Interview

Harfenist Andreas Vollenweider glaubt, dass Musiktherapie die Medizin revolutionieren könnte

Andreas Vollenweider gibt nach fast zehn Jahren Pause sein Comeback mit neuer Musik und dem Romandebüt «Im Spiegel der Venus».

Stefan Künzli
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Andreas Vollenweider an der Harfe in seinem Chalet am Zürichberg.

Andreas Vollenweider an der Harfe in seinem Chalet am Zürichberg.

Bild: Henry Muchenberger

Der berühmte Harfenist Andreas Vollenweider empfängt uns in seinem Chalet in Zürich, das von so vielen Bäumen umgeben ist, dass wir uns im Wald wähnen − und das in Zürich.

Wie halten Sie es mit Corona?

Andreas Vollenweider: Ich nehme es sehr ernst. Ich muss, denn ich habe ein Problem mit meinem Immunsystem. Die Ärzte haben mich eindringlich gewarnt. Wenn ich das Virus einfange, dann muss ich mich abmelden. Deshalb bin ich vorsichtig.

Vor fast 10 Jahren haben Sie sich zurückgezogen. Wieso eigentlich?

Das Konzert am Montreux Jazz Festival 2011 war ein würdiger Abschluss. Für mich war das der richtige Zeitpunkt, mich etwas anderem zuzuwenden. Da gab es etwas, das mich seit der Kindheit beschäftigte. Fragen, die mich oft nicht haben schlafen lassen. Es sind für mich die Fragen aller Fragen. Schreiben war für mich immer eine Möglichkeit, komplexere Themen und Gedanken zu verarbeiten. Da war nie etwas für die Veröffentlichung gedacht. Dann hat sich immer mehr eine Geschichte entwickelt, von der ich dachte, dass andere sich dafür interessieren könnten. Daraus wurde der Roman «Im Spiegel der Venus».

Was sind diese Fragen aller Fragen?

Ich wollte die Anatomie der Wirklichkeit verstehen. Wieso ist es, wie es ist? Was macht die Dinge, zu dem, was und wie sie sind? Wo ist der Anfang vom Anfang vom Anfang. Zu diesen Fragen fand ich nirgends eine Antwort, weder bei der Wissenschaft noch bei der Philosophie, und erst recht nicht bei den Religionen. Wo beginnt die Wirklichkeit? Denn was wir wahrnehmen, ist nicht der Anfang. Wenn wir etwas wahrnehmen, ist es schon da.

Zur Person

Andreas Vollenweider – Harfenist

Andreas Vollenweider – Harfenist

Der Zürcher Harfenist, 66, feiert als einer der wenigen Schweizer Musiker Erfolge auf der ganzen Welt. 1987 wurde er mit einem Grammy geehrt. «Im Spiegel der Venus» heisst sein erster Roman, in welchem er die drängenden Fragen der Wirklichkeit ergründet. Dabei geht es um die Kraft der Imagination und der Musik. Gleichzeitig erscheint das Album «Quiet Places» mit der Cellistin Isabel Gehweiler und Schlagzeuger Walter Keiser. Der Themenkreis des Buches und das Album haben sich gegenseitig inspiriert. (sk)

Wie war Ihre Vorgehensweise?

Als Autodidakt bin ich nie durch die akademischen Mühlen gegangen. So geniesse ich das Privileg der Vogelperspektive, die einen erweiterten Blick auf die Zusammenhänge öffnet. Für mich war die Schule reine Folter, sterbenslangweilig, Zeitverschwendung. Ich musste und wollte immer alles zuerst selbst herausfinden, die Rätsel selbst lösen können. Das war in der Musik genauso wie jetzt beim Schreiben. Diese Vorgehensweise ist unglaublich spannend. Erst wenn ich geglaubt habe, den Fisch gefangen zu haben, habe ich die entsprechende Literatur, aber auch gestandene Naturwissenschafter, Philosophen, Historiker und Theologen konsultiert, um zu schauen, wie sie auf meine Thesen reagieren.

