ANALYSE
Shitstorm um Sandro Brotz: Warum der Moderator mit seinem Rückzug aus dem Social-Media-Echoraum nur verlieren kann

Nach heftigen Reaktionen auf seinen polemischen Tweet gegen die Anti-Corona-Demonstranten in Liestal zieht sich Sandro Brotz von allen Social-Media-Plattformen zurück. Setzt der «Arena»-Moderator damit das richtige Signal?

Julia Stephan
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Zieht sich aus Selbstschutz aus den Sozialen Medien zurück: SRF-Moderator Sandro Brotz.

Zieht sich aus Selbstschutz aus den Sozialen Medien zurück: SRF-Moderator Sandro Brotz.

Oscar Alessio/ SRF

Sandro Brotz hat sich Ferien verordnet. Zwangsferien von Social Media. Seine Community auf Facebook liess er wissen:

Mit dem dem Hashtag «twoff» meldete er sich auch bei Twitter ordentlich ab.

Der Grund: Brotz ist in einen Shitstorm geraten, der seit einigen Tagen nicht abflachen will. Der «Arena»-Moderator hatte als Reaktion auf die Anti-Corona-Demo in Liestal die rund 6000 Demonstrationsteilnehmer auf seinem Twitter-Account mit einem Tweet frontal attackiert:

Die «Weltwoche» machte Brotz’ Statement ausserhalb der Twitter-Blase publik. Die Antworten kamen postwendend: Aufgebrachte Teilnehmer der Demo beschimpften ihn als «Kotzbrotz» und «Flachwixxer» und bezeichneten ihn als Marionette des Staatsfernsehens. Brotz sammelte die Wutkommentare und machte sie öffentlich. Das machte den Shitstorm erst recht zum Orkan.

Aufmerksamkeitsgenerierung erster Güteklasse

Wer die Plattform Twitter wie der Satiriker Gabriel Vetter nicht als politisches Sprachrohr, sondern als ästhetisches Medium begreift, auf dem man mit politischen Ansichten und Identitäten lustvoll Verwirrung und Ärger stiftet, der muss Brotz zu seinem polemischen Flat-Earther-Vergleich eigentlich gratulieren. Der Tweet ist ein Musterbeispiel für Aufmerksamkeitsgenerierung erster Güteklasse. Er verfehlte seine Wirkung nicht.

Unklar bleibt, ob der Medienprofi Brotz mit seinem provokanten Tweet gezielt eine seiner möglichen «Arena»-Debatten zum Thema «Hass im Netz» in Startposition bringen wollte, oder ob sein Tweet tatsächlich die spontan geäusserte persönliche Verärgerung eines Privatmannes transportierte, wie er in einem Interview auf dem Portal Watson erklärt. Ungeschickt war der Tweet so oder so, weil er ein Pauschalurteil über eine gesellschaftliche Randgruppe fällt, die sich von den Medien ohnehin zu wenig ernst genommen fühlt. Dass ihre Zusammensetzung komplexer ist als der flache Flat-Earther-Vergleich, hat der Moderator im selbigen Interview inzwischen zugegeben.

Dass Brotz sich nun mit der Begründung des Selbstschutzes ganz aus dem Netz zurückzieht, anstatt mit einer die eigene Rolle reflektierenden Online-Entgegnung der aufgehetzten Meute Dialogbereitschaft zu demonstrieren, ist eine verpasste Chance ein Vorbild für die Gesellschaft zu sein und gibt denjenigen Recht, die Brotz schon lange fehlende Kritikfähigkeit und Überheblichkeit attestieren. Dabei hätte eine solche Geste grössere Signalwirkung gehabt, als ein Satz wie «Darüber müssen wir reden», der demnächst wohl wieder routiniert in einer «Arena»-Sendung fallen wird.

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