Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

NACHRUF: Dimitri – der König der Herzen

Die Schweiz verliert einen grossen Künstler. Dimitri ist mit 80 Jahren in seiner Tessiner Heimat verstorben. Noch tags zuvor hatte er einen Auftritt gehabt – zusammen mit seiner Familie, die ihm so wichtig war.
Dimitri im Jahre 1964 als 29-Jähriger. Einige Markenzeichen wie seine Musikalität und seine einzigartige Mimik hatte er schon damals. (Bild: AP/Michel Lipchitz)

Dimitri im Jahre 1964 als 29-Jähriger. Einige Markenzeichen wie seine Musikalität und seine einzigartige Mimik hatte er schon damals. (Bild: AP/Michel Lipchitz)

Dimitri: Weitere Bilder und Videoausschnitte aus seinem Programm auf www.luzernerzeitung.ch/bonus

Rolf App

Das letzte Mal getroffen haben wir uns Mitte März in Rapperswil bei der Premiere des Circus Knie, der nun in Luzern gastiert. Masha, seine Tochter, war da. Pic, der wunderbare St. Galler Clown. Und, nachdem er sich abgeschminkt hatte, David Larible, der Star des diesjährigen Programms. Das natürliche Zentrum aber bildete er: Dimitri, der die Familie Knie sehr lebhaft dafür lobte, dass sie einem klassischen Clown wieder einmal so viel Raum gab.

Ein klassischer Clown war auch er selber, der jetzt – völlig überraschend – verstorben ist und bis zuletzt seinem Metier nachging: die Menschen fröhlich zu stimmen und ihnen zu denken zu geben. Denn auf seine subtile Weise vermag ein Clown beides, deshalb ist er auch so unentbehrlich für die Menschheit. Unentbehrlicher als manche Erfindung, unentbehrlicher als viele Politiker. Denn sie sind Könige der Herzen, die Clowns.

Kindliches Schlüsselerlebnis

Als Sohn eines Bildhauers und Architekten und einer Kunsthandwerkerin kommt Dimitri am 18. September 1935 in Ascona zur Welt – gleich gegenüber dem Marionettentheater und seiner späteren ersten Bühne. Fünf Jahre später erbt der Vater ein kleines Vermögen und kauft am nordöstlichen Abhang des Monte Verita ein Haus in unmittelbarer Nachbarschaft des Teatro San Materno. Hier kommt das Kind noch vor dem Kindergarten in Kontakt mit dem Ausdruckstanz. Zwei Jahre darauf sieht er im Circus Knie den Clown Andreff. Ihm wird bewusst, dass Clown ein Beruf ist.

«Von da an wollte ich Clown werden», erzählt er 2013, als er unterwegs ist mit dem zauberhaften Soloprogramm, das Highlights aus 55 Jahren bringt. Kisten, eine Garderobe, ein Liegestuhl – mehr braucht Dimitri bei dieser Gelegenheit nicht auf der Bühne. Er öffnet die Kisten, zieht Instrumente heraus und manchmal aus ihnen wieder Baby-Instrumente. Erzählt Geschichten mit knappen Bewegungen und folgt den absurdesten Einfällen. Manchmal ist das zum Schreien komisch, manchmal reinste Poesie. Und immer ist es grosse Kunst.

Heimliche zu lebenslanger Liebe

Früh fängt die Leidenschaft für diese Kunst an. Früh beginnt auch etwas anderes: Als Zwölfjähriger verliebt Dimitri sich ein erstes Mal in seine spätere Frau Gunda, allerdings noch sehr heimlich. Erst 1960 wird daraus eine lebenslange Liebe.

Rascher voran geht es mit der Liebe zum Clown. Parallel zu einer Töpferlehre nimmt er Schauspielunterricht, spielt komische Rollen auf Studentenbühnen und sieht in Bern zum ersten Mal Marcel Marceau. Zu den prägenden Eindrücken gehört 1951 auch der Auftritt von Clown Grock in seinem eigenen Zirkus auf der Berner Allmend.

Marceau lädt ihn 1958 ein, in seiner Truppe mitzuarbeiten. Mit ihm tritt Dimitri in zwei Pantomimen auf, dann geht er mit dem Cirque Medrano auf Tournee. Dimitri ist mittlerweile auch zum vielseitig begabten Artisten geworden. Als die von seinem Vater gegründete Vereinigung «Amici delle belle arti» ihn um einen Auftritt in Ascona bittet, stellt er ein abendfüllendes Programm zusammen, zieht eine alte Leinenjacke des Vaters an und schminkt sich weiss.

