Netflix stiehlt den Theatern die Show

Stellen Theater Inszenierungsvideos wegen der Corona-Krise online, ist das nicht immer zu ihrem Vorteil. Es bräuchte dringend neue Vermittlungsideen, findet auch Regisseur Christopher Rüping, dessen Inszenierungen derzeit ebenfalls online zu sehen sind. 

Julia Stephan
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Kamera auf der Bühne klug eingesetzt: Christopher Rüpings Inszenierung «Der letzte fiese Typ» am Schauspielhaus Zürich.

Kamera auf der Bühne klug eingesetzt: Christopher Rüpings Inszenierung «Der letzte fiese Typ» am Schauspielhaus Zürich.

Bild: Gina Folly

«Wärt ihr bereit, für Theater-Streaming-Formate in der vorstellungsfreien Zeit zu bezahlen?», fragte Regisseur Christopher Rüping letzte Woche seine Twitter-Gemeinde. Rüping, der die Proben zu seinem neuen Stück mit dem fast schon prophetischen Titel «Einfach das Ende der Welt» am Schauspielhaus Zürich Corona-bedingt abbrechen musste, erhielt das Feedback von seiner Twitter-Gemeinde postwendend zurück: 10 Franken würde man bezahlen, mehr nicht.

Das Theater trifft den Corona-Lockdown besonders heftig: Die kostenintensiven Theatermaschinen waren bislang nur dazu da, den Zuschauern unmittelbare Live-Momente zu bescheren. Dafür braucht es Proben mit Menschen, die ihren Körper als Arbeitsinstrument verstehen und mit anderen nah zusammenarbeiten. Eine Aufforderung zum Social Distancing klingt da wie ein schlechter Scherz.

Schon bevor der Bundesrat am Montag die Schliessung aller Veranstaltungshäuser angeordnet hatte, stand für die Schweizer Theater deshalb fest: Nicht nur die Vorstellungen müssen ausgesetzt werden, auch die Proben. Werkstätten und Betriebsbüros sind verwaist. Und seither ist die Idee, Inszenierungen als Geistervorstellungen via Life-Stream an den Mann oder an die Frau zu bringen, nicht mehr realisierbar. Das Luzerner Theater, das Franz von Strolchens Theater-Serie «Taylor AG» bis Ende letzter Woche als Stream angeboten hatte, musste seine Serienproduktion stoppen, um Schauspieler nicht zu gefährden. Am Konzert Theater Bern wie am Schauspielhaus Zürich klärt man gerade ab, wie man alte Produktionen digital zur Verfügung stellen könnte. «Es gibt Überlegungen einzelne Szenen mit Kommentar zu zeigen, aber auch Ideen für ganz andere Formate», sagt Philine Erni, Pressesprecherin des Zürcher Schauspielhauses. «Wege für gemeinschaftliche (Kultur-)Erlebnisse» seien schon in der Pipeline. Und auch am Theater Basel wird darüber diskutiert, welche digitalen Angebote in Zukunft Sinn machen.

Viele Life-Streams wurden abgesagt

Auch das deutsche Theaterportal nachtkritik.de, welches für Theater-Junkies in einem digitalen Spielplan sämtliche Online-Angebote des deutschsprachigen Raums zusammenführt, musste diese Woche viele angekündigte Life-Streams vom Spielplan nehmen. Auch hier wird das Angebot von älteren Videomitschnitten dominiert. Die wegen Corona diese Woche einen Monat früher als geplant online gegangene Plattform Spectyou.de zeigt seit dieser Woche Videos von Inszenierungen und will künftig auch live streamen. Momentan ist das Angebot noch kostenlos. Ein Premiumabo soll später monatlich 12 Franken kosten. Bis die Künstler daran mitverdienen, wird es aber noch eine Weile dauern.

Kann das nur zu Dokumentationszwecken mit einer Standkamera gefilmte, ungeschnittene Filmmaterial von einer Theaterbühne es mit einer Netflix-Serie überhaupt aufnehmen? Stösst es bei Theaterpublikum auf gleiches Interesse wie bei Operngängern, die wegen einer Übertragung der New Yorker Metropolitan Opera sogar ins Kino gehen?

Theater-Videos wirken, sofern sie nicht aufwendig fürs Fernsehen produziert sind, oft wie bizarre Kostümpartys mit Darstellern, die übertrieben affektiert in die Kamera grimassieren. «Filmt man Theater ab, merkt man sofort, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler für das Filmformat viel zu ‹gross› spielen», sagt auch Regisseur Christopher Rüping.

«Wir müssen schauen, dass unsere Stärken zum Vorschein kommen, und wir nicht mit einer Milliarde Facebook-Life-Streams konkurrieren.»
Christopher Rüping, Regisseur

Dass derzeit in der Szene möglichst schnell und viel Content fürs Internet produziert wird und Theater Videos publizieren, die nur für den internen Gebrauch gedacht waren, hält er auf lange Sicht für keine Lösung. «In der momentanen Situation finde ich es fast sympathischer, wenn meine Nachbarin auf Youtube in ihrer Badewanne eine Geschichte vorliest, als wenn das eine professionelle Schauspielerin tut. Wir müssen schauen, dass unsere Stärken zum Vorschein kommen, und wir nicht mit einer Milliarde Facebook-Life-Streams konkurrieren.»

Rüping sieht den Probestopp als Chance, den Theaterdiskurs in Videokonferenzen voranzutreiben und neue digitale Formate zu auszuhecken, die das Theater unter der Prämisse des abwesenden Publikums denken. «Solange es für uns aber nicht einmal möglich ist, uns in kleinen Gruppen zu treffen, kann aber auch ich nicht viel mehr machen, als ein Lebenszeichen zu senden.»

Am 22.3., ab 18 Uhr zeigen die Münchner Kammerspiele Christopher Rüpings «Hamlet»-Inszenierung in ihrem Online-Angebot «Kammer 4». www.muenchner-kammerspiele.de 
Rüpings Brecht-Inszenierung von «Trommeln in der Nacht»" finden Sie auf dem Youtube-Kanal Bühnenwelt. Mehr Theater-Online-Angebote im deutschsprachigen Raum: www.nachtkritik.de sowie www.spectyou.com

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