«Neonlicht ist erotisch»: Der Cheftechniker des Kunstmuseums St.Gallen ist fasziniert von  Leuchtröhren

Urs Burger ist Cheftechniker im Kunstmuseum St.Gallen und Künstler. Wie Keith Sonnier, dessen Ausstellung er aufbaut, arbeitet er mit Neon. Er spricht dem Leuchtmittel fast schon magische Qualitäten zu.

Christina Genova
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Urs Burger montiert die letzte Röhre von Keith Sonniers Lichtskulptur «Sel II» von 1978. (Bild: Benjamin Manser)

Urs Burger montiert die letzte Röhre von Keith Sonniers Lichtskulptur «Sel II» von 1978. (Bild: Benjamin Manser)

Mehr als eine Woche vor der Ausstellungseröffnung ist der Aufbau im Kunstmuseum St.Gallen noch voll im Gang. Zwei Arbeitstische auf Rädern stehen herum, darauf Transportkisten – Massanfertigungen für die Neonarbeiten Keith Sonniers, die bald gezeigt werden. Er gehört zu den Pionieren der Neonkunst.

Mittendrin, die Gelassenheit selbst, steht Urs Burger, der Cheftechniker des Kunstmuseums. Mit Neon kennt sich der 60-Jährige aus; es ist das Material, aus welchem er auch seine eigenen Kunstwerke baut. Sie sind vielerorts im öffentlichen Raum der Ostschweiz anzutreffen. Burger spricht Neon fast schon magische Qualitäten zu: «Man kann es an Unorten montieren, und plötzlich passiert etwas.» Urs Burger realisiert aber auch Werke für andere Künstler wie Alex Hanimann, Silvie Fleury oder John Armleder und hat schon Neonarbeiten in halb Europa montiert.

Keine Angst vor Scherben

Die Neonarbeiten von Keith Sonnier sind in massgefertigten Holzkisten verstaut. (Bild: Benjamin Manser).

Die Neonarbeiten von Keith Sonnier sind in massgefertigten Holzkisten verstaut. (Bild: Benjamin Manser).

Neon ist ein äusserst haltbares Leuchtmittel. Urs Burger schwärmt:

«Neon ist untötbar. Ausser man zerstört es mechanisch.»

Angst davor, dass ihm eine von Sonniers Glasröhren zu Bruch geht, habe er keine: «Man kann sie sehr gut rekonstruieren.» Von jeder Röhre gebe es eine Zeichnung. Ausserdem habe sein Glasbläser des Vertrauens, Adriano Rossini aus Steinach, ein enormes Lager. Er sei einer der wenigen, der das Nischenprodukt noch herstelle.

Urs Burger, mit dem Bauplan für eine Neonskulptur, der aus einer transparenten Folie besteht. (Bild: Benjamin Manser)

Urs Burger, mit dem Bauplan für eine Neonskulptur, der aus einer transparenten Folie besteht. (Bild: Benjamin Manser)

Bei der Montage der Neoninstallationen, die aus mehreren Einzelröhren bestehen, ist Präzision gefragt. Für die Sonnier-Arbeiten aus der eigenen Sammlung hat Urs Burger Eins-zu-eins-Schablonen aus transparenter Folie angefertigt. Diese befestigt er an der Wand, um die genaue Position der einzelnen Neonelemente zu markieren. Bis jedes Detail stimmt, gibt es viel zu tun: Die Trafokästen müssen angeschlossen, die optimale Helligkeit von 50 Milli­ampere eingestellt und die Enden der Röhren mit Silikonkappen versehen werden. Ohne diesen Schutz triff einen beim Anfassen buchstäblich der Schlag.

Keith Sonniers Lichtinstallation «Neon Wrapping Lightbulbs» von 1967 besteht aus zwei Kopfspiegelglühlampen, die von einer roten Neonröhre umfasst werden. (Bild: Benjamin Manser)

Keith Sonniers Lichtinstallation «Neon Wrapping Lightbulbs» von 1967 besteht aus zwei Kopfspiegelglühlampen, die von einer roten Neonröhre umfasst werden. (Bild: Benjamin Manser)

Inspiriert von Chinatown

Schwarze Starkstromkabel verbinden die Neonröhren wie gezeichnete Linien: «Andere Künstler versuchen die Kabel zu verstecken. Sonnier arbeitet damit», sagt Urs Burger. Zu dieser und ähnlichen Arbeiten wurde der Künstler durch chinesische Schriftzeichen auf Reklametafeln inspiriert. Er lebte damals in Chinatown in New York. Urs Burger kennt Sonnier gut. Er arbeitete schon vor 25 Jahren bei dessen erster Ausstellung in St.Gallen mit: «Er war auch schon bei mir zu Hause.» Immer wieder kommt Urs Burger auf seine Faszination für Neon zu sprechen: «Vor hundert Jahren war es die erste Energiesparlampe der Welt.» Als sublim und mystisch beschreibt er dessen Ausstrahlung: «Und Neon ist auch erotisch.»

Der Künstler merkte sofort, dass man bei seiner Installation im Durchgang von der Wassergasse zur Gartenstrasse in St.Gallen Neon durch LED ersetzt hatte. In den blauen und gelben Lichtlinien an der Wand gab es Lücken, weil LED als Punktlicht nur in eine Richtung und nicht wie Neon in die ganze Umgebung strahlt. Doch Urs Burger konnte die Haustechnik von den Qualitäten des Neons überzeugen, und mittlerweile kommt dort wieder dessen besondere Aura zum Tragen.

Vernissage 5.4.19, 18.30 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen. Ausstellung «Keith Sonnier – Catching the Light: Sending ad Receiving. Early Sculptures and Videos», bis 20.10.