Die Autobahn: Früher vom Menschen angehimmelt, ist sie heute für viele ein notwendiges Übel

In den 1960er-Jahren bewarb man in Hergiswil noch Luxuswohnungen mit Blick auf die Autobahn. Heute würden sich die meisten Menschen diese einst als Panoramastrassen verklärten Transportwege lieber unter die Erde wünschen.

Julia Stephan
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Adélaïde Leroux zeigt als älteste Tochter Judith den Autos im Film «Home» den Stinkefinger. (Bild: Outside the Box/PD)

Adélaïde Leroux zeigt als älteste Tochter Judith den Autos im Film «Home» den Stinkefinger. (Bild: Outside the Box/PD)

Neben einer halbfertigen Autobahn geniesst eine fünfköpfige Familie im Film «Home» (2008) von Ursula Meier ein anarchisches Familienleben. Die Freiheit wird beim Hockeyspiel auf der Autobahn mit der Zigarette im Mundwinkel zelebriert. Bis die Leitplanken eines Tages geschlossen werden und der Verkehr sich fortan wie eine bedrohliche Schlange durch die unberührte Landschaft wälzt. Die Autobahn trennt die Kinder bald nicht nur von ihrem Schulbus, der auf der anderen Seite der Autobahn jeden Morgen auf sie wartet. Sie trennt die Familienmitglieder auch ideologisch, bringt mit ihrem Lärm Unruhe ins Familiengefüge und ihren Rhythmus völlig durcheinander.

Autobahnbau beim Obkirchen-Viadukt in Hergiswil, 1961 – die Strasse als Nachbar. (Bild: Staatsarchiv Nidwalden, Sammlungen, OD 2/63)

Autobahnbau beim Obkirchen-Viadukt in Hergiswil, 1961 – die Strasse als Nachbar. (Bild: Staatsarchiv Nidwalden, Sammlungen, OD 2/63)

Die Zeitung «Vaterland» sah die Autobahn Jahrzehnte vor dem Gotthard-Stau noch aus einer anderen Perspektive. 1955 veröffentlichte sie eine Sonderbeilage anlässlich der Eröffnung des ersten Autobahnabschnitts der Schweiz zwischen Luzern und Ennethorw. Die Autobahn böte sich in ihrer Ausführung dem Beschauer heute schon mit einer «solchen naturverbundenen Selbstverständlichkeit dar», als hätte sie «von jeher bestanden», schwärmte das Blatt. Und weiter: Die «harmonische Linienführung» habe die betroffene Landschaft «nicht nur nicht verschandelt, sondern geradezu bereichert.» Weich und sanft gleite man dahin und bedenke «die reizende Landschaft, die sich den Blicken bietet, mit herzlicher Bewunderung.»

Sonntägliche Spazierfahrten auf der Autobahn

Die Autobahn als Panoramastrasse, die dem Fahrer ungewohnte Ausblicke auf die Schweiz beschert – so interpretierten den Asphalt in den 1950er- und 1960er-Jahren noch viele Automobilisten, die sonntägliche Spazierfahrten unternahmen. Ungebremst, versteht sich. Denn eine verbindliche Geschwindigkeitsbegrenzung wurde in der Schweiz 1973 testweise, definitiv aber erst 1976 ein­geführt. Auf der ersten Autobahn der Schweiz teilte man sich den Asphalt damals noch mit Velofahrern auf dem separierten Velostreifen, Pferdefuhrwerken und Landwirtschaftsmaschinen. Auch wenn durch eine polizeiliche Verfügung untersagt, überquerten zudem Passanten diese vierspurige, richtungsgetrennte Strasse zuweilen auf eigenes Risiko.

Das Museum im Bellpark in Kriens hat die Eröffnung des ersten Autobahnabschnitts der Schweiz 1999 in einer Ausstellung thematisiert. In der Begleitbroschüre ist nachzulesen, wie bei der Eröffnung der Autobahn, die damals noch nicht so hiess – das Schweizer Volk stimmte erst 1958 dem Bau eines Nationalstrassennetzes zu - die «Privatautokolonnen» der geladenen Gäste im Schneckentempo fuhren, begrüsst von Zuschauern mit Blumen, Musik und Gesang.

Der ehemalige Kantonsingenieur von Nidwalden, Reto Zobrist (86), kann sich noch gut an die euphorischen Autobahnabschnittseröffnungen der Gründerzeit erinnern: «Da kam auch mal eine schöne Hostess mit dem Fallschirm angeflogen, die dem Bundesrat dann feierlich die Schere zum Durchtrennen des Bandes überreicht hat.» Ebenso erinnert sich Zobrist an die Zeitungsannoncen, welche Luxuswohnungen in Hergiswil mit Blick auf die Autobahn anpriesen. Man wollte den Puls der Verkehrsadern spüren und unterhalten werden.

Tatsächlich zogen solche Angebote zu Beginn zahlkräftige Käufer in die Gemeinde mit den tiefen Steuern und der schönen Seelage. «Die Menschen haben teilweise sieben Meter von der Autobahn weg gewohnt und die Autos beobachtet», erinnert sich der in Hergiswil lebende Architekt Hans Reinhard. An der Landsgemeinde, so Reinhard, habe man damals davon gesprochen, man wolle im Kanton Nidwalden die schönste Autobahn der Schweiz bauen. Die Vorlage wurde schliesslich angenommen.

