Kammermusik auf der Rigi: Naturschauspiel und Romantik

Das Stradivari-Fest traf die Stimmung auf der Rigi mit Musik von Mendelssohn und Schumann eindrucksvoll.

Gerda Neunhoeffer
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Stimmungsvolle Atmosphäre: Das Stradivari Ensemble spielte im Panoramasaal im Hotel Rigi Kulm.  Bild: Roger Grütter (24. November 2019)

Stimmungsvolle Atmosphäre: Das Stradivari Ensemble spielte im Panoramasaal im Hotel Rigi Kulm.  Bild: Roger Grütter (24. November 2019)

Wäre man 1829 auf der Rigi gewesen, hätte man dort einmal den jungen Robert Schumann treffen können. Felix Mendelssohn-Bartholdy war wohl nicht auf dem Berg, aber seine Schwester Fanny. Am Wochenende konnte man in drei Konzerten Kammermusikwerke der beiden Romantiker hören. Das zweite Stradivari-Fest auf der Rigi war so abwechslungsreich wie die Wetterlage. Man tauchte aus dem dichten Nebelmeer auf in gleissenden Sonnenschein. Und man erlebte einen Sonnenuntergang wie aus dem Bilderbuch mit verschneiten Berggipfeln in goldenem Licht. Dazu dramatischen Föhnsturm.

Was ist die Faszination an Konzerten in Berghotels? Ist es das besondere Ambiente, der Ausblick, die Nähe zu den Musikern, die Traumkombination aus Natur und Kultur? Sicher von allem etwas. Da sind einmal die Konzerte im Hotel Pilatus Kulm im Queen-Victoria-Saal aus der Belle Epoche oder im kühl gehaltenen Dragon Forum; es gibt Konzerte im Bürgenstock-Resort mit herrlichem Ausblick durch bodenlange Fenster. Oder im Hotel Rigi Kulm im Jugendstilsaal mit Kamin sowie im Panoramasaal mit Weitblick.

Leichtfliessende Virtuosität

Im Kaminfeuerkonzert am Freitagabend im Jugendstilsaal spielten Maja Weber, Cello, und Per Lundberg, Klavier, Schumann und Mendelssohn von «rasch und feurig» bis «zart und mit Ausdruck». Maja Weber, Initiatorin der Stradivari-Feste, liess ihr Cello in allen Lagen voll tönen, Lundberg begleitete filigran und mit leichtfliessender Virtuosität. Erich Nigg aus Gersau las vor jedem Konzert Ausschnitte aus Briefen der beiden Komponisten vor. Wie sehr sie einander schätzten, wurde lebendig. So schrieb Mendelssohn über Schumann: «Ich habe ihn sehr lieb.» Im Herbst 1834 begegneten sie sich zum ersten Mal und die Freundschaft hielt bis zu Mendelssohns frühem Tod.

Zu Beginn des Sonnenuntergangskonzerts am Samstag, zu dem sehr viele Zuhörer trotz des heftigen Sturms auf den Berg gekommen waren, war die Sonne schon hinter Wolken verschwunden. Man sah durch die grossen Fenster im Panoramasaal noch das Abendlicht über den Berggipfeln, und während Mendelssohns Klavierquartett f-Moll op. 2 erklang, wurde es draussen immer dunkler. Drinnen aber erleuchtete das Spiel des Stradivari Ensembles mit warmem Klang und hoch differenzierter Dynamik den Raum. Sebastian Bohren zeigte sich als einfühlsamer Primarius; mit Lech Antonio Uszynski, Bratsche, Maja Weber und Per Lundberg gelang eine herausragende Interpretation.

Alle Facetten ausgeleuchtet

Im Klavierquintett Es-Dur op. 44 von Schumann kam Xiaoming Wang mit seiner Geige von Antonio Stradivari aus der goldenen Periode dazu, die ihm von ­«Beare’s International Violin ­Society» zur Verfügung gestellt wird. Es wurde eine grandiose Interpretation, in der das Stradivari Quartett und Per Lundgren in fantastischer Balance alle Facetten ausleuchteten. Im Gegensatz zu manchen Aufnahmen, in denen es mehr wie ein Klavierkonzert klingt, konnte man hier jede Nuance hören: Kammermusik im besten Sinn, die begeistert gefeiert wurde. Und jedes Konzert konnte man beim Apéro, von der Gastgeber-Familie Käppeli offeriert, mit Künstlern und Besuchern ausklingen lassen.

Beseeltes Zusammenspiel

Die Sonntagsmatinee fand wieder mit vielen Besuchern im Panoramasaal statt. Wie die Melodie in Mendelssohns Streichquartett a-Moll op. 13 durch alle Sätze hindurchschimmert, so schimmerten draussen Lichtflecken zwischen den Wolken über den Berggipfeln. Und wie Xiaoming Wang selbst die höchsten Töne samtweich und zart spielt, so trafen sich alle vier Musiker in beseeltem Zusammenspiel, das von hauchleisen Tönen bis in leidenschaftlich temperamentvolle Virtuosität keine Wünsche offenliess. In Schumanns Streichquartett a-Moll op. 41/1 setzten sie mit dem Scherzo, das an Mendelssohns Sommernachtstraum erinnert, und einem meisterhaft virtuosen Presto den fantastischen Schluss der Konzerte. So eindrucksvoll, dass die Sonne aus den Wolken hervorbrach.