Nachgefragt
«Zensur schafft nur neue Probleme»: Cartoonisten wehren sich gegen Versuche, ihre Stimmen zum Verstummen zu bringen

Das Fumetto diskutiert online und international zum Thema Zensur. Mit dabei: Der Schweizer Cartoonist Patrick Chappate.

Susanne Holz
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Bitte nicht zensieren! Die Schweizer Comic-Zeichnerin Anda bei ihrer Arbeit an einer Wand auf der Reussinsel - während des Comic-Festivals Fumetto Luzern, 2021.

Bitte nicht zensieren! Die Schweizer Comic-Zeichnerin Anda bei ihrer Arbeit an einer Wand auf der Reussinsel - während des Comic-Festivals Fumetto Luzern, 2021.

Bild: Urs Flüeler/Keystone (Luzern, 23. März 2021)

Jetzt wird’s politisch. Das Fumetto Comic-Festival Luzern bietet am Freitag, 26. März, von 13 bis 16.45 Uhr ein Online-Symposium zum Thema Zensur. Zu Wort kommen unter anderen die Cartoonisten Patrick Chappatte (CH) und Martin Rowson (GB). Wir sprachen mit Pierre Thomé, dem Leiter des Symposiums.

Zensur – ein sehr aktuelles Thema. Wie sehen Sie die zunehmende Tendenz dazu, hervorgerufen vom Streben nach politischer Korrektheit? Stichwort Cancel Culture?

Pierre Thomé: Das Symposium befasst sich seit Jahren mit Zeichnen als Sprache. Das ist das Oberthema. Wir, die wir selber zeichnen, sprechen von der individuellen und einzigartigen Stimme. Zensur, das ist der Versuch, eine Stimme zum Verstummen zu bringen. Cancel Culture ist, so betrachtet, nur ein Problem unter vielen. Aus diesem Grund haben wir unterschiedliche Schwerpunkte. An anderen Orten riskieren Menschen ihre Existenz, ihre Freiheit, manchmal ihr Leben. Darüber muss man auch reden.

Wie sieht es in der Schweiz mit Zensur aus?

In der Schweiz kann jeder eine Dummheit von sich geben und die Aufregung hält sich in Grenzen. Wenn ich mich umschaue, scheint mir der Raum für Auseinandersetzung, für halbwegs zivilisierte Uneinigkeit, in der Schweiz noch relativ intakt. Dieser Raum ist etwas Wertvolles, es liegt an uns, ihn zu schützen.

Wieso braucht es freche Karikaturisten und freie Meinungsäusserung?

Humor verändert das Gleichgewicht zwischen Macht und ihrem Subjekt, zeigt die Kluft zwischen unseren zu hohen Ansprüchen und dem Unvermögen, ihnen gerecht zu werden. Er ist entweder absurd oder er tritt von unten nach oben. Wenn die an der Macht nach unten treten, dann ist das gemein, aber nicht komisch. Wer ein Satiremagazin kauft, weiss, was zu erwarten ist. Es handelt sich um eine Art stilles Einvernehmen. Man muss es nicht kaufen. Wenn jetzt jemand kommt und gezielt eine satirische Zeichnung aus ihrem Kontext reisst und sie über soziale Medien seinen Anhängern präsentiert und mit Berechnung das Feuer der Empörung anfacht, dann haben wir ein Problem. Dieses Problem muss die Gesellschaft lösen. Zensur löst nichts, Zensur schafft nur neue Probleme. Es ist so: Bekommen Sie mit, dass diese oder jene zensiert gehört..., dann hören Sie gut zu, denn man spricht von Ihnen. Ausser, Sie haben keine eigene Meinung, dann riskieren Sie auch nichts.

Was erwarten Sie sich von den Referenten?

Ich erwarte Dialog. Wir konnten all diese grossartigen Koryphäen aus unterschiedlichen Kulturen gewinnen, und alle haben etwas zu sagen.

www.fumetto.ch