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NACHRUF: «Er hatte den Mut, ein Einzelner zu sein»

Der bekannte Sprachforscher Stefan Sonderegger ist 90-jährig gestorben. Sein wissenschaftliches und literarisches Werk hinterliess auch in der Zentralschweiz Spuren.

Trotz seines hohen Alters erfolgte das Ableben des wohl bedeutendsten Kenners von «Deutsch in der Schweiz» (Schweizerdeutsch, Schweizerhochdeutsch, Althochdeutsch, Namenkunde, historische Sprachforschung) ziemlich unvermittelt. Noch nach seinem Tode in Herisau letzte Woche erfolgten Anfragen zu Buchbesprechungen, denen er noch vor kurzem kompetent nachgekommen war.

Auch für die Zentralschweiz war Stefan Sonderegger wichtig. Über prominente Schüler wie Walter Haas (Uni Fribourg), Daniel Annen (Schwyz) und Anton Spengeler (Hitzkirch) hinaus war Sonderegger der wichtigste Erneuerer der Namenforschung in der Deutschschweiz. Ohne dessen methodische Vorarbeit wären auch die Innerschweizer Standardwerke wie «Zuger Orts­namen», die Namenbücher von Schwyz, Uri und dem Kanton Luzern mutmasslich nicht denkbar geworden, so wie Sonderegger wie kaum ein Zweiter die Namenforschung in der Ostschweiz selber betrieben und nach seiner Zürcher Dissertation bei Rudolf Hotzenköcherle (1954) mit dem dreibändigen Prachtwerk «Orts- und Flurnamen des Landes Appenzell» abgeschlossen hat.

Laut Angelo Garovi, ehemaliger Staatsarchivar von Obwalden, war Sonderegger, von 1964 bis 1994 Professor an der Uni Zürich, als Philologe und Linguist der schweizerische Deutschkenner schlechthin. Deutsch in der Schweiz muss als «Triglossie» verstanden werden: die Mundart mit einzigartiger Bedeutung als Umgangssprache, Hochdeutsch und schliesslich noch «Schweizerhochdeutsch», was bekanntlich auch am Radio und im Fernsehen im Vergleich zu Deutschland stets unterscheidbar blieb.

Auch bedeutsam als Historiker

Für die Innerschweiz war Stefan Sonderegger auch bedeutsam als Historiker der Deutsch­forschung in der Schweiz. So schrieb er zum Beispiel auch über den in Beromünster beigesetzten Begründer der schweizerischen Mundartforschung, Franz Joseph Stalder (1757–1833), forschte über Andreas Heusler und dessen Sohn und Enkel, den bedeutsamsten Weggefährten von Philipp Anton von Segesser als Rechtshistoriker.

Über seinen ehemaligen Lehrer äusserte sich der Germanist Daniel Annen, derzeit Präsident des Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellervereins, wie folgt: «Professor Sonderegger war – auch wenn er zeitweise als Fossil galt – weit origineller und aufgeschlossener, als manch einer dachte. Wissenschaftlich bestand diese Originalität darin, dass er die deutsche Sprachgeschichte nicht einfach in einem historischen Nacheinander, sondern in einem System von Konstanten und Inkonstanten aufzeigte. Denn man hatte dies im allgemeinen Diskurs zu wenig zur Kenntnis genommen. Ich vermisse ihn. Mit Kierkegaard könnte man sagen: Er hatte den Mut, ein Einzelner zu sein.»

Bei Tischreden sprach er auch mal Althochdeutsch

Versteht man die deutsche Sprachwissenschaft im historischen Sinn der Brüder Grimm, dann war unbeschadet der Prominenz von «Literaturpäpsten» wie Emil Staiger und Peter von Matt Stefan Sonderegger der wohl bestausgewiesene Germanist der Schweiz. Sozusagen der Stellvertreter des Althochdeutschen auf Erden, welches er in Tischreden mündlich darbot, so wie er trotz seines gigantischen Arbeitsfleisses mit dem entsprechenden Publikationsausweis als Philologe das Gegenteil eines trockenen Sprachbuchhalters war.

An Begeisterungsfähigkeit war er – nebenbei noch Brigadier und Chef des Truppen-Informationsdienstes der Schweizer Armee, 1980 bis 1982 auch Dekan der Philosophischen Fakultät in Zürich – den Literaturpäpsten ebenbürtig. Jedoch als bedeutendster Namenforscher und Mundartkenner der Schweiz stand er kaum je im Fokus der Öffentlichkeit. Nicht zufällig trug die Festschrift zu seiner Emeritierung den Titel «Verborum amor», Liebe zu Wörtern und Worten, herausgegeben von seinem ehemaligen Assistenten Harald Burger (der mit Sondereggers Hilfe die Linguistik in Zürich modernisierte) sowie Mystikgrösse Alois M. Haas und Peter von Matt. Womit die seit Emil Staiger zu Ruhm gelangte Zürcher Germanistik wohl bis auf weiteres ihren Kulminationspunkt erreichte.

Pirmin Meier

kultur@luzernerzeitung.ch

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