Kunst ohne Worte

Zunächst tritt er in Theatern auf, 1970 geht er ein erstes, 1973 ein zweites Mal, 1979 ein drittes Mal mit dem Circus Knie auf Tournee. Er gründet in Verscio die Scuola Teatro Dimitri, spielt in Hongkong, New York und an vielen anderen Orten dieser Erde. Denn, sagt er, «meine Kunst erfordert ja keine Worte. Und die Menschen reagieren überall gleich. Man könnte mich irgendwo absetzen, und ich würde dem Publikum nicht anmerken, wo ich gerade bin.» Dieses Publikum jeden Abend neu zu gewinnen, das ist eine Kunst, die er bis zuletzt wunderbar beherrscht. Viel Poesie steckt in seinen Auftritten, leise Zwischentöne – und ein herrlicher Schuss Anarchie.

Immer wieder etwas Neues

Und Arbeit. «Besser werden», das bleibt sein Ziel. Denn ein Clown ist nie fertig. Immerzu denkt er an Neues. Er führt Regie, kreiert für die damaligen Luzerner Musikfestwochen «L’homme orchestre» – und erringt zusammen mit seinen Töchtern Masha und Nina, mit Sohn David und Schwiegersohn Kai Leclerc mit der burlesken Show «La Famiglia Dimitri» sogar am Broadway einen Grosserfolg.

Dimitri, der Solokünstler, ist auch und vor allem ein Familienmensch. Doch seine Familie, das sind alles Menschen. Im Buch über ihn erzählt der Journalist Hanspeter Gschwend, wie Dimitri und seine Tochter Masha 1985 auf einer China-Tournée mit anderen Menschen einem Mann zuhören, der in einem komplizierten, fesselnden Rhythmus eine Geschichte erzählt, begleitet von kurzen Trommelwirbeln. Fast pausenlos brechen die Zuhörer in hemmungsloses Lachen aus – Dimitri und Masha lachen mit, obschon sie kein Wort verstehen. Denn Komik braucht keine Worte.

«Dieser Mann, die Trommel und das Volk ringsum, das ist die Ur-Situation des Komödianten», sagt Dimitri. Mit Humor könne man alles sagen. Das habe auch Shakespeare gewusst, «der zwischendurch einen Narren auftreten lässt oder einen Totengräber, der lustige Begebenheiten erzählt».

«Er hat uns alle beglückt»

«Il Clown e morto – evviva il Clown!» (Der Clown ist tot, es lebe der Clown!) war 1975 Dimitris erstes Stück überschrieben. Am Dienstagabend ist Dimitri nach kurzem Unwohlsein gestorben, noch am Montag hatte er mit seiner Familie in «DimiTRIgenerations» auf der Bühne gestanden.

Ein grosser Clown lebt nicht mehr, der von sich gesagt hat: «Man muss bescheiden bleiben.» Der Clown ist tot, es lebe der Clown. Seine Kunst ist flüchtig, aber am Ende bleiben wundervolle Erinnerungen an einen einzigartigen Menschen. Oder, wie es gestern Bundesrat Alain Berset ausgedrückt hat: «Er hat uns alle beglückt.»

Sätze von Dimitri

ZITATE are.Dimitri war bekannt dafür, dass er ganz ohne Worte Geschichten und Gefühle erzählen und ausdrücken konnte. Aber er hat uns in den letzten Jahren wunderbare Interviews gegeben. Hier einige ganz besondere Sätze daraus:

«Ich trainiere täglich. Auch Handstände mache ich noch jeden Tag.»

«Klar, die Schminke hilft schon gegen das Altern. Aber wussten Sie nicht, dass Clowns unsterblich sind?»

«Sie sollten die Grösse meines Mauls dann doch nicht überschätzen.» (Auf die Frage, warum er «nur» vier Saxofone gleichzeitig spiele.)

«Der heutigen Stand-up-Comedy fehlt es oft an Poesie und Liebenswürdigkeit.»

«Emil ist mit seiner Mimik dann doch fast auch wie ein Clown.»

«Meine Frau und meine Freunde werden Ihnen bestätigen, dass ich immer ein wenig s Chalb mache.»

«Wenn ich mit Familienmitgliedern auf der Bühne stehe, bin ich nicht mehr der Papa oder der Nonno. Dann sind wir Berufskollegen und kritisieren einander wie Profis.»

«Ich habe mit anderen Clowns festgestellt, dass wir alle sehr gerne Desserts essen. Es muss damit zu tun haben, dass Clowns im Herzen Kinder geblieben sind.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.