalem Theater.

So zieht sich die Leichtigkeit des Anfangens immer weiter. Sinnbild dafür, dass dieses ohnehin kein Ende hat, ist das Prinzip der ständigen Metamorphose. Dazu gehört, wie hier barocke Gesänge in live-elektronische Improvisationen übergehen – so nahtlos, dass barocke Vorhaltsdissonanzen, elektronisch eingefroren und verdichtet, zu scharf sirrenden zeitgenössischen Klängen mutieren.

Zänkischer Operndisput

Dazwischen aber kommt – zum Glück – doch auch die Barockmusik selber ungeschmälert zu ihrem Recht. Die glockenhellen und doch expressiven Stimmen von Schranz und Boner polieren jedes der Stücke zum Juwel. Und sie bringen gar das Kunststück fertig, ein Telemann-Duett in einen zänkischen Disput ausarten zu lassen, wie man ihn von Liebeshändeln in Barockopern kennt – nur dass sie sich hier Kants These und Antithese über die Begrenztheit (oder Unbegrenztheit) von Raum und Zeit um die Ohren schlagen. Das freilich ist einer der wenigen Momente, wo das Zusammenspiel von Musik und Texten klar nachvollzogen werden kann. Dass später gesprochene Passagen etwas aufgesetzt wirken und nicht ganz das professionelle Niveau des Abends erreichen, zeigt nur, wie schwer eben die allerletzten Stufen zu erklimmen sind.

Ein Tipp fürs Lucerne Festival

Das gilt hier nicht für das Ende, dem die ausdrucksstark ins Geschehen integrierten Tänzerinnen zum Rückzug in die verletzliche Intimität des Anfangs verhelfen. Mit alledem zeigt die Produktion, wie eine junge Musikergeneration, die mit dem Laptop so selbstverständlich vertraut ist wie mit barocker Affektrhetorik, einlöst, wonach Klassikveranstalter wie Lucerne Festival seit Jahren suchen. Neue Konzertformate? Auch insofern stand dieser Zarin-Moll-Abend – einmal mehr – für einen Anfang.

Hinweis

Nächste Aufführungen: Mi, 17. Februar, 20.30 Uhr, Stanzerei Baden; Do, 3. März, und Sa, 5. März, Theater Stok, Zürich.

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