Vor 50 Jahren starb Jimi Hendrix. Der Tod des Gitarren-Gottes beschäftigt bis heute

Verschwörungstheorien und abstruse Spekulationen begleiten sein Ableben am 18. September 1970. Der amerikanische Gitarrist war aber vor allem ein genialer Musiker, der seiner Zeit voraus war.

Stefan Künzli
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Jimi Hendrix 1968.

Jimi Hendrix 1968.

Photoshot / Hulton Archive

Hat er sich selbst umgebracht? Wurde er ermordet? Von seiner Freundin, seinem Manager, der Mafia oder vom FBI, das ihn für einen Sympathisanten der militanten Black Panther hielt? War es ein politischer Mord? Aber vielleicht ist er ja auch gar nicht tot! Vielleicht lebt er mit Jim Morrison und Janis Joplin auf einer einsamen Insel, wo er biologisches Gemüse anbaut! Wie schon bei anderen zu früh verstorbenen Rock- und Popstars wie Elvis, John Lennon oder den Mitgliedern des Club 27 (Robert Johnson, Brian Jones, Jim Morrison, Janis Joplin, Kurt Cobain und Amy Winehouse), die alle im Alter von 27 Jahren starben, ranken sich um den Tod von Jimi Hendrix abstruse Verschwörungstheorien. Auch der britische Autor Philip Norman geht in der neuen Biografie «Jimi» den Gerüchten nach, ohne sie wirklich zu beantworten.

Marcel «Jimi» Aeby, 64, der wohl fundierteste Schweizer Hendrix-Kenner, erteilt solchen Theorien und Spekulationen eine klare Absage. «Alles Humbug», sagt der Basler. «Hendrix hat vor 50 Jahren Alkohol und Schlaftabletten konsumiert und ist am 18.September 1970 an seinem Erbrochenen erstickt. Es war ein Unfall, eine Verkettung von unglücklichen Umständen. Hendrix war im falschen Moment am falschen Ort. Zu viel Tabletten, zu viel von allem», sagt Aeby dazu.

Jimi Hendrix in Aktion.

Jimi Hendrix in Aktion.

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Es war Liebe auf den ersten Ton

Aeby, der an der Schweizerischen Phonothek in Lugano arbeitet, hatte seinen Erweckungsmoment im Alter von 14 Jahren. «Es war Liebe auf den ersten Ton», sagt er. Es war der Song «Freedom» von «Cry Of Love», dem ersten Album nach Hendrix’ Tod, der es ihm angetan hatte. Er wusste damals nicht mal, dass Hendrix seit Monaten tot war. «Doch ich wusste: Ich will so werden wie er. Ich will genauso Gitarre spielen können», sagt er. 1987 gründete er das Trio «More Experience», das sich in Anlehnung an die Jimi Hendrix Experience der Musik des revolutionären Gitarristen verschrieben hat.

Für Aeby steht ausser Frage, dass Hendrix auch heute noch topaktuell ist. «Er war seiner Zeit voraus», sagt er, «und manchmal habe ich das Gefühl, dass er das auch heute noch ist». Und sowieso: «Wenn man heute wirklich gute Musik hören will, muss man schon etwas zurückgehen. Es wird heute wirklich viel zu viel Schrott produziert.»

Als der völlig unbekannte amerikanische Gitarrist im Herbst 1966 in London ankam, waren Beatles, Stones und The Who die Ikonen. Die Rolle der Gitarre begann sich in jenen Geburtsstunden des Rock zu wandeln. Die Engländer Eric Clapton, Pete Townshend, Jimmy Page und Jeff Beck führten die Gitarrenrevolution an, blieben aber immer relativ nahe am Blues. Der damals 24-jährige Hendrix stellte die in London herrschende Hierarchie auf den Kopf. «Die Gitarrenhelden waren schockiert», sagt Aeby. Der Wunderknabe experimentierte mit neuen Gitarrentechniken und Effektgeräten, Feedback, Wah-Wah-Pedalen, neuen Sounds und einer unerhörten Lautstärke. Dazu war er ein Bühnentier und Showman. «Er spielte den Gitarreros um die Ohren und zeigte ihnen den Meister», sagt Aeby. Die moderne Rockgitarre war geboren. Jimi Hendrix wurde zur Lichtgestalt der Hippie-Jugend, zur Galionsfigur des hedonistischen Lebensstils und zum musikalischen Wegbereiter für alles, was danach im Rock und Metal passierte.

Hendrix hat von seiner Hautfarbe profitiert

Aeby fasziniert vor allem seine Transformation vom Begleitmusiker und Rhythmusgitarristen bei Ike & Tina Turner, King Curtis und Little Richard zum Sologitarristen und Rockmusiker, der musikalisch keine Grenzen kannte und das Instrument neu definierte. Hendrix hatte seine Wurzeln im Blues und lernte in den USA seine Lektionen im Soul. Doch als er in London zu neuen Ufern aufbrach, erweiterte er den Blues. «Was er in Songs wie ‹Foxy Lady› oder ‹Purple Haze› machte, hatte mit dem zwölftaktigen Blues nur noch am Rand zu tun», sagt Aeby, «es war eine Explosion.»

