Netflix oder HBO: Wo gibts die besseren Serien?
Pro & Contra

Netflix oder HBO: Wo gibts die besseren Serien?

Die hochkarätigsten Serien gibt es zurzeit bei HBO und Netflix. HBO war zuerst, Netflix schaute ab. Doch welcher Anbieter hat nun die Nase vorn? Unsere Filmredaktion ist sich uneins.

Regina Grüter und Daniel Fuchs
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HBO ist besser: Ein untrügliches Symbol für intelligente Unterhaltung

Die erste Liebe vergisst man nie. Bei der Musik war das Prince mit dem Stück «Alphabet Street». In Sachen Serien «The Sopranos» von HBO. Gut zehn Jahre ist das erst her, Netflix kannte damals hierzulande trotzdem noch niemand. Meine bessere Hälfte bekennt sich schon seit «Twin Peaks», eine ABC-Produktion wohlgemerkt, als Serienjunkie. Irgendwann hat er mich dazu gebracht, die «Sopranos»-DVD-Box mit nach Hause zu nehmen. Es folgten fünf Staffeln «Six Feet Under», fünf Staffeln «Boardwalk Empire». Alles HBO. Dann kam «Game of Thrones».

Während ich «Sex and the City» noch sporadisch am Fernsehen schaute, Deutsch synchronisiert, kam mit den DVDs das Binge Watching im Original. Und ich, die der Versuchung lange standhielt, war angefixt. Da hat man ja gar keine Zeit mehr, sich Filme anzusehen, hatte ich argumentiert. Tatsächlich erscheint mir Seriengucken immer mal wieder als Zeitverschwendung. Ich will einfach, dass sie richtig gut sind! Und da wären wir wieder bei HBO: «Girls», «Veep», «Big Little Lies», «Sharp Objects» – noch mehr Serien mit weiblichen Hauptfiguren.

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NEU: The Outsider (2020) Ein grausamer Kindsmord erschüttert eine amerikanische Kleinstadt. Der Täter scheint schnell gefasst (ungewohnt: Jason Bateman). Düstere Milieustudie nach Stephen King.
NEU: Westworld (2016–) Durchgestylte, inhaltlich beängstigende Wild-West-Science-Fiction um ultimativen Eskapismus und künstliches Bewusstsein. Jede Woche eine neue Folge der 3. Staffel auf Sky Show.
KLASSIKER: Curb Your Enthusiasm (2000–) Für alle, die nicht zu voreiligem Enthusiasmus neigen, sind die Alltagsepisoden um den fiktionalisierten «Seinfeld»-Co-Schöpfer Larry David unschlagbar – lustig, blöd, scharfsinnig.
KLASSIKER: The Sopranos (1999–2007) Tony Soprano ist nicht nur Mafioso, er ist auch Ehemann, Vater, Sohn und Geliebter. Die Psychiaterin ist ihm da auch keine grosse Hilfe. Stand Pate für eine neue Form seriellen Erzählens.
KLASSIKER: The Wire (2002–2008) Die Sozialbauten von Baltimore sind Schauplatz des Drogenhandels, die Polizei kämpft gegen Windmühlen. Zeigt einmalig die Verstrickungen von Justiz, Politik und Kriminalität auf.
MUST-SEES: Chernobyl (2019) Die Ausstattung der Sky-Original/HBO-Miniserie haut einen um, die Schauspieler auch. Heruntergebrochen auf Einzelschicksale, erlebt man die Tragödie beinahe physisch.
MUST-SEES: High Maintenance (2016–) Familie, Sex, Beziehungen: Ein Gras-Dealer sorgt mit seinen Kundenbesuchen für Einblicke in Brooklyner Wohnungen und lebensnahe Comedy. Jung, frisch und menschlich.
MUST-SEES: Succession (2018–) Diese Familie ist zum Kotzen. Und faszinierend. Die Serie taucht ab in die Untiefen der Macht mit glänzenden Schauspielern und mit Dialogen, wie man sie noch nie gehört hat.

