Nachruf
Harter Grind, warmes Gemüt und starkes Gewissen: Der Bildhauer Schang Hutter ist tot

Schang Hutter war Bildhauer und Polit-Aktivist für Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Seine lattendünnen Figuren waren populär, vielschichtig und doch verständlich. Der Solothurner Künstler ist 86-jährig gestorben.

Sabine Altorfer
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Schang Hutter 2007 im Kunstmuseum Solothurn vor einer typischen Figurengruppen. Typisch auch sein Auftreten wie ein Büezer und die roten Hosenträger.

Schang Hutter 2007 im Kunstmuseum Solothurn vor einer typischen Figurengruppen. Typisch auch sein Auftreten wie ein Büezer und die roten Hosenträger.

Urs Lindt

Ein Treffen mit Schang Hutter dauerte. Nur schnell über seine neueste Arbeit oder die aktuelle Ausstellung reden, das ging bei ihm nicht. Denn schliesslich haben all seine Figuren eine Vorgeschichte, ein soziales Umfeld und eine Botschaft. Diese Botschaft, das war ihm wichtig, sollte lesbar sein. Für alle. Und sie war es meist auch, wenn man nur ein bisschen Auge, Kopf und Herz öffnete. Das heisst aber nicht, dass Schang Hutters Kunst illustrativ wäre. Nein, seine Figuren, so anschaulich und populär sie sein konnten, waren immer vielschichtig und Resultate bildhauerischer Prozesse.

Schang Hutter-Retrospektive im alten Tramdepot Bern: Der Verletzlichkeit Raum geben.

Schang Hutter-Retrospektive im alten Tramdepot Bern: Der Verletzlichkeit Raum geben.

Hanspeter Baertschi / SZ

Ein «Veitstanz», eine der berühmten Gruppen aus lattendünnen Menschenfiguren etwa, wird so vom ersten Eindruck eines freudigen Gruppentanzes zum Mahnmal für den unfreien und geplagten Menschen, der wegen einer Krankheit die Herrschaft über seinen Körper teilweise verloren hat. Wenn zwei oder drei Figuren oder ein ganzer Reigen ihre überlangen Arme von den oft schmerzhaft nach hinten gebogenen Körpern aufstrecken, so wirkt das so lebendig wie hilfesuchend. So elementar menschlich trotz aller formaler Reduktion.

Kampf gegen Krieg und Ungerechtigkeit

Vom Reden über die formale Lösung einer Figur und seine Absicht kam Schang Hutter jeweils schnell auf seinen Werdegang zu sprechen. Seine Bildhauerausbildung absolvierte der Sohn des Solothurner Steinmetzen Jean Hutter in München. 1954 seien die Stadt und die Menschen noch gekennzeichnet gewesen vom Krieg, erzählte er. Der Anblick von Kriegsversehrten habe ihn schockiert und geprägt. Fertig war es mit den realistischen, schönen Köpfen und Frauenfiguren. In Alberto Giacomettis Reduktion der Körper sah er einen adäquaten Weg, menschliche Befindlichkeit darzustellen.

Ab den 1970er-Jahren war er enorm fleissig unterwegs. Hunderte Figuren und Lithografien entstanden, von den Zeichnungen und seinen kurzen Texten ganz zu schweigen. Es war die Blütezeit der grossen Skulpturenausstellungen und Hutter war stets dabei. Trotzdem wurde es ihm in der Schweiz immer wieder zu eng, er arbeitete 1969/70 in Budapest, verliess Solothurn nach einem Streit um sein Atelier in der Josefskirche 1982 Richtung Hamburg und Berlin. Nicht nur sein ausgeprägtes Gewissen, sondern eben auch ein harter Grind und ein warmes Gemüt gehörten zu Schang Hutter. 1986 kehrte er in die Region Solothurn zurück. Da sei er daheim, sagte er einmal – und hatte doch auch in Genua Wohnung und Atelier.

Der misshandelte Mensch war ein zentrales Sujet. Skulpturenausstellung, Kultur im Dorf, Derendingen: Schang Hutter.

Der misshandelte Mensch war ein zentrales Sujet. Skulpturenausstellung, Kultur im Dorf, Derendingen: Schang Hutter.