Interessant ist für Aeby, dass der dunkelhäutige Hendrix den weissen Rock im Sturm eroberte; sein Einfluss auf die afro-amerikanische Musik auf den Motown-Sound und die schwarze Gemeinschaft blieb aber eher klein. «Seine Hautfarbe war in London sicher ein Vorteil», sagt Aeby. Clapton, Page und Peter Green orientierten sich an den schwarzen Blues-Göttern und huldigten ihre Vorbilder, allen voran die drei Könige: B.B., Freddy und Albert King. Hendrix war nicht nur einfach der Beste, für die britischen Gitarristen und das britische Publikum war er aufgrund seiner Hautfarbe auch authentischer als die bleichen Gitarristen. Hendrix war der erste schwarze Rockstar im weissen Pop. «Hendrix war ein einzigartiges Gesamtkunstwerk. Vergleichbar mit Mozart. Ein kreativer Mensch, bei dem einfach alles stimmte», sagt Aeby.

Hendrix hatte keine spezielle Beziehung zur Schweiz. Doch auch die damals besten Gitarristen der Schweiz wie Walty Anselmo und Dany Rühle liessen sich von ihm inspirieren. Dazu war das Monsterkonzert mit Hendrix Ende Mai 1968 im Hallenstadion Zürich für die Entwicklung der Rockmusik in der Schweiz ein ähnlicher Schlüsselmoment wie ein Jahr zuvor der Skandalauftritt der Rolling Stones am selben Ort. Damals setzte sich die Rockmusik auch in der Schweiz langsam durch.

Das lange Warten auf den Heiligen Gral

Von Jimi Hendrix ist im Laufe der Jahre immer neues Material aufgetaucht. Unzählige Konzertmitschnitte wurden veröffentlicht und nicht alles ist wirklich lohnend. Seit nunmehr 50 Jahren warten die Hendrix-Fans aber auf die Veröffentlichung seines Konzerts in der Royal Albert Hall vom 24. Februar 1969. Rechtliche Auseinandersetzungen haben dies verhindert. «Die einen hatten die Rechte auf dem Sound, die anderen die Rechte auf dem Film», sagt Aeby. Die Hendrix-Familie hat den Film im letzten Jahr einem ausgewählten Publikum in der Royal Albert Hall gezeigt, was gemäss Aeby Hoffnungen auf eine Veröffentlichung zum diesjährigen Weihnachtsgeschäft nährte. Der Konzertfilm ist der «Holy Grail» der Hendrix-Fans, sagt Aeby, der bisher auch nur Ausschnitte gesehen hat, «es soll der absolute Wahnsinn sein».

Jimi eröffnete mir eine neue Welt

«Stellt dieses Gejaule ab!» Der Befehl des Geografielehrers an unser Grüppchen, das auf der Schulhaustreppe gebannt um ein Kassettengerätli hockte, war klar. Dass der Kollege den Lautstärkeregler dann auf- statt zudrehte, liess den Lehrer zornig, uns aber freudig ekstatisch aufjucken. Welches Stück und ob es 1968 oder 1969 war, weiss ich nicht mehr, aber es waren die ersten Töne von Jimi Hendrix, die meine Ohren erreichten. Ich war hin und weg. Ich, die brave Bezirksschülerin vom Land, hatte zuvor nichts Vergleichbares gehört. Die jaulende, schluchzende, knatternde Gitarre, die Sehnsucht und der heilige Zorn in der Stimme von Jimi Hendrix betörten uns. Das war es doch, was irgendwie in uns schlummerte. Von Kassettenrekorder zu Kassettenrekorder wurden «Hey Joe» und «Voodoo Child», «Purple Haze» und «The Wind Cries Mary» geteilt. Ehrlich gesagt, ohne zu verstehen, was Jimi sang (wir hatten ja noch kein Englisch) – und in lausigster Qualität. Aber es reichte, damit es zu Hause hiess: «Dieser Lärm! Türe zu!» Ich ersparte mir eine richtige Kassette, entwirrte immer wieder den Bandsalat... Von Jimi Hendrix kam ich zu Janis Joplin (eine Wucht!). Ich trauerte um beide, wusste nun, dass es Drogen gab. Ich sang «She Is An Easy Rider» und mit Bob Dylan «Blowin’ In The Wind», fand bald Vietnam-Demos nötig und Che Guevara prima... Das alles im Gegensatz zu meinen Eltern und Lehrern. Die sorgten sich wahrscheinlich um mich, aber für mich waren nun «Foxy Lady» und vor allem «Freedom» angesagt. Sabine Altorfer

Hendrix Total

Links zum Monsterkonzert 1968: www.monsterkonzert.ch monsterkonzert.blogspot.com www.more-experience.com Neustes Album: Jimi Hendrix: Songs For Groovy Children: The Fillmore East Concerts. 5 CD Box-Set. Mehr als fünf Stunden Musik der legendären Auftritte in New York 1969–1970. Neustes Buch: Philip Norman: Jimi– Die Hendrix-Biografie (Piper). Ausstellung: Jimi Hendrix - Voodoo Child. L’Unique House Of Rock, Rockgallery Basel.