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Sündenpfuhl Vatikan: Nach «The Young Pope» führt Paolo Sorrentino die Ränkespiele fort – poppig, crazy, sarkastisch. Keiner inszeniert Rom so wie er für Sky Atlantic, HBO, Canal+.

Bild: zvg

Meine Liebe zu Prince hält ein Leben lang, auch wenn er es mir bisweilen schwermachte. An meine erste Netflix-Serie kann ich mich nicht erinnern, prägend kann sie nicht gewesen sein. Einzig «The Crown», die brillante Verflechtung von Geschichte, Politik und Privatem, zieht mich zeitweilig auf die Netflix-Seite. Und die grossartige Musikdoku «Hip-Hop Evolution». Na gut, auch «House of Cards» hat das drei oder vier Staffeln lang geschafft. HBO aber prägt seit Mitte der 1990er-Jahre die Serienwelt und rüttelt sie immer wieder gewaltig durch. So vor sechs Jahren mit der ersten Staffel der atmosphärisch und erzähltechnisch herausragenden Anthologieserie «True Detective». Und gerade wieder, mit «Chernobyl».

Regina Grüter findet HBO besser.regina.grueter@chmedia.ch

Regina Grüter findet HBO besser.
regina.grueter@chmedia.ch

Bild: CH Media

Stilprägende Qualität, dafür steht HBO. Mit dieser Meinung bin ich nicht allein. «Chernobyl» und «Succession» haben die diesjährigen Golden Globes mit je zwei Gewinnen dominiert. Die brutal-naturalistische Westernserie «Deadwood» gewann einen, «Barry» von und mit Comedian Bill Hader war bisher sechsmal nominiert. Beide sind oder waren in den USA äusserst beliebt, bei uns kennt sie kaum jemand. Zu Unrecht.

Das Signet, die drei Grossbuchstaben, die sich am Anfang jeder Episode über die Bildstörung legen, ist ein untrügliches Symbol für intelligente Unterhaltung geblieben. Und sorgt bei mir für leichte Erregung. Nicht mehr ganz so wie damals bei Tony Soprano, aber so ist das nun mal im Leben.


Warum Netflix besser ist: Diese Serien sorgen für absolute Glücksmomente

Ich bin ein typisches Serien-Kind der 90er. «Baywatch» hat meinen Fernsehkonsum als Jugendlicher geprägt. Danach lange Zeit nichts, kein Fernseher, keine Serie. Dafür Kinobesuche und Leih-DVDs für den Laptop. Bis ich mir «Breaking Bad» anschauen wollte. Alle sprachen darüber, und ich wunderte mich sehr, wie Menschen sich eine Geschichte antun, die fast 48 Stunden vor der Glotze bedeutet. Schliesslich überwand ich meine Skepsis, und ich löste einen Netflix-Account. Der US-Streamingdienst produzierte damals zwar noch keine Serien, hatte aber ein gutes Händchen und sich die Rechte für «Breaking Bad» gesichert. Monatlich sieben Dollar kostete der Zugang, den ich nach der Serie wieder löschen wollte.

Wollte. Denn gute Serien machen süchtig. Enttäuscht vom Schluss von «Breaking Bad», brauchte ich neuen Stoff.