Wieso in der Form eines Romans?

Ich habe versucht, diese hochkomplexen Themen so unterhaltsam und spannend und vor allem so unakademisch wie möglich in einer Geschichte zu verpacken. Da geht es um ein cellospielendes Kind, welches mit seiner ungewöhnlichen Musik die Menschen sehr tief zu berühren vermag, es kommt sogar immer häufiger vor, dass Schwerstkranke Heilung erfahren. Natürlich liegt ihm die Welt bald zu Füssen als der neue Messias. Er aber will und muss verstehen, was hinter dieser Wirkung steht und macht sich auf die Suche. Wir begleiten ihn auf dem schwierigen Weg zum Erwachsenen und erleben dabei, wie sich dieses Rätsel immer mehr enthüllt, das Rätsel um das Entstehen von Wirklichkeit.

Woher kommen Ihre Zweifel an der Wirklichkeit?

Ich hatte nicht Zweifel an der Wirklichkeit, aber ich wusste, dass die gängigen Erklärungen im besten Fall unvollständig sind. Alle spirituellen Modelle, selbst das des Buddhismus haben einfach zu viele Ungereimtheiten. Es braucht keine Kirchen, Tempel oder Statuen, keinen Prunk. Es geht darum, die spirituelle Kraft der Wirklichkeit im Leben selbst zu entdecken, in jeder Begegnung, in jedem Erleben der Natur. Diese Kraft muss nicht beeindrucken.

Welche Rolle spielt dabei Musik?

Sie kann uns helfen, aus der dominanten Welt des Verstandes mit Raum und Zeit hinauszutreten, sie führt uns ins Jetzt, in die reine Gegenwart. Und das ist der einzige Moment, der verbindlich und wirklich ist. Musik verkörpert das Jetzt wie nichts sonst. Ein bereits gespielter Ton, ist nicht mehr hörbar. Und ein noch nicht gespielter Ton ist noch nicht hörbar. Vergangenheit ist Erinnerung und Zukunft ist Projektion. Wenn wir in die Musik hinein sinken, sind wir ganz im Jetzt. Das ist tiefgreifend wohltuend, ja sogar heilsam.

Im Buch geht es um die Kraft und Macht der Musik. Hat sie wirklich auch heilende Wirkung?

Musik wirkt indirekt über Resonanzen in unserem seelischen Bereich, in den tiefen Emotionen. Ich hatte 2014 die Gelegenheit, bei einem Forschungsprojekt des Bundes mit der Universität Genf mitzumachen, welches diese These erstmals auch wissenschaftlich belegen konnte. Es geht um Frühgeburten, die durch den enormen Stress ihrer Situation unter Störungen leiden, die teilweise lebenslange gravierende emotionale, kognitive und soziale Defizite verursachen. Es war meine Aufgabe, eine Klangwelt zu schaffen, die einerseits eine Tiefenentspannung ermöglicht, andererseits aber durch sparsam eingesetzte Geräusche, Töne und Effekte die Aktivität des Gehirns der Kinder anregt und damit auch dessen Entwicklung. Die fünfjährige Doppelblindstudie hat ergeben, dass jene Babys, die dreimal täglich diese Klänge hörten, signifikante Verbesserungen zeigten bis hin zu einer normalen Entwicklung.

Andreas Vollenweider: «Im Spiegel der Venus»Midasverlag430 Seiten, franz. Broschur.

Andreas Vollenweider:
«Im Spiegel der Venus»
Midasverlag
430 Seiten, franz. Broschur.

Veröffentlichung: Anfang Oktober 2020

Wie tönt diese Musik?

Das ist natürlich eher funktionale Musik. Sie lässt sich nicht vergleichen mit meinen bisherigen Arbeiten. Es sind schwebende Klänge aus Hunderten von wandernden Obertönen aus menschlichen Stimmen, die eine tiefe Entspannung bewirken. Die Ergebnisse haben alle Erwartungen übertroffen und in der Fachwelt grosse Begeisterung ausgelöst. Das «National Geographic Magazine» hat das Resultat als eine der zwölf wichtigsten Innovationen der Medizin aufgeführt, die die Medizin der Zukunft revolutionieren werde. Das sind natürlich schon grosse Worte, aber wir sind auf dem Weg.

