NACHRUF: Jeanne Moreau – Die Schönheit des Widerstands

Frankreichs grosse Filmschauspielerin Jeanne Moreau war mehr als das Gesicht der Nouvelle Vague: Sie etablierte ein modernes Frauenbild im Kino. Nun ist sie 89-jährig gestorben.

Daniel Kothenschulte
Drucken
Teilen
Jeanne Moreau (1928-2017) während einer Drehpause am Set von «La Notte», 1961 in Italien. (Bild: Giancarlo Botti/Getty)

Jeanne Moreau (1928-2017) während einer Drehpause am Set von «La Notte», 1961 in Italien. (Bild: Giancarlo Botti/Getty)

Daniel Kothenschulte

Man sagt leicht, bestimmte Gesichter seien aus der Geschichte des Kinos nicht wegzudenken. Versuchen wir es doch einmal: «Fahrstuhl zum Schafott» und «Die Liebenden» von Louis Malle ohne Jeanne Moreau? Truffauts Filme «Jules und Jim» und «Die Braut trug Schwarz» ohne Mo­reau? Antonionis «Die Nacht», Luis Buñuels «Tagebuch einer Kammerzofe» ohne das Faszinosum in ihrer Mitte? Hätte es diese Filme überhaupt ohne die bald am meisten bewunderte Schauspielerin des französischen Films gegeben, was im Einzelfall gar nicht einmal sicher ist, dann hätte ihnen weit mehr gefehlt als nur eine gewisse herbe Schönheit.

Wie das junge Kino der Nouvelle Vague, deren ungekrönte Königin sie war, verkörperte Jeanne Moreau eine Wahrhaftigkeit, die dem Studiokino so lange gefehlt hatte. Sicher, Natürlichkeit besassen in dieser Zeit des Aufbruchs auch ein paar andere. Doch der Eindruck radikaler Ungeschminktheit, der von ihrer Leinwandpräsenz ausging, wirkte tiefer als die mädchenhafte Anmut ihrer Kolleginnen Jean Seberg oder Anna Karina. Es war ein Ausdruck von Reife, der es dieser hochbegabten Künstlerin mit dreissig Jahren erlaubte, die mühsam erworbenen Masken abzulegen, die sie sich in den ersten zehn Jahren einer erfolgreichen Theater- und Filmkarriere erworben hatte.

Modernes Frauenbild, gegen das Normierte

«Louis Malle hat mein Gesicht gewaschen», bedankte sie sich später beim Regisseur von «Fahrstuhl zum Schafott». Tatsächlich ging der entscheidende Schritt zu dieser Neuorientierung von ihr selbst aus. Gegen den Widerstand ihres Agenten hatte sie sich dem jungen Filmemacher anvertraut, der 1958 seinen ersten Spielfilm drehte. So wie sie bereits 1951 souverän genug war, den Siebenjahresvertrag eines Hollywoodstudios abzulehnen. Tatsächlich stand Jeanne Moreau für ein modernes Frauenbild, an das sich nicht nur das behäbige Hollywood, sondern die Nachkriegsgesellschaft selbst erst gewöhnen musste: eine intellektuelle Weiblichkeit, die sich gegen das Normierte auflehnt und Schönheit als das begreift, was sie tatsächlich ist: Einzigartigkeit. Das musste man erst einmal wagen in einer Zeit, als die Stars des italienischen Films aus Schönheitskonkurrenzen hervorgingen. An Romy Schneiders Karriere liess sich parallel beobachten, welchen Fluch makellose Schönheit für eine um individuellen Ausdruck bemühte Schauspielerin bedeuten konnte. In einer an Äusserlichkeiten orientierten Filmwirtschaft hatte es die gleichwohl höchst attraktive Moreau etwas leichter, so banal das klingt – einer leichten Asymmetrie ihrer bei aller Sinnlichkeit ernsthaft nach unten weisenden Mundwinkel sei Dank.

Ohne Make-up, damals unerhört, entfaltete dieses Gesicht seine volle Wirkungsmacht: Sie konnte fast hässlich sein und dann zehn Sekunden später unglaublich attraktiv. Aber sie war in jedem Fall sie selbst. In einer Zeit, als Schauspielerinnen erst damit begannen, ihre Marktmacht zur künstlerischen Selbstverwirklichung zu nutzen, ergriff die damals bereits berühmte Theater- und Filmschauspielerin ihre Chance. Und Jeanne Moreau inspirierte ein Kino, das ohne sie kaum entstanden wäre.

«Hindernisse haben mich stark gemacht»

Bereits ihr zweiter Louis-Malle-Film «Die Liebenden» wurde zu einem der grossen Skandalerfolge der späten Fünfzigerjahre: Die Geschichte einer Frau, die Mann und Kind für einen Jüngeren verlässt, beschäftigte in den USA sogar den Obersten Gerichtshof.

«Hindernisse haben mich stark gemacht», sagte Jeanne Moreau gegenüber der Autorin Martina Meister über ihre Karriere. «Sie zwingen einen dazu, sich seiner Sache wirklich sicher zu sein. Hindernisse sind etwas Wunderbares.» Noch weniger entsprach ihre Rolle in Luis Buñuels «Tagebuch einer Kammerzofe» bürgerlichen Moralvorstellungen – und sprach damit ihrer Hauptdarstellerin aus dem Herzen: «Ich mag das Wort Résistance sehr. Ich bin gerne Teil des Widerstands.»

Als willige Helferin erwies sie sich umso mehr den Genies der Filmkunst, insbesondere Orson Welles, der sie nicht nur in «Der Prozess», «Falstaff» und «Stunde der Wahrheit» besetzte, sondern auch im unvollendeten «The Deep». Manche nannten Jeanne Moreau die Muse der Nouvelle Vague, doch das wäre eine Untertreibung. Sie war eine Soldatin der Avantgarde. In der Ehrenlegion des Kinos steht sie in der ersten Reihe. Unmöglich, es sich ohne Jeanne Moreau vorzustellen.