NEU: Ozark, 3. Staffel (2013–) Eine reizende Familie wäscht am Lake Ozark in Missouri Geld für ein mexikanisches Drogenkartell. Reizvoll, den Familienmitgliedern und ihren Persönlichkeitsveränderungen zuzuschauen.
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NEU: The Stranger (2020–) Ein totes Alpaka in der Stadt, ein schwer verletzter Junge im Wald und eine Fremde, die Geheimnisse ausplaudert. Die in England spielende Miniserie beginnt vielversprechend.
NEU: Tiger King (2020) Die Doku-Serie öffnet den Blick auf die unbekannte Welt von Privatzoos in den USA. Mit ganz vielen Tigern, Löwen und ihren oberschrägen Besitzern. Faszinierend wie abstossend.
KLASSIKER: House of Cards (2013–2018) Kevin Spacey in Bestform als intriganter Politiker. «House of Cards» muss man zu den Klassikern zählen, denn Netflix begann erst 2012 mit Eigenproduktionen.
KLASSIKER: Lilyhammer (2012–2014) Mafioso in New York gerät in Ungnade und flüchtet wohin? Natürlich, nach Norwegen. Voller schwarzem Humor, erinnert nicht nur wegen Steven Van Zandt an «The Sopranos».
KLASSIKER: Orange Is The New Black Diese Serie (2013–2019) ist auch eine Milieustudie in US-Gefängnissen. Genauer, in einem Frauenknast. Eine weisse Frau trifft dort vor allem auf Latinas und Afroamerikanerinnen.
MUST-SEES: The Crown (2016–) Themen aus Politik und Gesellschaft werden geschickt mal mit dem einen, mal dem anderen britischen Royal verknüpft. Auch Ausstattung, Kameraführung und Schauspieler sind top.
MUST-SEES: The Kominsky Method (2018–) Liebevolle Comedyserie übers Altern in der Schauspielbranche mit dem wunderbaren Michael Douglas und Alan Arkin in den Hauptrollen. Voller Selbstironie.
MUST-SEES: When They See Us (2019) Eine Doku-Serie, die es in sich hat. Fünf Jugendliche werden beschuldigt, im New Yorker Central Park eine Frau vergewaltigt zu haben – und landen unschuldig hinter Gittern.

NEU: Ozark, 3. Staffel (2013–)
Eine reizende Familie wäscht am Lake Ozark in Missouri Geld für ein mexikanisches Drogenkartell. Reizvoll, den Familienmitgliedern und ihren Persönlichkeitsveränderungen zuzuschauen.

Bild: zvg

2012 mischte Netflix neu als Produzent den Markt auf. Als Erstes wurde «Lilyhammer», mitproduziert, eine Mafia-Geschichte über einen New Yorker Paten, der sich nach Norwegen absetzt und im für die Olympischen Winterspiele 1994 bekannt gewordenen Lillehammer eine neue Zelle aufbaut. Mafioso im Norwegerpulli, das war sehr reizvoll. Genauso obskur, aber viel cooler war die erste Staffel der Serie «Fargo», ein Spin-off des gleichnamigen Kultfilms der Brüder Coen. Netflix war an der Produktion zwar nicht beteiligt, bewies aber wiederum guten Geschmack und zeigte die Serie.

Auch die Netflix-eigenen Produktionen wurden besser und besser. Unter ihnen «Orange Is The New Black» über eine weisse Mittelschichtsfrau im vornehmlich von Latinas und Afroamerikanerinnen besetzten Frauenknast. «House of Cards» dann wurde geradezu zum Hype. Nie zuvor hatte ich einen böseren Politiker im Fernsehen gesehen als Kevin Spacey, dessen Intrigen ihn zum mächtigsten Mann des Planeten machten. Zu meinen absoluten Glücksmomenten auf Netflix gehört auch «Narcos» und danach «Narcos Mexiko», die sehr spannend erzählten Geschichten des Drogenkriegs in Lateinamerika.

Daniel Fuchs schaut gerne Netflix.daniel.fuchs@chmedia.ch

Daniel Fuchs schaut gerne Netflix.
daniel.fuchs@chmedia.ch

Bild: CH Media

Zugegeben, daneben gibt es bei Netflix sehr viel Mist. Doch finden sich darauf auch sehr gute Doku-Serien, zum Beispiel «When They See Us» über einen Justizskandal, der einen zu Tränen rührt.

Netflix hat mir und Zigtausenden Menschen die Welt der Serien neu erschlossen. Der Dienst führte dazu, dass andere wie Sky (mit HBO-Serien) nachzogen. Ohne Netflix würden wir immer noch DVDs ausleihen.

HBO-Serien: Auf show.sky.ch, neben Sky-Originals («Gomorrha», «Babylon Berlin», «Der Pass»). Nachteil: nur Originalversion oder Deutsch synchronisiert, oft englische UT. Neu auf Swisscom-TV-Box; einzeln bei Amazon, iTunes oder Google Play.

Netflix-Serien: Netflix gibt’s via netflix.com oder als App, z. B. auf dem Tablet. Zugang zum Beispiel auch via Swisscom-TV möglich.

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