Im Ihrem Roman geht’s aber schon weiter. Blinde können plötzlich wieder sehen, Gelähmte können wieder Gehen.

Im Roman ist das vielleicht eine fiktionale Überhöhung, vom Prinzip her ist es aber durchaus realistisch. Auch wenn ich nicht allein mit Musiktherapie einen Beinbruch zu heilen versuchen würde, so ist die Wirksamkeit einer emotionalen Erfahrung als therapeutische Methode heute unbestritten. Als wir vor sechs Jahren mit dem Frühgeburten-Projekt begannen, konnten wir uns dieses Resultat auch nicht vorstellen.

Wie muss Musik klingen, damit sie positiv wirkt?

Jede Musik hat verschiedene Wirkungen. Unsere Musik soll, ganz schlicht, eine positive Wirkung entfalten, sie soll ein Glücksgefühl auslösen, so soll ein Gegengewicht sein zum scheinbar dominierenden Dunklen, sie soll Kraft und Motivation geben. Auch für mich selbst. Schon in meiner Kindheit war Musik für mich eine Überlebensstrategie in der Welt der Schule, die ich als brachial, demotivierend und uninspirierend empfand, die meine individuelle Entwicklung sabotierte und meine Zeit verschwendete. Jeden Tag, nach der Schule, rannte ich jeweils sofort nach Hause, um während zwei Stunden am Klavier meine Welt wiederaufzubauen.

Die Haltung ist entscheidend, sagen Sie. Welche Wirkung haben denn die extremen Spielarten des Metal, die sich den dunklen Seiten der Menschheit widmen?

Ich beschäftige mich auch stark mit diesen dunklen Seiten. Entscheidend ist aber, wofür du dich bekennst. Für mich ist klar, dass diese Musik eine negative Wirkung entfaltet. Das ist ähnlich wie bei brutalen Shootergames.

Es gibt aber wissenschaftliche Studien, die vom Gegenteil ausgehen, von einer beruhigenden Wirkung.

Vielleicht ist es nicht das Game oder die aggressive Musik allein. Aber ein negatives Umfeld oder negative Erfahrung, die zusammen mit der Musik eine negative Einstellung bewirkt.

Sie sind ein ewig Fragender und Hinterfragender? Hinterfragen Sie auch den Corona-Virus?

Da gibt es doch keinen Grund zu zweifeln. Ich kenne Leute, die sehr schwer krank wurden. Es mag sein, dass gewisse Massnahmen etwas übertrieben waren. Am Anfang, als man noch nichts wusste. Aber jetzt macht es doch wirklich keinen Sinn, sich militant dagegen zu wehren und in allem sogar eine Bedrohung der Demokratie zu sehen. Das ist das System der 68er Jahre, welches auf dem Schaffen von Feindbildern aufbaut. Da sollten wir doch langsam herausgewachsen sein. Unser System mag träge und langsam sein, aber genau das schützt uns vor uns selbst, auch wenn es manchmal politisch nerven kann.

Wie viel von Armando, der Hauptfigur im Roman, steckt in Ihnen?

Ich bin ziemlich ähnlich aufgewachsen wie mein Protagonist. In einer hochinspirierenden, hochanregenden Umgebung. Ich hatte zwei wunderbare und inspirierende Mentorinnen. Da war einerseits meine Mutter, sie förderte die kindliche Welt der Fantasie in mir. Aber es gab auch eine ältere Dame in meinem Umfeld, die ich täglich besuchte und die mich in die geistigen Dinge, die Philosophie, die Geschichte, das Theater, die Literatur und die verschiedenen spirituellen Lehren einführte. Durch meinen Vater Hans Vollenweider, selbst Musiker und Komponist, habe ich erfahren, wie Musik uns Zugang zu unserem tiefsten Inneren verschaffen kann, da nur Musik es versteht, unseren dominanten Verstand zu einer Pause zu verführen.