Auf die Strasse gehen für einen Autobahnanschluss

Mit dieser Euphorie waren die Hergiswiler nicht allein. Überall in der Schweiz sehnte man sich nach diesen schnellen Strassen, auf denen das Ausland die Schweiz längst überholt hatte. In manchen abgelegenen Tourismusregionen gingen die Menschen für einen Autobahnanschluss sogar auf die Strasse. Mancher Kantonsrat setzte sich höchstpersönlich für einen solchen ein, was zu einer aus heutiger Sicht absurden Häufung von Anschlüssen führte. Schliesslich wollte man verhindern, dass einem der Weg zum wirtschaftlichen Aufschwung versperrt blieb.

«Dass ein direkter Blick auch direkten Lärm bedeutet, ging vielen erst später auf.»
Reto Zobrist,
ehemaliger Kantonsingenieur Nidwalden

«Dass ein direkter Blick auch direkten Lärm bedeutet, ging vielen erst später auf», so Zobrist. Als in den 1970er-Jahren die Lärmbelastung grösser wird, büsst die Autobahn an Sympathien ein. Hans Reinhard präsidierte damals die Baukommission in Hergiswil und hat in seiner Funktion die Erstellung der Lärmschutzgalerie aktiv vorangetrieben, die Ende der 1970er-Jahre gebaut wurde.

Bis heute versucht man, den Lärm von Autobahnen mit schallisolierten Fenstern, mit Untertunnelung oder mit Schallschutzwänden zu begrenzen. Der Zürcher Architekt Claude Schelling formulierte vor einigen Jahren sogar die Vision, Autobahnen einst mit ganzen Wohnsiedlungen zu überbauen. Untertunnelte Fahrstrecken waren allerdings zunächst umstritten, erinnert sich Zobrist. Beim Bau des Gotthard-Strassentunnels zweifelten Psychologen, dass man Menschen so lange Tunnelfahrten überhaupt zumuten könne. «Diese Frage hatten wir uns beim Bau des Seelisberg-Tunnels auch gestellt», sagt er.

Diese Lärmschutzmassnahmen haben das Landschaftsbild in der Schweiz stark geprägt. Die Zeiten der geschwungenen Panoramastrassen mit Traumsicht auf die Berge sind vorüber. Wer sich auf einen der Balkone der Wohnhäuser an der Ausfahrt Emmen- Nord stellt, hat zwar immer noch Sicht auf den Pilatus. Doch vor ihm fächern sich fünf Lärmschutzwände, durch die sich die Automobilisten im Tunnelblick durchmanövrieren. Einen noch radikaleren Weg geht die Familie aus Ursula Meiers Film: Sie mauert die Fenster ihres Hauses aufgrund der immer drückenderen Lärmbelastung einfach zu.

Der Verlust eines Idylls und die Lust zu bleiben

Der Luzerner Fotograf und Hochschuldozent Jean-Pierre Grüter hat vor rund zehn Jahren Menschen entlang der Autobahnstrecke zwischen Luzern und Mailand porträtiert. Die familiäre Verwurzelung sei einer der Hauptgründe, warum viele Menschen über Jahrzehnte trotz hoher Lärmbelastung und teilweiser Landenteignung die Häuser ihrer Eltern oder Urgrosseltern nicht verlassen würden. Auch finanzielle Gründe spielten mit. «Einige, die ich anfragte, verweigerten die Teilnahme an meinem Projekt. Sie schämten sich für ihre Wohnsituation», so Grüter.

In den von Grüter gesammelten O-Tönen überblenden sich Dur und Moll: Da ist der Schmerz über den Verlust eines Idylls. Ebenso das Wissen um die Notwendigkeit von Autobahnen, die auch von diesen freiwilligen und unfreiwilligen Autobahnanrainern rege genutzt werden. «Für die Mobilität sind die Menschen bereit Einiges zu opfern und sie sind erstaunlich anpassungsfähig: Sie gewöhnen sich an den Lärm und den Gestank. Viele sind damit aufgewachsen», so Grüter.

Was in Grüters Bildband auch zum Ausdruck kommt: Die Autobahn mag Städte und Länder miteinander vernetzen. In der Region aber trennt sie Dörfer und Kulturräume.

Sind Autobahnen schützenswert?

In Ursula Meiers Film entscheiden sich die Protagonisten schliesslich doch für die Luft zum Atmen und befreien sich aus ihrem lärmbefreiten Gefängnis. Hilar Stadler, Leiter des Museum im Bellpark in Kriens, hat eine eigene Vision: Vielleicht, so Stadler augenzwinkernd, werde man dereinst mit den Autobahnen so verfahren wie mit den Flüssen und Bächen: «Sobald sie nicht mehr stinken und keinen Lärm mehr verursachen, wird man die Autobahnen wieder von Schutzwänden und ihrem Untergrunddasein befreien und diesen Teil unserer Kulturlandschaft renaturieren.»

Sommerserie: Asphalt-Spaziergänge

 Sommer, Sonne, Badestrand – wie langweilig! In unserer Sommerreihe «Asphalt-Spaziergänge» folgen unsere Autoren entgegen dem Trend, der ins Grüne geht, den Asphaltstrassen unserer Region und fördern Überraschendes zu Tage. (jst)