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NEU IM KINO: Afghanin rappt gegen Zwangsheirat

«Sonita» ist ein ausgezeichneter Schweizer Dokfilm. Er beginnt als einfaches Porträt und wird zu einem Drama, das die Zuschauer im Kino live miterleben können.
Lässt sich nicht mundtot machen: das afghanische Flüchtlingsmädchen Sonita im gleichnamigen Schweizer Dokumentarfilm. (Bild: PD)

Lässt sich nicht mundtot machen: das afghanische Flüchtlingsmädchen Sonita im gleichnamigen Schweizer Dokumentarfilm. (Bild: PD)

Nadja Suter

Ein kleines Zimmer in einem Vorort Teherans, mit einem Bett, darüber einige Bücher und Poster von Popstars an den schmutzigen Wänden. Die 15-jährige Afghanin Sonita liegt auf dem Bett, den Kopf auf die Hände gestützt, und sagt: «Kannst du die Kamera nicht abschalten? Ich möchte meinen Schleier abnehmen und schlafen.» «Was passiert, wenn du den Schleier vor der Kamera abnimmst?», fragt die Filmerin, unsichtbar hinter der Kamera. «Das wäre sehr schlecht, dann würden das meine Brüder sehen», sagt Sonita, steht auf, löscht das Licht und legt sich ins Bett.

In der kleinen Wohnung, in der sie mit ihrer Schwester und ihrer Nichte lebt, beginnt die Begegnung mit Sonita. Die Kamera folgt ihr durch die staubigen Strassen und in ein Zentrum für Flüchtlingskinder. Dort trifft Sonita ihre Freundinnen – und sie rappt vor den anderen Kindern und Angestellten.

Gefährliche Leidenschaft

Rappen ist Sonitas Leidenschaft. In ihrer Freizeit feilt sie an ihren Texten und Melodien. Nur – rappende junge Frauen leben nicht nur in ihrer Heimat Afghanistan gefährlich, auch im Iran gehört sich das nicht. Zumal Sonita auch noch sozialkritisch rappt, denn ihre Texte richten sich gegen Zwangsheiraten. Die junge Frau weiss, wovon sie spricht: Ihre Mutter will sie verheiraten, damit Sonitas Bruder das Brautgeld für die eigene Hochzeit aufbringen kann.

Doch Sonita weigert sich. Und an diesem Punkt kippt das Werk in einen sozialpolitisch engagierten Film. Immer mehr steht jetzt auch die Filmemacherin Rokhsareh Ghaem Maghami im Fokus, die sich entschliesst, ihrer Pro­tagonistin zu helfen. Sie sorgt dafür, dass Sonita nicht mit ihrer Mutter nach Afghanistan zurückmuss, und hilft ihr, ein Musikvideo zu produzieren. Nachdem sie das Video ins Internet gestellt hat, wird das Ausland auf Sonita aufmerksam. Und auch die iranischen Behörden: Das Flüchtlingszentrum darf das Mädchen nicht mehr unterstützen, weil Rappen für Frauen verboten ist.

Mit einfachen Mitteln zeigt der von der Schweizerin Aline Schmid mitproduzierte Film das Leben des Flüchtlingsmädchens. Er berichtet behutsam von dessen Träumen und den Steinen, die ihm immer wieder in den Weg gelegt werden.

Berührend und unvorhersehbar

Gleichzeitig thematisiert die Iranerin Rokhsareh Ghaem Maghami, wie sehr sie sich als Filmemacherin selbst engagieren darf oder soll. «Ich darf als Dokumentarfilmerin nicht in dein Leben eingreifen», sagt sie zu Beginn des Films zu Sonita. Später tut sie genau das, ringt aber zuvor sichtlich mit sich. Doch dank ihrer Hilfe entgeht Sonita der Zwangsheirat und kann sich öffentlich für andere junge Frauen mit demselben Schicksal engagieren. Der Film berührt auch wegen seiner Unvorhersehbarkeit. Was als einfaches Porträt beginnt, wird zu einem echten, live miterlebbaren Abenteuer.

Eine Kämpferin wie Malala

Eines, das bereits Kritiker und Zuschauer begeisterte: Am renommierten Sundance Film Festival in Park City (USA) gewann der Film in der Kategorie «Beste internationale Dokumentation» den Jury- sowie den Publikumspreis. Weitere Auszeichnungen gab es an Festivals in Portugal und Amsterdam.

Sonita erinnert an Malala, die junge Pakistanerin, die für Schulbildung für Mädchen kämpft und die von den Taliban angeschossen wurde. Hat Friedensnobelpreisträgerin Malala jedoch den Rückhalt ihrer Familie, so flieht Sonita vor ihrer Mutter und ihren Brüdern, die sie verheiraten wollen.

Wirkt Malala in der Öffentlichkeit oft unnahbar, so scheint Sonita echt und natürlich. Der Film zeigt sie kichernd und blödelnd, aber auch weinend – und dann wieder, wie sie bestimmt ihre Ziele erklärt. Zum Schluss des Films nimmt Sonita auch den Schleier vor laufender Kamera ab und rappt mit wehenden schwarzen Haaren vor Publikum. Sie ist weit weg von ihren Brüdern, die das unziemlich finden würden.

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Hinweis

Der Film läuft ab Donnerstag im Kino Bourbaki, Luzern.

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