Sie haben 1987 den Grammy in der Kategorie New Age erhalten. Stört es Sie eigentlich, wenn man Sie als New Age-Musiker bezeichnet?

Heute kommt dies zum Glück nicht mehr oft vor. Aber sagen wir es so: Im Jahr vor uns hat Peter Gabriel den Grammy in dieser Kategorie gewonnen. Ein Jahr danach der Jazzmusiker Yusef Lateef. In dieser Gesellschaft fühle ich mich durchaus wohl. Aber natürlich, diese Kategorisierung hat nie gepasst, hat uns in der Folge massiv eingeschränkt und doch auch viele Leute abgeschreckt und ausgeschlossen.

Andreas Vollenweider gewann auch schon einen Lifetime Award bei den Swiss Music Awards.

Andreas Vollenweider gewann auch schon einen Lifetime Award bei den Swiss Music Awards.

Bild: Keystone

Erzählen Sie mir etwas von Ihrer neuen Musik, die sie in Anlehnung an ihr Buch komponiert haben.

Es ist kein Soundtrack zum Buch. Der Themenkreis des Buches und das neue Album-Projekt «Quiet Places» mit der Cellistin Isabel Gehweiler haben sich gegenseitig inspiriert.

Wie wichtig ist die Improvisation?

Sie ist zentral. Daraus entsteht die Musik und selbst an Konzerten ist rund 70 Prozent improvisiert. Ich schreibe die Musik ja nicht auf und vergesse oft, was wir abgemacht haben. Das ist manchmal nervig für meine Mitmusiker.

Wie ist Ihre neue Musikpartnerin Isabel Gehweiler?

Sie ist einfach unglaublich. Ich habe noch selten so eine feinfühlige Musikerin kennen gelernt. Sie spürt mich und auch ich fühle genau, wohin sie will. Dabei kommt sie von der klassischen Musik und gibt auch klassische Konzerte. Umso erstaunlicher ist es, wie frei sie musizieren kann.

Sind Sie gläubig?

Ich bin überzeugt, dass Gott eine Erfindung des Menschen ist. Also nicht er hat die Menschheit erschaffen. Wir haben ihn erschaffen, weil wir es nicht ertragen können, dass wir für alles verantwortlich sind.

Interessant ist, dass sie im Roman Buddhismus mit Voodoo verknüpfen.

Ein Verknüpfen ist gar nicht nötig, denn auch in der kreolischen Spiritualität braucht es eine geistige Initiation, damit etwas bewirkt wird. Schade finde ich, dass Voodoo oft mit negativen Kräften und Hexerei in Verbindung gebracht wird. Aber man kann die berühmte Puppe ja auch zum Heilen benutzen. Man kann das alles belächeln, aber es ist eine Tatsache, dass es einer Pflanze besser blüht, wenn du sie nett behandelst.

Was ist stärker? Der Gedanke oder die Musik?

Das kann man so nicht sagen. Musik ist die Umgebung und der Gedanke die Aktion in dieser musikalischen Umgebung. Musik gibt dem Gedanken Kraft und unterstützt ihn. Meine Musik soll glücklich machen, aber mein Glücksgefühl soll tiefer gehen als jene von Helene Fischer. Sie strebt eine Glückseligkeit an. Ich glaube an die grenzenlose Tiefe des Menschen und ich weiss, dass wir nur einen kleinen Teil dieser Tiefe bewirtschaften. Ich möchte gern dazu beitragen, dass Leute das überhaupt entdecken. Denn dort in der Tiefe passiert’s. Dort ist der Anfang vom Anfang vom Anfang.

Tipp
«Im Spiegel der Venus» (Midas), 416 Seiten.
«Quiet Places» mit Isabel Gehweiler und Walter Keiser.

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