Hanspeter Bärtschi

Bronze blieb das bewährte Mittel für Skulpturen im Aussenraum, aus Holz gehauene Figuren entstanden, aber dünne Holzlatten erwiesen sich für Schang Hutter als das perfekte Material um «der Verletzlichkeit Raum zu geben», wie er es in einem Werktitel ausdrückte. Eine der eindrücklichsten Figurengruppen, die «Vertschaupete» (die Getretenen) steht seit 1980 auf dem Bahnhofplatz Biel.

Ein engagierter Künstler und feuriger Sozialdemokrat

Auch in Deutschland wurde Hutter ausgestellt: In München, Hamburg und ja, auch in Ostberlin: im Frühjahr 1989. Und er initiierte zusammen mit André Kamber im Kunstmuseum Solothurn eine Ausstellung offizieller junger DDR-Kunst. Das gab Stunk – und verlängerte seine Fiche beim Schweizerischen Nachrichtendienst.

Allen Angriffen zum Trotz: Hutter blieb feuriger Sozialdemokrat, er kandidierte 1991 als Solothurner Ständerat. Erfolglos. Aber was er zur Situation der Arbeiterinnen und Handwerker, zu Ökobonus, Armut in der Schweiz und Konsumwahn sagte, würde sich als Lektüre für heutige SPler durchaus eignen. Nachzulesen ist es im Katalog zur Ausstellung, die Marie-Louise Lienhard für den angeprangerten Künstler-Politiker 1991 im Helmhaus Zürich ausrichtete.

Künstler für Roberto Zanetti Aktion vor dem Solothurner Rathaus mit Schang Hutter, Rolf Imhof, Peter Bichsel, Roberto Medici, Roland Flueck, Peter Roth, Marianne Flueck, Urs Bucher, Markus Jordi und Roberto Zanetti.

Künstler für Roberto Zanetti Aktion vor dem Solothurner Rathaus mit Schang Hutter, Rolf Imhof, Peter Bichsel, Roberto Medici, Roland Flueck, Peter Roth, Marianne Flueck, Urs Bucher, Markus Jordi und Roberto Zanetti.

© Oliver Menge Pressefotograf BR

Wichtige Wegbegleiterinnen gab es viele. Seine Frau Regula war Teil des Familienunternehmens Hutter. Schriftsteller Peter Bichsel, Galerist und Buchlayouter Roberto Medici und der Fotograf Leonardo Bezzola, die Galeristinnen Silvia Steiner und Elisabeth Staffelbach sollen hier erwähnt werden. SPler wie Willy Ritschard und Moritz Leuenberger mochten Hutter, die Partei bekam von ihm ein hübsches Logo und Ständeratskandidat Roberto Zanetti Unterstützung. Sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder tauchte 2004 bei einer Vernissage Hutters auf.

1998 platzierte Schang Hutter seinen Würfel «Shoah» zum Gedenken an den Holocaust vor dem Bundeshaus. Die «Freiheitspartei» (später Autopartei) räumte «den Schrott» (so ihre Begründung) weg. Was dem Werk umso mehr Beachtung und Resonanz verschaffte.

Shoah: Eine Skulptur des Künstlers Schang Hutter vor dem Eingang zum Bundeshaus. Sie wurde als «Schrott» abgeräumt.

Shoah: Eine Skulptur des Künstlers Schang Hutter vor dem Eingang zum Bundeshaus. Sie wurde als «Schrott» abgeräumt.

Keystone

Schang Hutter war es auch, der 2018 das erste Mahnmal zum Generalstreik von 1918 schuf. Ein Rückenleiden mochte ihn in den Rollstuhl zwingen, sein Gewissen blieb stark. Der Menschlichkeit und Gerechtigkeit ihren Platz geben, blieb das Credo des Künstlers Schang Hutter.

Schang Hutter während dem Aufbau der Ausstellung zu seinem 80. Geburtstag 2014 im Tramdepot Burgenrnziel in Bern.

Schang Hutter während dem Aufbau der Ausstellung zu seinem 80. Geburtstag 2014 im Tramdepot Burgenrnziel in Bern.

Lukas Lehmann / Keystone